abseits – aside – à l‘écart

Vorboten der Modernisierung
Kaum eine Landschaft des deutschen Südwestens hat sich so lange eine ähnliche Balance zwischen Natur, Arbeit und Kultur bewahrt, wie der ländliche Raum zwischen Donau, Allgäu und Bodensee. Doch längst trügt die Idylle. Nun sickern auch hier, wo Heimat das schönste Wort für Zurückgebliebenheit schien (Martin Walser), in das organisch Gewachsene, den touristisch verklärten barocken Schönwetterhimmel, zunehmend die Vorboten der Modernisierung: Straßenbaustellen im Niemandsland, zerfallene Ställe, ausrangierte Traktoren vor verschlossenen Stadeln, halb abgerissene Bauernhöfe, Plastikplanen als Silageverpackung, überall Knochensteinpflasterungen, handgemalte Hauswandverzierungen, Baustahlgestrüpp am Feldrand, Dorfrandgestaltung im Baumarktdesign, – hilflose Gesten von Verschönerungswut.

Zerfall scheinbar nutzlos gewordener Eigenart
In den Fotografien von Claudio Hils zeigt sich diese Landschaft von ihrer anderen Seite: In Modernisierungswut und dem Zerfall scheinbar nutzlos gewordener Eigenart. Der globale Fortschritt kennt keine Rücksicht. Er entlarvt das heitere Erscheinungsbild unserer Gegend als schönen Schein. Die Kräfte, unter denen sich die gegenwärtige Veränderung vollzieht, rühren an den Schlaf der ländlichen Welt. Ihr Ziel ist: Ökonomischer Nutzen, ein Prinzip, das längst wie eine zweite Natur alles Lebendige durchdringt. Wer ihm verpflichtet ist, kann sich um die Befindlichkeit Betroffener nicht kümmern. Einwände gegen allzu zügellose Modernisierung verhallen im Jagdlärm der Wachstumsstrategien. Wo alle Welt Anschluss halten muss an die Beschleunigung des Lebens, wird der ländliche Raum zum Durchzugsgebiet von Effizienzstürmen, denen kaum ein Landwirt standhalten kann. An die Stelle von historisch gewachsenen, meist kleinteiligen Lebens- und Arbeitsformen tritt die Maßlosigkeit der Moderne. Überdimensionierte Hallen und Lager, Gerätschaften und Traktoren gleichen mehr und mehr dem gigantischen Technologiepark Rohstoff fördernder Industrien. Statt unverwechselbarer Eigenart herrscht bald uniforme Mächtigkeit.
Der ursprüngliche Zusammenhang von Arbeit und Leben, der die dörfliche Welt über Jahrhunderte auszeichnete, scheint unrevidierbar zerschlagen. Was bleibt, ist das pure Wohnen in einer Umgebung, die an jeder Ecke nur noch erinnert ans Tätigsein. In ihrer Beschränkung auf Übernachtung und Freizeit verwandeln sich die Häuser entlang der Dorfstraßen in abweisende Zwingburgen einer Privatheit, die das Landleben so nicht kannte. Neben aller Mühsal war bäuerliche Arbeit vor allem ein öffentliches Geschehen. Jeder Handgriff im Hof und auf dem Feld vollzog sich nicht nur vor aller Augen, sondern stiftete dadurch gerade jenen Lebenszusammenhang, der dieses mühevolle Dasein erst lebbar machte.

Landschaftsfotografie als Tatortbeschreibung
Die Fotografien von Claudio Hils lassen etwas ahnen von der Unaufhaltsamkeit, mit der die Wucht der Globalisierung auf den ländlichen Raum zukommt und das Vertraute so grundlegend umkrempelt, dass wir uns fühlen wie ausgesetzt. Das Verschwinden der kleinbäuerlichen Strukturen, und damit verbunden der Sinnentzug des Landlebens zugunsten agrarindustrieller Produktion, die Verwandlung landwirtschaftlicher Arbeitsorte zur gesichtslosen Architektur bloßer Wohnsiedlungen hinterlassen eine unbelebte Zwischenwelt, in der man nicht mehr heimisch bleiben und erst recht nicht werden kann.
Fotografie als Tatortbeschreibung: Überall sind die Spuren der sprichwörtlichen Demontage ehemals heiler Lebenswelt zu sehen, notdürftig haltbar gemacht für eine ungewiss scheinende Zukunft. Eine Lebenswelt ohne Zuversicht. Der auswählende Blick, fokussiert auf Brüche und Reparaturen, fördert jedoch nirgendwo Erklärungen zutage, sondern nur neue Fragen, in denen noch etwas nachzuklingen scheint vom Schmerz über den Verlust der Eigenart.

