About Royal Kids and Others, Friedrich Pöhler, 1909-1910

Von Königskindern und anderen (About Royal Kids and Others) Friedrich Pöhler, a photographer in Wilhelmsdorf 1909-1910 It is still not known why in 1909 the wandering photographer Friedrich Pöhler came to the Upper Swabian village of Wilhelmsdorf, why – out of all places – he set up a photo atelier there and where he moved to after nearly two years of residency. Not even the value of his photographic legacy of Wilhelmsdorf was immediately recognized when the ca. 350 glass negatives were found a few years ago. So the surprise was really great when finally the photographs, which meanwhile had been stored in the basement of an antiquarian, were examined in detail. They are far more than just a nostalgic finding of old photographs. Pöhler was a master and artist of his profession, he created unique and sustainable image traditions and recorded the way of living of the people of Wilhelmsdorf and their neighbours in a very ambitious way. A real discovery!


Koenigskinder_Cover

Von Königskindern und anderen. Friedrich Pöhler – ein Photograph in Wilhelmsdorf, 1909-1910

(Residenz Verlag, Salzburg und Wien)
ISBN 3-7017-1073-2

Staatsarchiv Sigmaringen, D, 30.04.2015 - 03.07.2015

poehler

 

Friedrich Pöhler, ein Photograph in Wilhelmsdorf 1909–1910

Eröffnung der Ausstellung
am Mittwoch, dem 29. April 2015, um 17.00 Uhr
im Staatsarchiv Sigmaringen
Karlstraße 1+3
72488 Sigmaringen

Begrüßung
Dr. Volker Trugenberger


Der Nachlass eines Dorfphotographen Wilhelmsdorf 1909–1910

Martin Rexer M. A.

Einführung in die Ausstellung
Professor (FH) Claudio Hils

Musikalische Umrahmung
Susanne Hinkelbein am Monochord

Dauer der Ausstellung:
30. April 2015 bis 3. Juli 2015

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 9.00 Uhr bis 16.30 Uhr
an Feiertagen geschlossen

weitere Informationen:
Einladung zur Ausstellung [PDF]

Ausstellungsansichten:

YA0A2878kYA0A2859k YA0A2853k YA0A2869k

ZfP Südwürttemberg, Zwiefalten, D, März bis Juni 2014

Sorry, this entry is only available in DE.

Reaktionen –  Bernhard Fuchs, August Sander, Friedrich Pöhler. Portraits in Farbe im Dialog mit Bildern aus der fotografischen Sammlung im Museum Folkwang

Museum Folkwang, Essen, D, 15.12.2000 - 11.2.2001

Galerie Bodenseekreis / Neues Schloss Meersburg, Meersburg, DE, 16.08.2013 - 03.11.2013

 

(DE) Von Königskindern und anderen, Friedrich Pöhler, ein Photograph in Wilhelmsdorf 1909-1910

Stadthaus Ulm, Ulm, D, 1999

(DE) Von Königskindern und anderen, Friedrich Pöhler, ein Photograph in Wilhelmsdorf 1909-1910

Josef Albers Museum, Bottrop, D, 1998

(DE) ​Internationale Fototage Herten

Herten, D, 1997

​Museum Wolfegg, Wolfegg, D, 1997

Sorry, this entry is only available in DE.

Sorry, this entry is only available in DE.

Sorry, this entry is only available in DE.

Gesichter des anderen Lebensgefühls

Die Fotoausstellung „Von Königskindern und anderen“ im Stadthaus 

Früher muss das Leben anders gewesen sein, vielleicht härter. Dies mag sich denken, wer in die Gesichter schaut, die der Wanderfotograf Friedrich Pöhler im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts im oberschwäbischen Wilhelmsdorf portraitiert hat.

Vom Dachboden 

Solche Gesichter sind in unseren Breiten selten geworden, so allein der visuelle erste Eindruck – gleichwohl darf man sich nicht täuschen: Zwang und Ritual der Gruppe, sie gelten auch hier. Eine Auswahl aus den rund 400 jüngst auf einem Dachboden gefundenen Glasplattennegativen des bis dato vollkommen unbekannten Pöhler zeigt jetzt das Stadthaus in einer von dem Essener Kommunikationsdesigner Claudio Hils konzipierten Schau. Weit über 100 Neuabzüge sind von den Originalnegativen gemacht und heutigen Sehweise entsprechend vergrößert worden.

Kulturhistorisch reizvoll 

Geschildert werden Einblicke in Organisation und Struktur der pietistischen, als technikabweisend geltenden Gemeinde, die inmitten eines streng katholischen Umfelds existierte: Hochzeits- und Familienportraits, aber auch Postkarteneditionen für die Wirts- und Kaufleute der Region. Die in Wilhelmsdorf – benannt nach König Wilhelm I. von Württemberg – angesiedelte Taubstummenanstalt oder das dortige Knaben- und Mädcheninstitut waren zu jener Zeit bereits angesehene Bildungseinrichtungen, auf deren Innenleben Pöhler Blicke werfen lässt. Zur Ausstellung erschienen ist ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen mehrerer Autoren zum Themenfeld. Deutlich wird, dass sich Pöhlers Bilder aus der evangelischen Brüdergemeinde, entstanden in den Jahren 1909/10, historisch durchaus mit den Portrait- und Gesellschaftsgeschichten eines August Sanders oder den städtischen Milieuschilderungen eines Heinrich Zille vergleichen lassen. Eine Reihe von Führungen und Vorträgen begleitet die Ausstellung im Stadthaus, die noch bis zum 11. April dauert.

Claudio Hils

Die Japanreise war ein ziemlich anstrengendes Unterfangen. Für Spiegel Spezial fotografierte Claudio Hils die Tokioter Börse, sein Parallelauftrag in Japan war eine Dokumentation der Konzerttournee der Gruppe Faust kaum wieder in Essen angekommen, folgte der unmittelbare Gang ins Labor: Filme entwickeln, Kontakte anfertigen und dreimal drei Sätze Farbvergrößerungen printen. Jeweils einen für die Kunden, die nächsten Sätze zum Akquirieren neuer Aufträge, die dritten und edelsten für das Privatarchiv. Fotografenalltag in der 1. Bundesliga. Montag: Claudio Hils hat einen Telefontag. Das neuste Produkt: „Die Euro Kids“ (Wienand, 1998), ein illustriertes Kinderbuch über die europäische Währungsunion will er an den Mann bringen. Die Idee des Buches stammt von ihm, zur Realisierung engagierte er allerdings eine professionellen Texter und eine Illustratorin. Wenn die Großbanken palettenweise „Die Euro Kids“ bestellen würden, er wäre an der Sonne.

Es klingelt. Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung kommt gleich zur Sache. Er möchte ein Kontingent Abzüge bestellen. Das Hils-Motiv, um das es sich handelt: Die europäischen Finanzminister zeigen auf einem Gruppenbild mit Dame Geschlossenheit. Es gibt aber ein kleines ästhetisches Problem: Das Knie der finnischen Ministerin strahlt wie ein Atompilz im grauen Umfeld der Anzugträger. Deshalb muss die delikate Stelle teilweise nachbelichtet werden, um die Farbneutralität des Abbildes wieder herzustellen. Für den 36jährigen eine Fingerübung, der Kunde ist zufrieden. Die Lieferung erfolgt am nächsten Tag. Business usual.

Claudio Hils verkörpert den Fotografen der Endneunziger: Manager, Designer und Künstler in Personalunion. Dass dies nicht zu Lasten der Qualität gehen muss, beweist ein Langzeitprojekt, das er ab dem 1. Februar in einer Einzelausstellung im Bottroper Quadrat vorstellt. Es ist die liebevoll aufgearbeitete Glasnegativsammlung des Wanderfotografen

Friedrich Pöhler, der in den Jahren 1909 und 1910 die pietistische Gemeinde Wilhelmsdorf in Oberschwaben porträtierte.

Während der Hertener Fototage im letzten Herbst bekam Claudio Hils dafür schon viel Beifall vom Fachpublikum, woraufhin die Fachpresse und das Feuilleton überregionaler Zeitungen diese Arbeit in aller Ausführlichkeit besprachen. Der Grund hierfür liegt in der fotohistorischen Bedeutung des Materials, das 1993 während einer Dachbodenräumung in Wilhelmsdorf entdeckt und über einen Antiquitätenhändler in die Hände von Claudio Hils gelangte.

Friedrich Pöhler war ein „Künstler unter den Bauern“. Und das Verblüffende an seiner Arbeitsweise war, dass seine Porträts sich kaum von den Porträts des großen Kölner Fotografen August Sander unterscheiden, der am Anfang dieses Jahrhunderts die Bauernschaft im Bergischen Land fotografierte. Ute Eskildsen, Leiterin der international renommierten Fotografischen Sammlung in Essen, erkannte sofort die Bedeutung des Fundes und kaufte zehn Arbeiten für die Sammlung.