Peter Renz


Hils_abseits

abseits – aside – à l‘écart

(Klöpfer & Meyer, Tübingen)
ISBN 978-3-86351-500-3

Deutscher Fotobuchpreis – Auswahltitel 2013

Kunstmuseum Singen, DE, 06.12.2015 - 27.03.2016

Positionen zeitgenössischer Kunst aus dem westlichen Bodenseeraum. Eine Ausstellung des Kunstvereins Singen Zum Klassiker unter den Überblicksausstellungen zur Situation der zeitgenössischen Kunst im Bodenseeraum ist die SingenKunst längst geworden. Mit der aktuellen Schau nimmt der Kunstverein Singen die durch den Umbau des Kunstmuseums Singen unterbrochene Reihe wieder auf. Erneut ist es der Jury gelungen, innovative künstlerische Positionen, bereits bekannte und neue, erstmals in Singen ausstellende Künstler zusammen zu führen. Der Schwerpunkt 2015 liegt auf den Gattungen: Plastik, Objekt, Installation und raumbezogene Intervention. Aber auch Videoarbeiten, Zeichnungen und Fotografien von 19 Künstlern und Künstlerduos aus Deutschland und der Schweiz werden vorgestellt.

Die Jury der SINGENKUNST 2015
Stefanie Hoch, Kuratorin Ausstellungen, Kunstmuseum Thurgau Kartause Ittingen, Warth; Werner Wohlhüter, Galerie Werner Wohlhüter, Leibertingen-Thalheim; Jörg Wuhrer, Kunstverein Singen

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in der Reihe SingenKunst.

Ausstellungseröffnung
Sonntag, 6. Dezember 2015, 11.00 Uhr

Begrüßung
Jörg Wuhrer
Vorsitzender Kunstverein Singen

Einführung
Siegmund Kopitzki
Redaktion Kultur, Südkurier Konstanz

weitere Informationen:
Einladung [PDF]
http://www.kunstmuseum-singen.de/

Kunstmuseum Thurgau, Warth, CH, 31.08.2014 – 08.03.2015

Die Ausstellung „Gartenträume – Traumgärten“ entwirft ein grünes Labyrinth aus künstlerischen Gartendarstellungen. Von der Miniaturmalerei bis zu raumgreifenden Installationen, von Projektionen in den ehemaligen Weinkellern bis zur künstlerischen Begrünung des Aussenraums reicht die spielerisch-experimentelle Befragung des Blicks über den (Garten)zaun und anderer Grenzüberschreitungen.

Gärten sind Sehnsuchtsorte. Lange Zeit verkörperte der Garten Eden die Paradiesvorstellung schlechthin. Heute werden auf bodenständigere Weise in umgrenzten Territorien individuelle Paradieswelten verwirklicht: Nicht mehr vorrangig als Anbaufläche für Nahrungsmittel, sondern vielmehr als Rückzugsort vom Alltag und als Feld gestalterischer Selbstverwirklichung. Der Garten war und ist ein symbolisch aufgeladener Möglichkeits- und Projektionsraum.

Die Ausstellung „Gartenträume – Traumgärten“ nimmt die Klostergärten Ittingens zum Ausgangspunkt einer spielerischen Recherche über historische und zeitgenössische Gärten in der Kunst. Der Klostergarten galt als geschütztes Stück vom Paradies inmitten der Wirren der Zeit. Das Wort „Garten“ stammt vom indogermanischen „gher“ oder „ghortos“ ab, was die Weiden- oder Haselnussgerten bezeichnet, mit denen Umfriedungen geflochten wurden. So sind Gärten wesentlich durch die Abgrenzung gegen ein fremdes Aussen definiert. Innerhalb dieser Grenzen entstehen Freiräume, die der Kunst Motive und Experimentierfelder bieten. Während der Mensch in seinen Gärten die Natur domestiziert hat, funktioniert der Garten in der Kunst als Spiegel individueller und kollektiver Mythen, Ahnungen und Wunschträume.

„Gartenträume – Traumgärten“ entführt in einen grünen Kosmos künstlerischer Gartendarstellungen aus unterschiedlichen Epochen. Während Adolf Dietrichs Darstellungen seines umzäunten Nachbarsgärtchens für die Faszination an der geordneten und gestalteten Natur steht, zerbricht in der Gegenwartskunst das Idyll: Ins Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung rückt „das Paradies“ mehr und mehr als zerstörtes und ausgrenzendes Territorium. Der Garten Eden wird zu einem verwunschenen Ort, das Paradies zur Paranoia und der friedliche Hort zur Utopie. Im Grenzbereich zwischen Wildnis und menschlichem Gestaltungswillen werden Gärten zum Ort der Künste selbst, zu Inspirationsquellen, Versuchsanordnungen und zum Atelier ohne Grenzen, unter freiem Himmel.

Die Ausstellung „Gartenträume – Traumgärten“ in den ehemaligen Weinkellern der Kartause Ittingen entwirft ausgehend von Höhenpunkten der Sammlung ein blühendes Labyrinth, das vom biblischen Eden über den mittelalterlichen hortus conclusus bis zu den Visionen der Aussenseiterkunst reicht. Zahlreiche Leihgaben von der Miniaturmalerei bis zur raumgreifenden Installation erzählen Geschichte und Geschichten. Eine für die Ausstellung entstandene Forschungsarbeit des Künstlerduos steffenschoeni wächst auch über die Museumsmauern hinaus und begrünt den Aussenraum der Kartause Ittingen.

Mit Arbeiten von Anton Bernhardsgrütter, Erich Bödeker, Camille Bombois, Daniel Bräg, Felix Brenner, Helen Dahm, Adolf Dietrich, Othmar Eder, Marcel Gähler, Philippe Godderidge, Andrea Good, Werner Haselmeier, Claudio Hils, Christine und Irene Hohenbüchler / Franz Spangaro, Simone Kappeler, Fred Engelbert Knecht, Ernst Kreidolf, Hans Krüsi, Sophie Lécuyer, Muda Mathis / Sus Zwick, Doris Naef, Callistrat Robu, Carl Roesch, Armand Schulthess / Hans-Ulrich Schlumpf, Christian Schwager, Franz A. Spielbichler, steffenschoeni, Emma Stern, Judit Villiger und anderen.

In den ehemaligen Weinkellern der Kartause Ittingen

Eröffnung: So, 31. August 2014, 11.30 Uhr
Begrüssung und Einführung: Stefanie Hoch
Pressekonferenz: Fr, 29. August 2014, 10.30h Uhr

weitere Informationen: 

Kunstmuseum Thurgau – Gartenträume – Traumgärten

KUNSTFORUM Bausparkasse Schwäbisch Hall, Schwäbisch Hall, D, 24.01-13.03.2014

abseits / Kunstforum Schwäbisch Hall abseits / Kunstforum Schwäbisch Hallabseits / Kunstforum Schwäbisch Hallabseits / Kunstforum Schwäbisch Hall Eröffnung Donnerstag, 23. Januar 2014, 18 Uhr im KUNSTFORUM Bausparkasse Schwäbisch Hall Einladung zur Ausstellung (PDF) Kunstforum der Bausparkasse Schwäbisch Hall (Link)

Monat der Fotografie 2013 Bratislava

Gallery Na poschodí, Bratislava, SK, 09.11.2013 - 30.11.2013

Zeppelin Museum, Friedrichshafen, D, 16.08.2013 - 06.10.2013

Vernissage 15.8.2013, 19 Uhr
Einladung zur Ausstellung (PDF)