Wie viel Überzeugungsarbeit, Eigenkapital und Ausdauer jedoch notwendig waren, um aus dem Pöhler-Material das Buch „Von Königskindern und anderen“ zu machen, war an den dunklen Augenrändern von Claudio Hils abzulesen. „Bei aller Liebe zur Fotografie, aber so einen Stress tue ich mir nicht noch einmal an.“

Bilder sind nur eine zweite Welt

Arnold Stadler schrieb einen Essay zu Friedrich Pöhlers Fotografien 

Fotografien beweisen, dass etwas war. Wie es war, müssen wir uns vorstellen. Das wurde in einer Lesestunde mit Arnold Stadler zur Fotoausstellung Friedrich Pöhler im Stadthaus bewusst gemacht. Und auch, wie frei Sprache ist gegenüber einem gestellten Bild.

In den ältesten Familienalben Fotografien anschauen und sich ausmalen, wie diese allenfalls mit Namen bekannten Leute gewesen sein mochten, was ihre Gesichter und Haltungen über sie und auch über diesen künstlichen Moment des Porträtierwerdens sagen, gehört zu den Mußestunden, in denen man die Zeit vergessen kann. Wenn Schriftsteller solche Betrachtungen nutzen, lange vergangene Situationen und gar Leben imaginieren, wird – wenn`s gelingt – die Freiheit und Beweglichkeit der Sprache gegenüber dem stummen, stillen Bild deutlich. Es kann nur dann erzählen, wenn man ihm Fragen stellt.

Arnold Stadler, durch Romane bekannt geworden, die in seiner heimatlichen Region um Meßkirch spielen und die so ernst wie komisch von Verlust und Scheitern und Tod erzählen, hat sich auf diese – naturgemäß subjektive – Weise auf eine Reihe der alten Fotografien eingelassen, die derzeit im Ulmer Stadthaus ausgestellt sind. Der Schriftsteller war, wie er berichtete, einer der ersten, die nach der Wiederentdeckung der Dorfszenen und Porträts, die der Wanderfotograf Friederich Pöhler 1909/10 im oberschwäbischen Wilhelmsdorf vor allem bei den pietistischen „Königskindern“ aufgenommen hatte, einer der ersten, die diese Fotografien gesehen und ihren Wert erkannt hatten.

Vor einem kleinen Zuhörerkreis las Stadler am Montag abend den Essay, den er für das große Buch „Von Königskindern und anderen“ geschrieben hat, in dem Pöhlers Bilder nun für immer aufgehoben sind. Doch was ist in ihnen aufgehoben? Diese Frage lösten Arnold Stadlers Gedanken aus, denn „Bilder sind nur eine zweite Welt“, notierte er zur Aufnahme

eines jungen, kräftigen Mannes, der in einer weißen Schürze an der Tür seines Arbeitsortes lehnt, „im Türrahmen seines Lebens“ also. Die Wirklichkeit bleibt unbekannt. Der Betrachter Stadler sieht Glück in den Augen des Mannes, er vergegenwärtigt sich den Ton von dessen Muttersprache, denkt sich aus, was der, ein Schwarzbrenner vielleicht, auf dem Kerbholz haben könnte – lauter Dinge, die gar nicht fotografierbar sind.

„Davon weiß das Bild nichts“, heißt ein Satz, der auch für die anderen von Friedrich Pöhler gestellten Situationen gelten mag, für die Stadler sozusagen eine dritte, eine literarische Welt entworfen hat. Eine Idylle kommt darin nicht vor, eher das Gegenteil, wenn Stadler seinen Text auch altmodisch „Sehnsucht“ betitelt hat. Es klingt da ein unbestimmtes Heimweh an, aber auch das vage Gefühl, das Leben könnte (anderswo?) weniger beengt und kühl sein.

Beide Assoziationen passen zu den Fotografien und ebenso zu dem kurzen Auszug, den Arnold Stadler als Ergänzung aus seinem Roman „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ las (Residenz Verlag 1994). In einer der Passagen vom Anfang, in denen Stadler mit schwermütiger Komik oder komischer Schwermütigkeit von einer dumpfen Dörflichkeit erzählt, wird auch über das Familienfoto reflektiert: „…alles wurde noch festgehalten,… als ob es der Erinnerung wert gewesen wäre. Wir haben und in Erinnerung aufgelöst. Unsere Photographien sind Anhaltspunkte unseres Vergessens.“

Bibel in der Linken, Bierkrug in der Rechten

Schöne Tage um 1910: Fotografien von Friedrich Pöhler im Ulmer Stadthaus 

An einem sonnigen Frühlingsnachmittag des Jahres 1910 klettert ein Mann auf einen Hügel im Oberschwäbischen, baut seine Plattenkamera auf und lichtet den Blick auf seinen neuen Heimatort ab. Achtzig Jahre später, der Fotograf und seine Bilder sind längst im Nirgendwo verschollen, staubt der junge Bildjournalist Claudio Hils vorsichtig die Glasnegative ab, die ein Bekannter zufällig beim Entrümpeln eines fremden Dachbodens gefunden hatte – 400 Aufnahmen, offenbar alle von einem Bildautor.

Das Konvolut stellt seine Entdecker vor einige Rätsel. Nur auf manchen der Platten kleben kleine, mit Feder beschriftete Papierstreifen, die oft nicht mehr als den Namen und den Beruf der abgebildeten Person festhalten. Doch schließlich findet sich eine Werbepostkarte des Fotografen, die viele Fragen klärt. Ein schnauzbärtiger Herr mit erhobenem Zeigefinger heischt die Aufmerksamkeit des Betrachters und stellt sich mit knappem Werbetext vor: „Photographisches Atelier Friedrich Pöhler, Wilhelmsdorf. Reelle Bedienung! Mäßige Preise!“

Die Porträts, Landschafts- und Architekturaufnahmen Pöhlers, zur Zeit im Ulmer Stadthaus zu sehen, öffnen ein Fenster in eine fremde Welt. Denn diese Bilder zeigen nicht irgendein Dorf – sie dokumentieren einen Ort, der die Verheißung des Paradieses hätte sein sollen, wo aber glühende Visionäre in den kalten Sümpfen der Umgebung scheitern. Wilhelmsdorf war eine Brüdergemeinde strenger Pietisten. Die „Erweckten“ hatten das königlich verbürgte Recht, jeden des Ortes zu verweisen, der sich ihrer totalen Zucht und Ordnung entzog. Dafür hatte der Monarch die Siedlung 1824 auf hoffnungslos unfruchtbaren Torfboden gepflanzt. Hart an der Staatsgrenze von Baden und Württemberg sollten die Pioniere sich nützlich und das Land urbar machen, doch sie blieben unwillkommen – Protestanten mitten im tiefkatholischen Oberschwaben.

Noch fast ein Jahrhundert später, als das radikalreligiöse Experiment längst gescheitert ist und es den Fotografen Friedrich Pöhler von irgendwoher nach Wilhelmsdorf verschlägt, sind die

tiefen Gräben sichtbar. Pöhler verbringt nur eineinhalb Jahre in Wilhelmsdorf, doch seine Bilder erinnern an die quasi soziologischen Langzeitstudien von August Sander. Pöhler zeigt die strenge Kleidung der Pietisten und den dezenten Schmuck der Katholiken: die Bibel in der Hand der einen und die Bierkrüge in denen der anderen.

Und er zeigt die schleichende Auflösung des religiösen Sittenkanons – junge Burschen bauen sich selbstbewusst vor der Kamera auf, Zigaretten haltend! Noch wenige Jahre zuvor führte es zu einem Verhör beim Dorfgendarmen, wen einer Glimmstengel öffentlich anbot. Nun aber taugen die Genussartikel als Ausweis der Modernität, und das Atelier des zugewanderten Lichtbildners ist der rechte Ort für kleine Fluchten.

Die bleiben auch Friedrich Pöhler selbst nicht erspart. Sein Handwerk ist selbstverständlich längst auf dem Weg zum Massenmedium, und er Fotograf muss umherziehen, um noch Aufträge zu ergattern.

Aber nicht einmal diese Mühsal reicht für ein berufliches Fundament, dazu kommt eine private Katastrophe. Im Sommer 1910 heiratet Pöhler eine Frau aus Ostpreußen, doch die beiden Zugewanderten bleiben auch einander fremd. Drei Monate später verlässt sie ihn. Wie kopflos meldet Pöhler am nächsten Tag sein Unternehmen beim örtlichen Gewerberegister, um den Eintrag zwei Wochen darauf zu annullieren. Ende November 1910 wendet Friedrich Pöhler dem Dorf, das er im Frühjahr vom gegenüberliegenden Hügel fotografiert hatte, den Rücken und kehrte nie mehr zurück.

Auf einem Dachboden wurden vor einigen Jahren rund 400 Glasplattennegative des Wanderphotographen Friedrich Pöhler gefunden. Er lebte in den Jahren 1909/10 im oberschwäbischen Wilhelmsdorf, um das strenge Alltagsleben der dort seit 1824 angesiedelten pietistischen Glaubensgemeinde zu photographieren. Im Stadthaus Ulm sind in der Ausstellung „Von Königskindern und anderen“ derzeit 120 Abzüge dieser Portrait- und Dorfansichten zu sehen, die sehr anschaulich vermitteln, wie Wilhelmsdorf als pietistische Gemeinde inmitten eines streng katholischen Umfeldes organisiert war.