Deutscher Fotobuchpreis 2013

Forum für Fotografie Köln, Köln, D, 2013
Internationale Bodenseemesse Friedrichshafen, Friedrichshafen, D, 2013
Regierungspräsidium Karlsruhe, Karlsruhe, D, 2013
Gartenschau Sigmaringen, Sigmaringen, D, 2013
Goethe-Institut Manila, Philippinen, PH, 2013
Goethe-Institut Bangkok, Thailand, TH, 2013
Goethe-Institut Bandung, Indonesien, ID, 2013
Bienal do Livro in Rio de Janeiro, BR, 2013
Buchmesse Frankfurt, Frankfurt, D, 2013
FH Vorarlberg, Dornbirn, Österreich, AT, 2013
Hochschule Zittau/Görlitz, Zentrum für Kommunikation und Information (ZKI), Zittau/Görlitz, D, 2013

Drenthe, NL, 08.06 - 14.07.2013

Forum Kunst, Rottweil, D, 12.01.2013-24.02.2013


Der andere Blick auf Oberschwaben

In unserer globalisierten Zeit ist selbst im kleinsten Dorf die Welt längst eingemeindet worden. Und trotzdem ist das Dorf noch immer eine Welt für sich.

Längst aufgebrochen die Enge und das Abgeschlossene, das Heimat früher hatte. Die Natur, einstmals existenzieller Grund, nun Umland und Umgebung. Aus der Dorfgemeinschaft wurden Dorfgemeinschaften, aus der Dorfkultur Dorfkulturen. Statt Auswanderern, so bezeugen Ortsdurchfahrten, gibt es nur noch Pendler und Berufsnomaden. Und wie fließend der Wandel ist, zeigt sich zwischen Restaurierung und Zerfall auch am Architektonischen, an den Fixpunkten im Ortsbild.

Der Fotograf Claudio Hils macht sich ein Bild vom Ländlichen, nimmt uns mit auf seine fotobildnerischen Ortsbegehungen durch Oberschwaben.

Seine Ausschnitte aus der dörflichen Wirklichkeit werden zu Zeitfenstern, leuchten Räume aus, zentrieren Details und Abseitiges. Und haben etwas Seismografisches, wenn sie Verschiebungen im Ortsgefüge wahrnehmen, die Stellen entdecken, wo das Alte und das Neue, das Dominierende und das Verschwindende aneinander grenzen, sich überlappen oder ineinander übergehen.
Die Abstände, die Standpunkte, die Blickwinkel, die Claudio Hils zum Fotografieren einnimmt, haben dabei etwas von Markierungen an sich, die es zum Vermessen und zum Verorten braucht. Wo sind wir? fragen uns diese Bilder. Damit wir sagen können: Dort, wo wir wissen wollen, wo wir sind.

weiterführende Informationen:
www.forumkunstrottweil.de

Kreisgalerie Schloss Meßkirch, D, 13.05. - 24.06.2012

ABSEITS. Ein skurriles Buch? Vielleicht, denn es macht auf Situationen aufmerksam, an die man sich schleichend gewohnt hat und die mit dem Leerstand in Dörfern und Gemeinden in Schwaben zu tun haben. Neben einer wissenschaftlichen Untersuchung entstand mit einem Fotoband von Claudio Hils ein zweites Projekt: ein Bildband, den Peter Renz, Walle Sayer und Manfred Schmalriede mit Texten begleitet haben (dreisprachig und gefördert von der LEADER-Aktionsgruppe Oberschwaben, dem Europäischen Landwirtschaftsfonds und dem Land Baden-Württemberg, erschienen im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer). Zu sehen sind die Sehnsucht nach ldylle, abgeschriebene oder verlassene Zentren, der unsachgemäße, unsensible und gedankenlose Umgang mit Ererbtem, die rührenden Versuche, Heimisches aufzuhübschen und der gnadenlose Einbruch der Moderne in Landschaften und dörfliche Lebensräume: Ein modernes Garagentor, das eine alte Scheune verschandelt; ein mit blühender Landschaft, Bach und grasenden Kühen bemalter Schuppen an einem Flecken, der dieses Bild niemals einlösen wird. Fertighaus-Siedlungen aus verschiedenen Zeiten; die
an Beliebigkeit und Unsensibilität nicht zu überbieten sind, ein halbes Haus, einstürzende Gebäude. Die Texte tragen die Überschriften „Vom Verschwinden der Rückständigkeit“, „Ortsbegehung. Fotonotizen“ und „Abseits blühender Landschaften“.