Heute ist das Stadthaus bis 20 Uhr geöffnet – das ist nahezu ideal, um sich nach der Arbeit die Fotoausstellung „Von Königskindern und anderen“ anzuschauen. Die Fotos von Friedrich Pöhler zeigen, wie die pietistische Glaubensgemeinde im oberschwäbischen Wilhelmsdorf in den Jahren 1909/10 gelebt hat. Dabei sind nicht nur die Portraits und Dorfszenen interessant, die man minutenlang auf sich wirken lassen kann. Auch die Geschichte, wie die Kunstwerke ans Tageslicht gekommen sind, ist erwähnenswert: Vor einigen Jahren wurden die 400 Glasplatten-Negative zufällig auf einem Dachboden entdeckt. Die Ausstellung ist bis 11. April zu den üblichen Stadthaus-Öffnungszeiten zu besichtigen.

Stadthaus Ulm

Von Königskindern und andern. Friedrich Pöhler, ein Fotograf in Wilhelmsdorf 1909/10. das strenge Alltagsleben einer pietistischen, technikfeindlichen oberschwäbischen Gemeinde, dokumentiert von einem Wanderfotografen: Aufnahmen von der überfüllten Badeanstalt des Knabeninstituts, vom neuen Schulgebäude, und dem Marschierplatz, Familienfotos und Postkarteneditionen für die Wirts- und Kaufleute der Region. Ein Vergleich zu Heinrich Zilles städtischen Momentaufnahmen und August Sanders Portrait- und Gesellschaftsstudien liegt nahe. Ausgestellt sind die rund 120 Neuabzüge der vor kurzem erst entdeckten Glasplattennegative.

Über das Ende einer fotografischen Kultur referiert heute, Dienstag, 20 Uhr, der Ethnologe und Fotohistoriker Martin Rexer im Stadthaus in seinem Vortrag „Neue Ansichten von alten Glasnegativen“. Der Vortrag findet im Beiprogramm der Ausstellung „Von Königskindern und anderen“ mit historischen Fotos Friedrich Pöhlers statt, die derzeit im Stadthaus zu sehen ist.

Ausstellung: Das Stadthaus zeigt Fotos von Friedrich Pöhler

Schätze vom Dachboden

Einblicke in das Leben einer pietistischen Gemeinde um 1909/10

Das zeittypische Produkt der Arbeit des Dorfphotographen aus den Jahren 1909/10 zeigt eine Ausstellung, die morgen im Ulmer Stadthaus eröffnet wird. Friedrich Pöhler machte in seinem Atelier im oberschwäbischen Wilhelmsdorf und in der ländlichen Umgebung Aufnahmen der Dorfbewohner. 

„Wir versuchen, einen großen Bogen in der Fotografie zu spannen“, sagt Thomas Seelig, der Projektleiter Fotografie im Stadthaus Ulm. Die zweite historische Fotoausstellung, „Von Königskindern und anderen“, sollte nicht nur eine wichtige Phase in der Geschichte der Fotografie dokumentieren, sondern gleichzeitig Einblick in das gesellschaftliche Leben zu Beginn diese Jahrhunderts ermöglichen.

Seelig weist darauf hin, dass diese beiden Aspekte durch ergänzende Vorträge vertieft werden sollen. „Neue Ansichten von alten Glasnegativen. Über das Ende eine fotografischen Kultur“ heißt am kommenden Dienstag, 20 Uhr, das Vortragsthema des Ethnologen und Fotohistorikers Martin Rexer. Arnold Stadler aus Meßkirch lädt am 22. März zu seiner literarischen Bildbetrachtung „Sehnsucht“ ein.

Rund 400 Glasplattennegative wurden auf einem Dachboden in Wilhelmsdorf (Kreis Ravensburg) im Jahre 1993 gefunden. Sie landeten zunächst bei einem Antiquitätenhändler. Dort wurde die Holzkiste mit dem überraschenden Inhalt wiederentdeckt. Der Wanderphotograph Friederich Pöhler lebte 1909/10 bei den „Königskindern“ Wilhelmsdorfs. Er fotografierte das Alltagsleben dieser pietistischen Gemeinde und die Bewohner der streng katholischen Umgebung. Die Pietisten, die sich ganz dem Gehorsam gegenüber dem himmlischen König verschrieben hatten, lehnten technische Errungenschaften ab. Umso bemerkenswerter ist, dass Friedrich Pöhler die umfangreiche fotografische Dokumentation gelang.

Der Fotograf fertigte Hochzeitsbilder, Einzel- und Familienportraits, Dorfansichten und Postkarteneditionen für Wirts- und Kaufleute an. Nebenbei lichtete er auch das neue Schulgebäude, die überfüllte Badeanstalt des Knabeninstitutes oder den nahen Marschierplatz in Wilhelmsdorf ab.

„Es handelt sich bei den ausgestellten Fotos nicht um Originale. Davon gibt es nur noch sehr wenige“, erklärt Mitentdecker Claudio Hils, Kommunikationsdesigner aus Essen. Um den Ansprüchen einer modernen Ausstellung gerecht zu werden, seien vergrößerte Abzüge erstellt worden: „Das Originalformat der damaligen Zeit würde eher zu Störungen als zu Klärungen führen.“ Es handle sich bei den Fotos aber nicht um Ausschnitte. Auf diese Weise bleiben fotografische Techniken der Zeit erkennbar. Bei der Portraitaufnahme eines Kindes etwa ist der Mann, der den Vorhang im Hintergrund hält, deutlich zu sehen. „Für das Verständnis der Bilder ist eine Dechiffrierung nötig“, so Hils. So ließe sich beispielsweise ein kleines Detail wie die Zigarette, mit der sich ein junger Mann portraitieren ließ, als ein inszenierter Hinweis auf sein Erwachsenwerden deuten.

Neben den 120 Neuabzügen werden in Vitrinen auch einige Glasplattennegative und eine zeitgenössische Fotografen-Ausrüstung zu sehen sein. Für nähere Informationen sorgen Textprojektionen an den Ausstellungswänden und eine begleitende CD-ROM.

Eröffnung der Ausstellung ist morgen, Sonntag, 11.30 Uhr. Es sprechen Thomas Seelig und Claudio Hils. Sie dauert bis 11. April.

Eine Ausstellung mit alten Aufnahmen von Friedrich Pöhler, einem um 1909/10 im oberschwäbischen Wilhelmsdorf tätigen Wanderfotografen, wird unter dem Titel „Von Königskindern und andren“ im Stadthaus auf dem Ulmer Münsterplatz zwischen dem 21. Februar und 11. April gezeigt. Zum Hintergrund: Auf einem Dachboden in Süddeutschland wurden vor einigen Jahren rund 400 Glasplattennegative eines bis dahin unbekannten historischen Fotografen gefunden. Die Bilder zeigen das Alltagsleben einer sich nur „dem himmlischen König“ verpflichtet fühlenden Pietistengemeinde.

Herr Hils, Sie sind – ungewöhnlich für den Kurator einer musealen Fotoausstellung – nicht Kunst – oder Kulturwissenschaftler, sondern Kommunikationsdesigner und Fotojournalist. Wie kamen sie zu einem solchen Ausstellungsprojekt? 

• Bislang habe ich nur Ausstellungen mit eigenen fotografischen Projekten gemacht, wie zum Beispiel das sozialdokumentarische Projekt „West sieht Ost – Deutschland zwischen Maueröffnung und erster gemeinsamer Wahl“. Diese Arbeit, die 1992 vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft mit einem Sonderpreis ausgezeichnet worden ist, wurde vom Goethe-Institut in verschiedenen spanischen Galerien gezeigt. 1993 wurde in Wilhelmsdorf bei einer Dachbodenräumung eine Holzkiste mit ca. 350 Glasnegativen gefunden. Ein mit mir befreundeter Kunst- und Antiquitätenhändler bat mich, diesen Fund zu sichten. Die Sichtung des Materials ergab, dass es sich um den Nachlass eines Dorffotografen handelte. Porträts, Aufnahmen des dörflichen Lebens, Vergnügens, der Arbeit und der schulischen Institutionen bestätigten die Vermutung, dass es sich hierbei um Wilhelmsdorf, eine pietistische Bürgergemeinde in Oberschwaben zu Anfang dieses Jahrhunderts handelt. Die Arbeiten führten auf die Spur des ersten professionellen Wilhelmsdorfer Fotografen, Friedrich Pöhler. Nur zwei Jahre lang. 1909 und 1910, lebte und arbeitete der damals im besten Mannesalter stehende Pöhler in Wilhelmsdorf. Woher und weshalb er kam und wohin er ging, blieb im Dunkeln. Mein Ansatz war, dem heutigen Betrachter verschiedene Zugriffsmöglichkeiten auf dieses fotografische Erbe anzubieten. Pöhler, Grenzgänger in vielfachem Sinne – zwischen den Zeiten, zwischen den Staaten Württemberg und Baden, den Religionen, als Künstler unter den Bauern -. macht uns bei Betrachtung seiner Bilder zu zunächst unwissenden Komplizen. Eine Annäherung an seine Arbeiten erfordert einen Prozess der Dechiffrierung in mehrfacher Hinsicht, wozu die Beiträge der Katalogautoren Ansätze bieten. Neben einer literarischen Annäherung vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung und aus dem Wissen um die oberschwäbische Mentalität (Arnold Stadler) bietet sich eine historisch-psychologische Deutung an, dies nicht nur, um die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen zu erfassen, sondern auch, um die Zeitspanne zwischen einst und jetzt zu überbrücken (Andreas Gestrich, Historisches Institut, Universität Stuttgart). Eine weitere Zugriffsmöglichkeit auf dieses vieldeutige Erbe liefert eine kulturwissenschaftliche Bestimmung der Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und des Entwicklungsstandes der damaligen lokalen Fotokultur (Martin Rexer, Württembergisches Landesmuseum). Eine abschließende Sichtung der Arbeiten unter Berücksichtigung der aktuellen Ästhetikdiskussion im Zusammenhang mit Fotografie als Geschichte einer Möglichkeit der Wahrnehmung (aisthesis) liefert der Aufsatz von Anna Eifert-Körnig. Das ganze Projekt konnte in dieser Form nur durch die organisatorische und finanzielle Unterstützung des Bauernhaus-Museums Wolfegg realisiert werden, wofür ich mich an dieser Stelle nochmals recht herzlich bei der Leiterin des Museums, Frau Ursula Winkler, bedanken möchte.

 

Die obligatorische Frage zu jeder Ausstellung: Wie haben Sie aus den 350 Negativen 100 für die Präsentation ausgewählt? 

• Natürlich habe ich versucht, möglichst einen repräsentativen Querschnitt zusammenzustellen. Bei der Auswahl fielen zunächst einmal technisch misslungene Varianten, die der Fotograf schon selbst als solche erkannt und die Aufnahme deshalb wiederholt hatte, weg. Außerdem eine reihe von Gruppenaufnahmen, die kaum Variationen aufweisen. Sonst wurde schon sehr stark auf Vollständigkeit geachtet, was bei einem solchen beschränkten Bestand einer kurzen Schaffensperiode auch leichter ist als bei einem Lebenswerk.

 

Sie haben darauf verzichtet, für die Ausstellung nach Vintage Prints zu suchen, und haben von etwa 100 Negativen moderne Prints im Format 30×40 cm angefertigt – ein Verfahren, das fotohistorisch natürlich sehr problematisch ist und auf eine „korrekte“ Kontextualisierung fast provokativ verzichtet – aber mit einem Ergebnis, das meine anfängliche Skepsis Lügen straft. 

• Ich habe nicht bewusst darauf verzichtet, sah mich aber außerstande, diese gewaltige Recherche leisten zu können. Entscheidend war die Überlegung, die Bilder so zu präsentieren, dass sich ihre Bedeutung für die damals fotografierten dem heutigen, fotografiegewohnten Publikum erschließen kann. Das hätte mit den wenigen aufgefundenen Prints und Postkarten nicht oder nur schwerlich funktioniert. Wir haben versucht, aus den z. T. unter- oder überbelichteten Negativen auf Multigarde-Barytpapier das Optimale an Graustufen herauszuarbeiten, um die größtmögliche Bildwirkung zu erzielen. Dabei haben wir zum einen Schäden auf den Negativen, soweit sie keine Informationsträger sind, ausgeblendet, zum anderen aber die Bildmaske der Negative bis auf den Beschriftungsstreifen formatfüllend reproduziert und damit auch Details wie den Staffagenaufbau bei Atelieraufnahmen sichtbar gemacht. Auf den Originalabzügen wäre diese Information wahrscheinlich nicht zu sehen.

 

Die Ausstellung ist ja zweigeteilt: im Erdgeschoss ein lichtdramaturgisch effektvoll arrangierter Informationsteil mit stehender und bewegter Projektion von Texten und Vitrinen, die eine zeitgenössische Wanderfotografenkamera, einige Originalabzüge, das Werbeschild von Pöhler und im Zentrum die „Schatzkiste“ mit der Reproduktion einer Glasplatte enthalten. Im hell beleuchteten Galeriegeschoss sind dann die Prints nach Motivgruppen gegliedert in nicht zu breiten Passepartouts in dezenten, schmalen Holzrahmen relativ eng gehängt. Gerade die enge Hängung, die aber durch die Passepartourierung austariert wird, erzeugt eine besondere Intensität dieser Bilderwelt, visualisiert die Serialität von Fotografie, statt sie wie oft zu verschleiern, und ermöglicht dem Betrachter vergleichende Blicke, die den Variantenreichtum eines fotohistorisch so missachteten Genres wie der gewerblichen Porträtfotografie frappieren sichtbar macht. 

• Sie haben natürlich recht. Besonders bei den Porträts zeigt die enge, serielle Hängung den Variantenreichtum am deutlichsten. Diese schwierige, oft missachtete Genre habe ich deshalb gleich an den Anfang gestellt. Die Inszenierung im Erdgeschoss sollte durch das gedämpfte Licht ein Gefühl des Eintauchens in die geheimnisvolle Welt des Labors und der vergangenen Zeiten erzeugen, während der Lichtteppich den Besucher dazu zwingt, gleichsam über das Licht als Medium der Fotografie zu „stolpern“. Die Projektion der Texte ist für mich eine sinnvolle Alternative zu den ungern gelesenen Texttafeln. Außerdem stellen Texttafeln immer einen Eingriff in die bestehenden architektonischen Räume dar und wirken oft als Fremdkörper. Mit den Licht-Text-Projektionen hatte ich die Möglichkeit, den Raum selbst zu gestalten.

 

Im Erdgeschoss findet man auch ein weiteres Highlight der Ausstellung: eine interaktive Bildschirmpräsentation des Kataloges. Es freut mich besonders, ausgerechnet da, wo ich es am wenigsten vermutet hätte, nämlich in der Ausstellung einer gar nicht auf Fotografie spezialisierten Institution, das zu finden, was ich bei großen Fotoausstellungen oft vermisst habe: die Möglichkeit für den Besucher, unter dem Eindruck der Ausstellung Bilder zu vergleichen, Hintergrundinformationen abzurufen, in ein aktives Verhältnis zu den Exponaten zu treten. Wie war es möglich, zu einer solchen Ausstellung auch noch eine CD-ROM zu produzieren? 

• Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Jahr zusammen mit einigen Freunden eine kleine Multimedia-Produktionsfirma gegründet habe. Das Ausstellungsprojekt war natürlich eine Herausforderung, unser Können zu erproben. Wir haben die CD-ROM selbst finanziert und in selbstausbeuterischer Weise etwa vier bis fünf Monate Entwicklungsarbeit investiert.

 

Die Animation ist ohne modischen Firlefanz gestaltet, dafür aber handwerklich perfekt gemacht: die Typografie lesefreundlich, die Benutzeroberfläche übersichtlich und selbsterklärend, die optimale Programmierung schließt lästige Wartezeiten aus, und es wurde sogar an eine Schleife vom Ende der Animation zurück zum Bildschirmschoner gedacht, der dann nach 15 Minuten einen Trailer aufruft, im die Besucher auf die Bildschirmpräsentation aufmerksam zu machen. Besonders angesprochen hat mich die Animation des Essays von Arnold Stadler über vier der gezeigten Bilder. Der Text muss nicht auf dem Bildschirm gelesen werden, sondern wurde von einer professionellen Sprecherin sehr einfühlsam eingesprochen, die Bilder sind so elegant und dezent animiert, dass Raum für Phantasie und Reflexion des Betrachters geschaffen wird. Allerdings vermisse ich auch auf Ihrer CD-ROM ein paar Essentials: die Bilder sind zwar über einen Index und über eine Miniaturleiste aufrufbar, aber man kann leider keine zwei Bilder nebeneinander betrachten. Schade ist auch, dass weder zu den in den Katalogtexten zitierten Bildern noch zu den Fußnoten Links gesetzt sind. Kurz vor Drucklegung des Interviews erreicht uns dazu folgende Mitteilung von Claudio Hils: 

• Die Safira-Leute hat nach Ihrer Kritik noch mal der Ehrgeiz gepackt. Wir haben für die CD-ROM-Version, die in den Verkauf gehen soll, und auch für die Ausstellung sowohl eine Bühne für die gleichzeitige Betrachtung von vier durch den Nutzer ausgewählten Bildern geschaffen als auch die Katalogtexte in Seiten aufgeteilt, durch die jeweils die zitierten Bilder auf einer zweiten Bühne eingeblendet werden. Und schließlich wird jetzt auch durch eine Cursorbewegung über die Referenzstelle die entsprechende Fußnote in einem zweiten Fenster aufgerufen.

 

Toll! – was geschieht nun weiter mit den Negativplatten? In welchem Zustand befinden sie sich? 