Die Idylle trügt. Oberschwaben – der Landstrich zwischen Donau, Allgäu und Bodensee, geprägt von Kirche, Kloster, Adel und ihren politischen Hilfstruppen, voll mit glücklichen Menschen, fernab des Klammergriffs kapitalistischen Wirtschaftens. Das war einmal. Der Fotograf Claudio Hils, in Mengen (Kreis Sigmaringen) zu Hause, zeigt ein anderes, realistisches Bild der Region. Und der Schriftsteller Peter Renz, auch er ein Oberschwabe, unterlegt die eindrucksvollen Fotos mit einem Text, der erklärt, warum das Himmelreich des Barock nur noch ein schöner Schein ist.

Kaum eine Landschaft des deutschen Südwestens hat sich so lange eine ähnliche Balance zwischen Natur, Arbeit und Kultur bewahrt wie der ländliche Raum zwischen Donau, Allgäu und Bodensee. Doch längst trügt die Idylle. Nun sickern auch hier, wo Heimat das schönste Wort für Zurückgebliebenheit schien (Martin Walser), in das organisch Gewachsene, den touristisch verklärten barocken Schönwetterhimmel, zunehmend die Vorboten der Modernisierung: Straßenbaustellen im Niemandsland, zerfallene Ställe, ausrangierte Traktoren vor verschlossenen Stadeln, halb abgerissene Bauernhöfe, Plastikplanen als Silageverpackung, überall Knochensteinpflasterungen, handgemalte Hauswandverzierungen, Baustahlgestrüpp am Feldrand, Dorfrandgestaltung im Baumarktdesign – hilflose Gesten von Verschönerungswut.

In den Fotografien von Claudio Hils zeigt sich diese Landschaft von ihrer anderen Seite: In Modernisierungswut und dem Zerfall scheinbar nutzlos gewordener Eigenart. Der globale Fortschritt kennt keine Rücksicht. Er entlarvt das heitere Erscheinungsbild unserer Gegend als schönen Schein. Die Kräfte, unter denen sich die gegenwärtige Veränderung vollzieht, rühren an den Schlaf der ländlichen Welt. Ihr Ziel ist: ökonomischer Nutzen, ein Prinzip, das längst wie eine zweite Natur alles Lebendige durchdringt. Wer ihm verpflichtet ist, kann sich um die Befindlichkeit Betroffener nicht kümmern.

Einwände gegen allzu zügellose Modernisierung verhallen im Jagdlärm der Wachstumsstrategien. Wo alle Welt Anschluss halten muss an die Beschleunigung des Lebens, wird der ländliche Raum zum Durchzugsgebiet von Effizienzstürmen, denen kaum ein Landwirt standhalten kann. An die Stelle von historisch gewachsenen, meist kleinteiligen Lebens- und Arbeitsformen tritt die Maßlosigkeit der Moderne. Überdimensionierte Hallen und Lager, Gerätschaften und Traktoren gleichen mehr und mehr dem gigantischen Technologiepark rohstofffördernder Industrien. Statt unverwechselbarer Eigenart herrscht bald uniforme Mächtigkeit.

Der ursprüngliche Zusammenhang von Arbeit und Leben, der die dörfliche Welt über Jahrhunderte auszeichnete, scheint unrevidierbar zerschlagen. Was bleibt, ist das pure Wohnen in einer Umgebung, die an jeder Ecke nur noch erinnert ans Tätigsein. In ihrer Beschränkung auf Übernachtung und Freizeit verwandeln sich die Häuser entlang der Dorfstraßen in abweisende Zwingburgen einer Privatheit, die das Landleben so nicht kannte. Neben aller Mühsal war bäuerliche Arbeit vor allem ein öffentliches Geschehen. Jeder Handgriff im Hof und auf dem Feld vollzog sich nicht nur vor aller Augen, sondern stiftete dadurch gerade jenen Lebenszusammenhang, der dieses mühevolle Dasein erst lebbar machte.