• Die Platten befinden sich in meinem Besitz. Für die Herstellung der Prints haben wir die trocken gereinigt. Sie waren in der gezeigten Holzkiste in originalen Plattenkartons liegend gelagert worden, allerdings mit jeweils einem Trennblatt geschützt. Die Schäden halten sich in Grenzen: wenig Glasbruch, wenig Aussilberungen, wenig Pizbefall, keine Emulsionsablösungen. Aber der Bestand gehört natürlich bald in die konservatorisch sichere Obhut einer musealen Institution. Ich bin im Gespräch mit verschiedenen Häusern, möchte aber auch gewährleistet wissen, dass der Bestand nicht nur einfach in der Versenkung verschwindet. Vor allem möchte ich, dass die Ausstellung oder auch eine andere Ausstellung aus dem Bestand über das regionale Umfeld hinaus zugänglich gemacht wird.

 

Dazu wünsche ich Ihnen viel Glück. Denn diese Ausstellung stellt ein eindruckvolles Plädoyer für die Silberhalogenidfotografie dar, das es verdient, möglichst breit wahrgenommen zu werden. Ja, ich möchte mich sogar zu dem emphatischen Urteil hinreißen lassen: Die Neuprints dieser Negative eines „unbedeutenden“ Fotografen der Jahrhundertwende erschließen Bildqualitäten, die dazu anregen könnten, die ästhetische und fotogeschichtliche Unterschätzung der durchschnittlichen gewerblichen Fotografie einer Revision zu unterziehen: Zwischen der Bauernhausserie von Friedrich Pöhler und den Serien der Bechers, zwischen den Handwerkerporträts eines oberschwäbischen Wanderfotografen und denen eines August Sander liegen nicht die Welten, die uns der gewerbliche Bilderhandel weismachen will.

Augen, die auf alles warten

Friedrich Pöhler, geboren 1867 in Feldstetten auf der Schwäbischen Alb, arbeitete in den Jahren 1909 bis 1910 als Fotograf in und um Wilhelmsdorf. Ein kurzes Intermezzo in seinem Leben. Danach verliert sich seine Spur. Seine Fotos aber blieben zurück – und wurden zufällig auf einem Dachspeicher entdeckt. Sie sind derzeit im Bauernhaus-Museum Wolfegg zu sehen.

Was ist Glück? Der Meßkircher Schriftsteller Arnold Stadler (Der Titel seines Werks: „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“) glaubte es erkannt zu haben, als er ein Foto von Friedrich Pöhler sah. Der Mann auf dem Foto lehnt sich an der Tür an „mit der weißen Schürze und den starken Armen“. Aus seinen Augen blitzt der „Die-Welt-liegt-vor-mir-Blick“.

1909 und 1910 hielt Friedrich Pöhler Bilder wie dieses in Wilhelmsdorf fest. Er fotografierte strenggläubige Frauen, die mit dunklen Röcken und schlicht geschnittenen Hemden Bescheidenheit ausstrahlen. Bilder von Männern sind entstanden, die so leblos schauen, als seien sie für ein Wachsfiguren-Kabinett geschaffen. Aber auch Fotos von „Fräulein Fausel als Zigeunerin“, die ihr langes, verführerisches Haar aufgeknöpft hat, dass es bis zum Gürtel fällt. Und schließlich auch Bilder von Wirtschaften im katholischen Umland von Wilhelmsdorf.

Wer war dieser Friedrich Pöhler? „Selbst im örtlichen Fotogeschäft, das in den zwanziger Jahren gegründet wurde, weiß man nichts von dem Vorgänger“, klagt der Volkskundler Martin Rexer. Der gebürtige Ravensburger ist einer der Fachleute, die Nachforschungen über Friedrich Pöhler angestellt haben. Den Auftrag dazu hat Claudio Hils erteilt. Ihm, dem 35jährigen Fotojournalisten, ist es zu verdanken, dass die Bilder Pöhlers derzeit an den Wänden des Bauernhaus-Museums Wolfegg hängen.

Stumme Zeugen 

Hils, geboren in der oberschwäbischen Stadt Mengen, war vor einigen Jahren auf den beachtlichen Fund gestoßen. „So Fotos“, verstaut in einer Holzkiste, hat ihm ein Händler aus der Speicherauflösung eines Wilhelmsdorfer Hauses von 1993 angeboten. Nicht weniger als 350 Glasnegative enthielt diese Hinterlassenschaft. Stumme Zeugen aus einem Ort in Oberschwaben vor dem ersten Weltkrieg. Letzte Bilder aus einer abgeschlossenen Welt ohne elektrischen Strom und ohne Radio. Und doch gilt Wilhelmsdorf nicht als typischer Weiler zwischen Alb und Alpen. Kein barocker Zwiebelturm überragt den Ort, Feldkreuze finden sich nirgendwo auf Pöhlers Photographien. „Das ist kein Zufall“, schreibt Andreas Gestrich in seinen Erklärungen zu den Bildern. Für den Hochschuldozenten für Neue Geschichte an der Universität Stuttgart ist Wilhelmsdorf „eine besondere Gemeinde“.

Strenggläubige Wilhelmsdorfer 

Der Ort mit dem „Betsaal“ in seiner Mitte verstand sich als „Königskind“: Wilhelmsdorf – das Kind von König Wilhelms I. von Württemberg. Der Monarch hatte den strenggläubigen Pietisten der Korntaler Brüdergemeinde 1824 das sumpfige Land im katholischen Oberschwaben nahe der Grenze zu Baden zugewiesen. Ihm, aber auch dem „himmlischen König“, sahen sich die Wilhelmsdorfer zu Dank verpflichtet. Und dies derart drängend, dass sie gar die Hauptstraßen der Gemeinde in Kreuzform anlegten.

Doch Andreas Gestrich ist der Ansicht, dass „Pöhler diese religiöse Atmosphäre Wilhelmsdorfs in seinen Bildern nicht eingefangen hat.“ Entweder, weil sich Pöhler dafür „nicht interessierte“, oder weil er sich nicht „an diesen so sensitiven Bereich“ der pietistischen Ansiedlung wagte.

Der Fotograf, dem Bilder von Erntearbeiten am Birkhof oder im benachbarten Illmensee ebenso wichtig schienen, wie Kriegsspiele des „Knabeninstituts“ Wilhelmsdorf, blieben nur zwei Jahre in dem Ort, der sich durch und durch vom „Geist der Nachfolge Christi“ bestimmt sah. Die eigentliche Gewerbeanmeldung als Fotograf zog Pöhler schon nach wenigen Wochen wieder zurück. Der Bild-Chronist wurde von seiner Frau schon nach drei Monaten Ehe wieder verlassen. Alkoholprobleme sollen dazu beigetragen haben. Offizielle Scheidung war 1912 vor dem Landgericht Stuttgart. „In der Folge verliert sich die Spur Pöhlers“, berichtet Fotoforscher Martin Rexer.

Betreten der Baustelle erlaubt 

Vielleicht erhöht dieser geheimnisvolle Lebenslauf des rastlosen Reporters aus dem Wilhelmdorf der Vorweltkriegszeit den Reiz seiner Bilder. Fotos, die auf den ersten Blick an Wilhelminische Strenge erinnern. Doch die Abgelichteten starren nicht immer gefühllos in der Linse. Arnold Stadler will bei den Modellen gar „Augen, die auf alles waren“ entdeckt haben. Einer der Uniformierten vor dem „Adler“ in Wittenhofen lächelt sogar ein bisschen. Beim Umbau der Schuhmacher-Familie Stäbler fällt eher die Zahl der Leute auf: an die 40 Personen haben sich auf dem Fachwerk in Position gebracht, darunter viele Kinder. Betreten der Baustelle erlaubt.

Solche Entdeckungen lassen Friedrich Pöhlers Bilder oft erst auf den zweiten Blick zu. Manches von dem, was die Blicke der fotografisch Verewigten nicht verraten, hat Ausstellungsmacher Claudio Hils in einem Bildband mit Aufsätzen zusammengetragen: „Von Königskindern und anderen“. Das Buch folgt literarisch und wissenschaftlich Pöhlers Fährten ins Ungewisse. Für den Schriftsteller Arnold Stadler jedenfalls war Friedrich Pöhler ein „Nomade“, sein Weiterwandern ohne bekanntes Ziel wiese auf die Frage nach der Wahrheit hinter den alten Fotos.

Von Königskindern und anderen 

Friedrich Pöhler – ein Fotograf in Wilhelmsdorf 1909 – 1910 

Ein Ausstellungs- und Buchprojekt – realisiert von Claudio Hils

Die Geschichte klingt fast kitschig: auf einem Dachboden werden historische Fotonegative entdeckt, die von solcher Qualität sind, dass wir sie heute in Ausstellung und Buch betrachten können. Aber so einfach war es nicht. Als 1993 in Wilhelmsdorf bei einer Dachbodenräumung eine Holzkiste mit ca. 350 Glasnegativen gefunden wurde, maß dem zunächst niemand größere Bedeutung zu. Die Kiste landete im Keller eines Antiquitätenhändlers. Durch Zufall wurde das Material dort ein zweites Mal „entdeckt“ – von dem Essener Fotografen Claudio Hils, der schnell erkannte, dass die Bilder nicht nur aus nostalgischen Gründen interessant sind, sondern vor allem aufgrund ihrer bildnerischen Qualität. Die Sichtung des Materials ergab, dass es sich um den Nachlass eines Dorffotografen handelte. Die Spur führte schließlich zu Friedrich Pöhler, der nur zwei Jahre, 1909 und 1910, in Wilhelmsdorf lebte und arbeitete.