Die Fotografien von Claudio Hils lassen etwas ahnen von der Unaufhaltsamkeit, mit der die Wucht der Globalisierung auf den ländlichen Raum zukommt und das Vertraute so grundlegend umkrempelt, dass wir uns fühlen wie ausgesetzt. Das Verschwinden der kleinbäuerlichen Strukturen, und damit verbunden der Sinnentzug des Landlebens zugunsten agrarindustrieller Produktion, die Verwandlung landwirtschaftlicher Arbeitsorte zur gesichtslosen Architektur bloßer Wohnsiedlungen hinterlassen eine unbelebte Zwischenwelt, in der man nicht mehr heimisch bleiben und erst recht nicht werden kann.

Fotografie als Tatortbeschreibung: Überall sind die Spuren der sprichwörtlichen Demontage ehemals heiler Lebenswelt zu sehen, notdürftig haltbar gemacht für eine ungewiss scheinende Zukunft. Eine Lebenswelt ohne Zuversicht. Der auswählende Blick, fokussiert auf Brüche und Reparaturen, fördert jedoch nirgendwo Erklärungen zutage, sondern nur neue Fragen, in denen noch etwas nachzuklingen scheint vom Schmerz über den Verlust der Eigenart.

Es ist eigentlich egal, wohin Claudio Hils sein Objektiv richtet, auf die Gegend um Sigmaringen, auf die schwäbische Alb, den Bussen oder das Donautal, rund um seine Heimat Mengen und in ganz Oberschwaben trifft der Fotograf auf dasselbe Bild: Leerstand, Überalterung der Bevölkerung, seltsame Infrastrukturmaßnahmen. Dörflich idyllisches Landleben existiert in Zeiten von Landflucht und Globalisierung fast nur noch in den Köpfen der Stadtbewohner – und in Werbeprospekten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und die hat Claudio Hils kommentarlos dokumentiert.

„Ich kann drei Dörfer weiter fahren und seh wieder dasselbe. Heut bin ich über Horgenzell hier runtergefahren und da haben sie wieder so ein Neubaugebiet hingebaut – da fällt mir nichts mehr ein, da hätt ich gleich wieder loslegen können“, sagte der Fotograf im Gespräch mit den Besuchern der Ausstellungseröffnung. Wenn es skurril wird, dann geht es „innerlich regelrecht durch mit ihm“. Dabei geht es immer um verschiedene Ebenen die nicht zusammengehören. Die Natur und der Neubau, der moderne Brunnen und dahinter das Rudimentär des Dorfes oder das Stück Toscana im oberschwäbischen Nirgendwo. Das sind alles Dinge, die auf Kontrast angelegt sind, ebenso wie zeitliche Schnitte – zum Beispiel altes Haus, neues Haus.

„Wir sind Opfer, Zeugen, Nutznießer eines Phänomens, das wir Globalisierung nennen und Globalisierung heißt: Alles wird gleich. Es gibt überall Cineplex und McDonalds und dazwischen überall die gute, alte Welt, die dadurch rückständig wirkt“, drückt es Frank Thorsten Moll aus. Er ist Leiter der Kunstabteilung im Zeppelin Museum und führte in die Ausstellung ein. Ein Beispiel: Auf dem Hauptbild der Ausstellung ist eine seltsame Fahrbahnmarkierung zu sehen, drei Durchfahrtsverbotsschilder und dazu eine alte Straßenlaterne, ein Maisfeld und das Zwiebeltürmchen einer Kirche, wie man sie überall in Oberschwaben findet. Kein Idyll und fast schon banal – die Spuren der angestrebten Modernisierung wirken hilflos, aber die Skurrilität springt den Betrachter erst auf den zweiten Blick an.