Hils beschloss, die Fotografien nicht länger in einer Kiste schmoren zu lassen, sondern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zunächst wurden von den Glasnegativen sorgsam ausgearbeitete Barytabzüge angefertigt. Gespräche mit Fachleuten bestätigten die Qualität des Bildmaterials. Dennoch erwies sich die Suche nach Verlag und Ausstellungsort als schwierig. Friedrich Pöhler war „nur“ ein gewerblicher Fotograf und bis dato unbekannt in der Fotogeschichte.

Seit März dieses Jahres können Fotointeressierte die von Friedrich Pöhler in den Jahren 1909 und 1910 erstellten Fotografien sichten: Das Bauernhaus Museum in Wolfegg zeigt als erste Station die 120 Bilder umfassende Ausstellung, während der Fototage in Herten wird ein Auszug mit ca. 50 Arbeiten zu sehen sein, und der österreichische Residenz-Verlag publizierte ein hervorragend gedrucktes, gleichnamiges Buch.

Um eine differenzierte Annäherung an das Material zu ermöglichen, werden die Bilder von mehreren Textbeiträgen ergänzt. U. a. wird hier die besondere Situation von Wilhelmsdorf, eine protestantische Brüdergemeinde inmitten eines katholischen Umfelds, erläutert. Claudio Hils schreibt in seinem Vorwort: „Pöhler, Grenzgänger in vielfachem Sinne, zwischen den Zeiten, zwischen den Staaten Württemberg und Baden, den Religionen, Künstler unter den Bauern, macht uns bei Betrachtung seiner Bilder zunächst unwissenden Komplizen. Eine Annäherung an seine Arbeiten erfordert einen Prozess der Dechiffrierung in mehrfacher Hinsicht.“

Arnold Stadler liefert eine literarische Annäherung vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung und aus dem Wissen um die oberschwäbische Mentalität; Andreas Gestrich, Historiker an der Universität Stuttgart, bietet eine historisch-psychologische Deutung an; der Volkskundler Martin Rexer vom Württembergischen Landesmuseum beschreibt Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und Entwicklungsstand der damaligen Fotokultur; und der Text der Kunsthistorikerin Anna Eifert-König versucht Pöhlers Fotografien unter Berücksichtigung heutiger Fotografiediskussionen zu „lesen“.

Wer war nun eigentlich Friedrich Pöhler? Viele Fragen sind bis heute nicht geklärt. Sicher ist, dass Pöhler 1909 im alter von 43 Jahren als Wanderer und Grenzgänger in die 1824 von König Wilhelm I gegründete, pietistische Brüdergemeinde Wilhelmsdorf kam. Ob die Dorfbewohner seine fotografische Arbeit zu schätzen wussten? Das bisher Überlieferte deutet auf ein tragisches Ende hin: seine 1910 geschlossene Ehe hält nur wenige Monate, Pöhler wird des Trinkens beschuldigt. Nach seinem Weggang aus Wilhelmsdorf verliert sich seine Spur.

Die Recherchearbeit geht weiter, und es wäre wünschenswert, dass irgendwann ein Museum nicht nur für die fachgerechte Archivierung des Materials sorgt, sondern auch für eine Fortsetzung der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Die Ausstellung in dem (nahe Wilhelmsdorf gelegenen) Bauernmuseum Wolfegg führte bereits zu weiteren Informationen – Besucher können Angaben zu einzelnen Fotografien liefern. Vielleicht hat der Wanderfotograf Pöhler zuvor in einem anderen Dorf Station gemacht, und es gibt noch mehr Material zu entdecken…

Friederich Pöhler hat während seiner kurzen Tätigkeit in Wilhelmdorf eine beachtliche Serie von Fotografien geschaffen, vor allem Portraits und Aufnahmen des dörflichen Lebens. Seine Werbung zeigt ein Selbstporträt im Atelier mit Kamera und preist an: „Photografhisches Atelier Friedrich Pöhler, Wilhelmsdorf – Einzel-Portraits, Familien- und Gesellschaftsbilder, gewerbl. und techn. Aufnahmen, Vergrösserungen in schwarz, Sepia, Aquarell, Pastell und Oel…“, und abschließend: „Reelle Bedienung! Mässige Preise!“ Als Handwerker und Gebrauchsfotograf hat Pöhler dennoch Bilder geschaffen, die den Vergleich mit großen Namen der Fotografie nicht scheuen brauchen.

Wolfegg – Mit der Sonderausstellung „Von Königskindern und anderen“ hat das Bauernhaus-Museum Wolfegg die neue Saison eröffnet. Die Ausstellung im Hof Reisch zeigt Fotografien von Friedrich Pöhler, einem Berufsfotografen, der in den Jahren 1909 und 1910 in Wilhelmsdorf lebte und arbeitete. Claudio Hils, in Mengen geborener

Kommunikationsdesigner, Journalist und Fotograf, stellte von den Glasplattennegativen Vergrößerungen her und gestaltete die Ausstellung, die der Besucher übrigens auch mittels CD-ROM betrachten kann.

Gefunden worden sind die Ausstellungstücke, 350 Glasnegative von Friedrich Pöhler, bei der Entrümpelung eines Dachbodens in Wilhelmdorf. Über 80 Jahre lang hatten sie dort in einer Holzkiste gelegen. Von Pöhler hat man nicht viel mehr herausgefunden, als dass er 1867 auf der Schwäbischen Alb geboren wurde und 1909 nach Wilhelmsdorf kam, wo er ein Foto-Atelier eröffnete und ein Jahr später heiratete. Schon drei Monate später trennten sich die Eheleute wieder und Pöhler verließ Wilhelmsdorf mit unbekanntem Ziel.

Um die Aussagen der Bilder und auch den Titel der Ausstellung „Von Königskindern und anderen“ zu verstehen, sollte man einiges über die Geschichte Wilhelmsdorf wissen. Besucher können alles Wissenswerte im Hotel Reisch nachlesen – per moderner Technik auf Wände und Fußoden projiziert. Wilhelmsdorf, eine 1824 gegründete religiöse Siedlung, eine pietistische Enklave im katholischen Oberland, verdankte seine Entstehung dem Wohlwollenden König Wilhelms. Hier fanden gleichgesinnte, wahrhaftige Brüder und Schwestern einen Platz, um durch strenge Regelungen des alltäglichen Lebens und in Abgeschiedenheit ganz Gott zu dienen.

Der für die Siedlung trockengelegte Boden im Pfrunger Ried entpuppte sich bald als unfruchtbar, so dass die Siedler andere Einnahmequellen erschließen mussten. Es entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schulische und karitative Einrichtungen wie die Anstalt für taubstumme Kinder, Internatsschulen für Knaben und höhere Töchter, die bald stark expandierten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es schon viel Zuzug von außen, so dass sich die Lebensweise der Pietisten immer weiter lockerte.

Die Fotografien von Pöhler sind in den Jahren 1909 und 1910 in und um Wilhelmsdorf entstanden. Außer Hochzeiten, Schulklassen und Konfirmandinnen bannte Pöhler auch Landschaften auf seine Glasplatten, portraitierte Kinder und Erwachsene, hielt den Sommernachmittag im Schwimmbad des Knabeninstituts und den Flug des Zeppelins über Hasenweiler fest. Jedes seiner Bilder erzählt eine eigene Geschichte. Die abgelichteten Personen wirken meist ernst, feierlich und hochkonzentriert, die Augen aller sind auf die Kamera gerichtet. Die Bilder belegen die Unterschiede zwischen den Menschen in der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf und denen von außerhalb und sie zeigen den beginnenden Prozeß der Wandlung von den strengen pietistischen Regeln zu einer weltoffeneren Lebensform – in kaum merklichen Veränderungen wie offenen Haaren bei den jungen Mädchen oder Zigaretten in den Händen der jungen Männer.

Zur Ausstellung ist ein Buch entstanden sowie eine CD-ROM. Die Ausrüstung eines Fotografen aus der Zeit der Jahrhundertwende, einige Originalabzüge von Pöhler und kleine, dem Pfarrarchiv von Wilhelmsdorf entnommene Vorfälle bereichern die Ausstellung.

Verschollene Welt – wiedergefunden 

Die Wilhelmsdorfer Bilder des Fotografen Friedrich Pöhler 

Claudio Hils (Hrsg.): Von Königskindern und anderen Friedrich Pöhler – ein Photograph in Wilhelmsdorf 1909-1910. Bemerkungen zur Betrachtung historischer Photographie: Residenz Verlag, Salzburg 1997, 152 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 80 Mark. 

Wilhelmsdorf kurz vor dem Ersten Weltkrieg: eine pietistische Brüdergemeinde mitten im katholischen Oberschwaben, auf der Grenze zwischen Baden und Württemberg, im kaiserlich-wilhelminischen Deutschland 1909 wandert der Photograph Friedrich Pöhler zu, ein auf der Schwäbischen Alb unehelich Geborener – damals noch ein schwerer Makel – ein Unsteter unter streng Sesshaften, ein Künstler unter Kunstfremden, ja feindlichen, ein Mann mit einem düster intensiven Gesicht: etwas kleiner Beamter, etwas Nietzsche.

Er heiratet eine ebenfalls Zugewanderte aus Ostpreußen. Die Ehe zerbricht bald. Nach Jahresfrist verschwindet er spurlos. Das heißt, nein: Er hinterlässt das Bild eines Dorfes, das Bild einer Zeit, eines Stücks ihrer Gesellschaft in Photographien auf Glasnegativen, die Jahrzehnte später auf einem Flohmarkt entdeckt und jetzt von Claudio Hils, auch einem Photographen, in einem bemerkenswerten Band vorgestellt werden.

Friedrich Pöhler, der Unbekannte, hat aus lauer alltäglichen Augenblicken eines abgeschiedenen Lebens Bilder gemacht: Hochzeitsbilder, steif und feierlich, Familienbilder, alle schön angetan; Kinder in Gruppen oder einzeln, kaum je fröhlich. Es sind Inszenierungen, (die auch das noch schwerfällige Aufnahmegerät nahe legt). Es sind Enthüllungen. Immer scheint in Aufmachung und Gehabe der ländlichen Statisten das bürgerlich-städtische Modell durch.

Hinzu kommt die protestantische Strenge: Konfirmandinnen mit ernsten Gesichtern in ernstem Schwarz. Alle Männer zeigen stramme Haltung – der Soldat ist ja Idealbild der Epoche. Sogar der Schäfer tritt korrekt-martialisch auf. Die Frauen, meistens unter sich, hochgeschlossen und knöchellang verhüllt, geben sich propper und verhalten. Selten wird ein Lächeln gewagt, selten ein offener wacher Blick, wie der des schönen Fräulein Hille: die gleich zweimal namentlich auftritt. Oder der leicht verwegene der als Zigeunerin kostümierten jungen Frau, die einer andern aus der Hand liest. War eine Theateraufführung der Anlass oder gar ein Kostümfest – aber in einer pietistischen Gemeinde? Vielleicht hat der kecke Einfall den Photographen fragwürdig gemacht.

Und immer wieder der eine oder die andere, die als Individuen erkennbar abweichen vom konventionellen Vorbild: der Knabe mit den träumerischen Augen, der junge Mann, der voller Lebenserwartung vor seiner Werkstatt steht, der schöne Knecht mit den langgliedrigen Händen. Die fünf Töchter der Kaufmannsfamilie Ziegler (unsere Abbildung) blicken keineswegs mutlos in eine kaum glanzvolle Zukunft, eher pfiffig, weltneugierig.

Die Gemeinde hat ihre Meriten: es gibt eine Taubstummenschule, ein Knabeninstitut, sogar ein Freibad. Die neue Körpererziehung deutet sich an. Die Bilder erzählen Geschichten. Was sie nicht hergeben, teilen die Texte mit. Der Schriftsteller Arnold Stadler, mit der Gegend gut vertraut, deutet die verschollene Vergangenheit mit erratender Phantasie, Martin Rexer liefet die Hintergrundsgeschichte von Ort und Menschen, Andreas Gestrich berichtet über den Pietismus in Württemberg. Anne M. Eifert-König ordnet, Roland Barthes zitierend, Friedrich Pöhlers Bilder in die Ästhetik der modernen Photographie ein.

Ein gelungenes Gesamt(kunst)werk. (Und es bleibt nur am Rande die Frage, warum bei aller Sorgfalt durchweg von Brüdergemeinde die Rede, wo es doch verbürgt unbegründet Brüdergemeinde heißt?)

Fotografische Relikte ohne Schminke 

Es war einmal ein Ort, der hieß Wilhelmsdorf und lag in Oberschwaben. Dorthin zog 1909 ein Fotograf namens Friedrich Pöhler, der das Dorf, das von einer pietistischen Brüdergemeinde besiedelt war, nach zwei Jahren mit unbekanntem Ziel wieder verließ. Vielleicht war der hergezogene Fotograf den frommen Menschen ja auch ein bisschen unheimlich mit seiner eitlen Kunst. Aus irgendeinem Grund blieben jedenfalls die Glasplatten mit seinen Aufnahmen des dörflichen Lebens erhalten: Familienbilder, Kinderfotos, Taufen, Hochzeiten, Begräbnisbilder von großer Eindringlichkeit, die seltsam anrührend und intensiv werken, weil die Menschen darauf ganz alltägliche Menschen sind, über die wir nichts wissen, nur manchmal etwas mutmaßen können. Und es sind Menschen, die, zwar sonntäglich herausgeputzt, dennoch nicht über die vielfältigen Möglichkeiten der modernen Camouflage verfügten. Ihre derben bäuerlichen Gesichter sind nicht zurechtgeschminkt, die Söhne des Krauthobel-Fabrikanten haben hoffnungslos abstehende Ohren, der Gendarm ist aufgeblasen von seiner eigenen Wichtigkeit und die Bräute scheinen sich auch wenig Illusionen zu machen, was ihr weiteres Leben betrifft. Man versucht, solide und ehrbar auszusehen, denn wer eines nur minimal abweichenden Lebenswandels verdächtigt wurde, konnte von der Gemeinde ausgewiesen werden: keine heile, sondern eine enge Welt, deren fotografische Relikte mehr Rätsel aufgeben als sie lösen.

Dorf der Königskinder

Museum Bottrop zeigt Pöhlers Fotos aus einer heilen Welt 

Vor vier Jahren tauchte auf einem Dachboden in einem schwäbischen Städtchen eine Kiste mit 400 Foto-Negativen auf Glasplatte auf. Es war ein kleiner Schatz, wie sich später beim Entwickeln der Bilder herausstellte.

Denn in diesem Konvolut dokumentierte der Fotograf Friederich Pöhler facettenreich und zugleich streng das Leben in Wilhelmsdorf bei Ravensburg in den Jahren 1909/10.

Eine Auswahl von hundert Arbeiten dieser Sammlung ist erstmals in der Studio-Galerie des Bottroper Museums „Quadrat“ zu sehen. Titel: „Von Königskindern und anderen“. Es handelt sich um eine künstlerische wie historische Überraschung – Fotofans und Soziologen sprechen gar von einem echten „Ereignis“.

Warum Pöhler in das Dorf kam, dort heiratete, seine Frau aber bald wieder verließ, wohin er verschwand – die Historie hat die Antworten längst geschluckt.

Aber immerhin stellt sich heraus, dass der Württemberger Pöhler, damals 42 Jahre alt, ein exzellenter Fotograf war, der fast lückenlos die Einwohner von Wilhelmsdorf porträtierte und das beschauliche Leben in der tiefen Provinz in bestechenden Szenen einfing.

Wilhelmsdorf galt als Sonderfall einer Ortsgründung. Denn König Wilhelm I. hatte den Pietisten Anfang des 19. Jahrhunderts erlaubt, sich in einer streng katholischen Gegend anzusiedeln. Das Dorf musste den Königsnamen tragen. Die Menschen, die hier lebten, bekamen daher die Bezeichnung „Königskinder von Wilhelmsdorf“.

Der kleine Kosmos einer gläubigen Gemeinschaft nach Herrnhuter Vorbild erschließt sich in den Pöhler-Motiven. Da findet sich der wartende Angler, der stolze Schmied, der Bauer hinterm Pflug. Da finden sich der gutmütige Bäcker und seine Familie, der bescheidene Knecht, der Zeppelin über Hasenweiler, das aufgebahrte tote Kind, Gassen, Schulhaus, Bürgermeister. All das sind Bilder einer deutschen Idylle zwischen Heimattümelei und sanft hügeliger Landschaft.

Pöhler hat sie alle vor seine Kamera geholt. Warum die Menschen sich anscheinend ohne Probleme von einem eigentlich Fremden „inszeniert“ ablichten ließen – man weiß es nicht.

Ebenso wurde Pöhlers weiterer Weg vergessen. Seine Bedeutung liegt eben in diesen Bildern aus Oberschwaben: Und Wilhelmsdorf war damals fast überall.

Kultur in Bottrop

Kleine Sensation in Bildern

Studio-Galerie zeigt erstmals Fotografien von Friedrich Pöhler 

Das ist eine kleine Sensation: In der Studio-Galerie werden Fotografien von Friedrich Pöhler aus den Jahren 1909/10 gezeigt, die vor vier Jahren auf einem Speicher zufällig gefunden wurden.

Diese Bilder werden erstmals in einem deutschen Museum präsentiert. Pöhlers Name taucht in keinem Fotobuch auf. Und warum er in jenen Jahren in dem kleinen schwäbischen „Nest“, in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, lebte und mit der Kamera „auf Pirsch“ ging, bleibt bis heute ziemlich unklar. Tatsache ist nur: selten wurde der dörfliche Mini-Kosmos souveräner, vollständiger und subtiler erfasst als in diesen rund 400 Glasplatten (Foto-Negative) aus dem Süddeutschen.

Darin s. so weckt auch die Bedeutung dieses Fundes. Pöhler, für zwei Jahre Gast in der pietistischen Brüdergemeinde als Sprengsel im katholischen Umland, lichtete anscheinend systematisch die Einwohner, die Familien und das ländliche Alltagsleben mit gewissen Aufregungen (Beispiel: ein Zeppelin überfliegt die schwäbische Idylle) ab. So wird die Ausstellung zum sozialgeschichtlichen Zeugnis.

Noch ein zweites Qualitätsmerkmal fällt auf. Pöhler – war er Laie oder Profi bei dem neuen Medium? – inszeniert seine Porträts. Hat der Städter, der zufällig aufs Land verschneit wird, einen besonderen Blick? Jedenfalls zeigt der Kamera-Mann die Menschen in ihrem Stolz, in ihrem Selbstverständnis, in ihrer Rolle: den Bäckermeister und den Geschäftsmann, den Angler und den Korbmacher, den Schmied und den Gemeinderat, den Brauer und den Flaschner. Obwohl Pöhler vorübergehend ein Foto-Atelier in Wilhelmsdorf einrichtete und er sogar dort eine Ehe einging (die nur wenige Monate hielt), weiß man fast nichts mehr von dem „Durchreisenden“. Nur seine Bilder sind geblieben. Die aber laden dazu ein, Deutschland vor knapp 100 Jahren zu besichtigen – im dörflichen Ausschnitt.

Quadrat zeigt historische Fotos von Friedrich Pöhler

Nur der Krauthobelfabrikant hatte einen Gecken zum Sohn

Das sind nun wirklich ehrenwerte Leute: die Dame trägt ihr bestes weißes Kleid, der Herr ´nen Schnurrbart und der Polizist natürlich Pickelhaube. War das die gute alte Zeit? Nicht ganz. Die Fotos von Friedrich Pöhler aus Wilhelmsdorf zeigen die alte Zeit nicht rosarot verbrämt, sondern verblüffend ehrlich. Bis13. April sind die 90 Lichtbilder im Quadrat zu sehen.

Schon ihre Entdeckung war ein Abenteuer. Der Kommunikationsdesigner Claudio Hils hatte die Glasplattennegative von einem Antiquitätenhändler bekommen, der sie wiederum bei einer Haushaltsauflösung erworben hatte. Erst Hils erkannte ihren wert, innerhalb von drei Jahren entstanden Papierabzüge der fast 400 kostbaren Unikate. „Ich war sofort fasziniert, weil ich aus dem Gebiet stamme“, sagt Hils, der die Schau im Quadrat mit Hilfe von Schrift-Dias auch visuell originell gestaltet hat. Gleichzeitig forschte der 36jährige nach dem längst verstorbenen Fotografen – und fand allen Bruchstücke.

Friedrich Pöhler kam 1909 in die pietistische Gemeinde Wilhelmsdorf und dokumentierte dort das private und das öffentliche Leben. Er heiratete auch. Doch schon nach drei Monaten scheiterte die Ehe – vermutlich weil Pöhler trank. 1910 verließ er das Städtchen wieder, seine Spur verliert sich im Dunkel der Geschichte.

Was bleibt, sind seine Fotografien: Schwarz-weiße Aufnahmen von stupender Schärfe und journalistischer Direktheit. Da gibt´s die Postkutschenstation mit der herrlich altmodischen Karosse. Vor der „Kaiserlichen Postagentur“ stehen die Briefträger in ihren schmucken schwarzen Uniformen, an der Schleuse trägt man sonntags die „Kreissäge“ auf dem Kopf und angelt.

Doch Pöhler guckt ganz genau hin. Seine Porträts reichen vom Sohn des Krauthobelfabrikanten Kieber – ein unsympathischer junger Geck – bis zum Mädchen im einfachen Mantel, das zur Feier des Foto-Termins ihren schönsten Hut (den mit den Kirschen drauf) trägt. So kommen die Klassenunterschiede ins Spiel.

Weil es sich bei Wilhelmsdorf um eine pietistische Enklave im erzkatholischen Oberschwaben handelt, konnte Pöhler auch den innigen Glauben der Menschen zeigen – ebenso wie ihr zupackendes Christentum, das zu vielen karitativen Einrichtungen wie der Taubstummenanstalt führte. Besonders anrührend aber ist das Bild eines Kindes auf dem blumengeschmückten Totenbett. Als Hils vor kurzem die Fotos am Orte des Entstehens zeigt, erkannte ein uralter Mann seine einst jung gestorbene Schwester Elisabeth wieder.

Menschen im Dorf

Kultur: Wer war Friedrich Pöhler? Bilder aus Wilhelmsdorf von Friedrich Pöhler. Niemand kannte bisher den Fotografen, der 1909-1910 ein Atelier in dem kleinen schwäbischen Dorf unterhielt.

Bottrop – Fotos im „quadrat“:

Ein Bäcker lehnt mit verschränkten Armen lässig an der Tür seines Ladens. Der Schnurrbart ist – wie bei seinem Kaiser – kess nach oben gezwirbelt, er weiß, die Leute brauchen sein

Brot, er ist ein wichtiger Mann. Gut könnte er aus August Sanders „Antlitz der Zeit“ oder der Dokumentation „Menschen des 20. Jahrhunderts“ stammen. Doch diese Aufnahme gut zwei Jahrzehnte früher mit einer Plattenkamera, Fotoformat 18×24, aufgenommen. Von einem Fotografen, den vor kurzem noch kein Mensch kannte. Er heißt Friedrich Pöhler, und die Bilder wurden 1909-1910 geschossen. Das heißt, geschossen ist für Pöhlers Belichtungszeiten ganz erheblich übertrieben. Denn Kinder können, wie man vom Zappelphilipp weiß, nicht gut stillhalten, und das sieht man, vor allem an den verschwommenen Händchen. Den meisten Typen ist schnell anzumerken, dass sie nicht in Köln oder gar in Berlin daheim sind. Irgendwie haben sie Wurzeln, die sie an die Scholle binden.

Alle Fotos stammen, das weiß man, aus Wilhelmsdorf in Schwaben – einem besonderen Ort. König Wilhelm I. nämlich hatte einer pietistischen Brüdergemeinde nach Herrnhuter Vorbild zu Anfang des 19. Jahrhunderts erlaubt, sich in katholischer Gegend ein neues Dorf zu bauen, benannt nach dem König. Dort wohnten sie, die „Königskinder“, nach eigenen strengen Regeln und gut 100 Jahre später ließ sich in ihrer Mitte für zwei Jahre ein Profi-Fotograf nieder. Dann verschwand er, niemand weiß wohin, nur seine Negative, die wurden kürzlich entdeckt. Die Abzüge sind neu.

Der Pöhler knipste alle Bewohner, ihre Umgebung, ihre Feste, Hochzeiten und Bestattungen. Sie trieben auch Sport, die Königskinder, Wehrsport natürlich, und sie schwammen in einem Bad, dem sich heute aus Angst vor Fußpiz kein Badegast mehr würde nähern wollen.

Postbeamte bauten sich stolz vor dem Kaiserlichen Postamt auf, in Uniform und Brust raus, die Schalterdame mit weißem Schürzchen schaut eher bescheiden in die Linse, ein bisschen skeptisch, sich dennoch klar bewusst, dass sie ein hübsches Ding ist.

Zwielichtiger ist der Jakob Mader: Ein niedliches Eselchen zog seinen halb überdachten Karren, der fast wie die Miniatur der Wagen aussieht, die amerikanische Siedler mit Sack und Pack und Flinte gegen Indianer westwärts führten. Der Mader Jakob spielt auf dem Zerrwanst der Ziehharmonika, und die schwarzen scharfen Augen dürfen wenigstens ein paar Tropfen Zigeunerblut verraten. Der fesche Gendarm Gerstbacher, na, der würde mit seiner Seitenwaffe wohl gar zu gern mal richtig zuhauen. Er hat noch was von rechter Obrigkeit trotz seiner Jugend, ist kein grüner Lümmel in grüner Jacke. Und der Schäfer erst mit seinem Schäferhund und seinem Hut und buntköpfiger Porzellanpfeife – das ist ein kleiner dicker König, wie ihn Wilhelm Busch gemalt haben könnte. Alle sind Individuen seltener im Atelier mit künstlerisch-klassischem Hintergrund aufgenommen. Pöhler ging raus in die Welt und ran ans Objekt. Damals schon.

Ein reifer, strenger Lehrer hat an die Tafel geschrieben: „Die Schweiz Bern Zürich Schaffhausen“ in Sütterlingsschrift, die Kinder sitzen brav am Tisch. Sie sind taubstumm, denn die Wilhelmsdorfer hatten sich verpflichtet eine „Taubstummenanstalt“ zu unterhalten. Traurig guckt auf einem Blatt ein kleiner schwarzer Junge, der mit einem Mann Dame spielt.

Ein totes Kind ruht im noch offenen Sarg. Das Leben der Königskinder ist nicht ein Sonnenschein gewesen vor Jahren. Und so macht das nostalgische Abschreiten der Bilder einer eher privaten Vergangenheit am Ende fast ein bisschen melancholisch.


  • unfold all | 
  • fold all