„Diese Fotos sind alles andere als banal oder beiläufig. Sie sind konstruierte, konzeptionelle Dokumentarfotografien, die durchdacht sind und die bewusst den Blick auf solche Skurrilitäten wie das dreifache Verbotsschild lenken, die wir täglich sehen, aber nicht wahrnehmen“, sagt Moll. Städteplaner haben hier für eine Zeit vorgesorgt, in der Bauanträge bewilligt sind, EU-Fördergelder fließen und das Maisfeld am Ortsrand von Industrieanlagen, wie von einem Krebsgeschwür überwuchert wird. Da sind wir wieder beim Talent der Künstler, die an Orten, an denen andere Leute nichts als Banalität sehen, etwas Wichtiges, Symptomatisches oder Bedenkenswertes sehen. „Man könnte Claudio Hils als einen professionellen Enttäuscher bezeichnen, denn es geht meines Erachtens in seiner Arbeit darum, die Täuschung, die hinter den Bildern ist, zu entkräften und somit zu ‚ent-täuschen‘“, sagt Moll. Und dass er das ohne die überbordende Strenge, sondern mit einer Sachlichkeit tut, die leicht ins Humorige kippen kann. Das gefällt auch Museumsdirektorin Ursula Zeller. Die angestrebten Spuren der Modernisierung sind teils so lustig oder hilflos, dass manchen Besucher ein Schmunzeln befällt, das man in der Ausstellung auch nicht so leicht verliert.

„Alles erinnert an etwas, das wir zu kennen meinen, und doch: Es scheint uns fremd, abseitig, wie aus einer anderen Welt, in der man nicht mehr daheim sein kann“ – so steht es auf einer der Tafeln zwischen den Fotos im Grenzraum des Zeppelin-Museums, eine Dokumentation der Auseinandersetzung mit dem Motto der Ausstellung „Abseits“. Nach der Ausstellung „Neue Heimat“ vor vier Jahren hat sich das Zeppelin-Museum damit erneut dem Thema „Heimat“ gewidmet, wenn auch aus einer anderen Perspektive. Drei Jahre fungierte Claudio Hils, einer der renommiertesten Fotografen Deutschlands, in einer Langzeituntersuchung als „Tatort“-Fotograf. Zusammen mit Frank-Thorsten Moll, Leiter der Kunstabteilung, hat er für diese Ausstellung 40 Fotos aus seiner Sammlung ausgewählt.

Ungeschönt, mit sachlichem Blick auf die Tatsachen, hat Hils, von Haus aus Bildjournalist und Kommunikationsdesigner, seine Serie zusammengestellt: ein dokumentarisches Zeugnis über die sogenannte ländliche Idylle in der Region Bodensee-Oberschwabens. Sieht man nämlich genauer hin, erkennt man, dass es längst keine Idylle mehr gibt. Haus und Land verrotten, werden nicht mehr landwirtschaftlich oder anders genutzt, Häuser und Ställe sind zerfallen oder halb abgerissen, surreal wirken Straßenbaustellen mit Verkehrsschildern an Orten, wo keiner hinkommt, und die Modernisierung schreitet unaufhaltsam voran. Handbemalte Häuserwände oder Dorfrandgestaltung im Baumarkt-Stil zeugen von hilflosen Versuchen, diesen Prozess aufzuhalten oder zu kaschieren.

Die Motive fand Hils rund um seinen Wohnort Mengen, quasi direkt vor der Haustür. „Diese Problematik könnte man aber auch in Mecklenburg-Vorpommern oder in der Toskana vorfinden“, ist sich Hils sicher. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb seine Ausstellung und der dazugehörige Katalog dreisprachig verfasst sind. Frank-Thorsten Moll sieht diese Ausstellung als eine Art Streifzug durch die Geschichte eines Wandels, der auch immer einen Keim Hoffnung in sich trägt. „Ich schätze das Projekt wegen seiner Offenheit. Es zeigt nichts Schreckliches und nichts Schönes, es ist bewusst in der Mitte gehalten“, lobt Moll. Ursula Zeller, die Leiterin des Zeppelin-Museums macht deutlich: „Im Grenzraum zeigen wir gern Flagge, etwa mit experimentellen Dingen und dass auch wir mit der Region verwachsen sind.“ Hils gibt zu: „Ja, es ist ein Experiment. Ich habe hier verschiedene Ebenen zusammengeführt.“ Zeller bewundert die Arbeiten des Fotografen vor allem deshalb, weil er damit „an den Rand schaut“, zeigt, wo Gegensätze aufeinander prallen und weil seine Fotos auch Absurdes und Skurriles vorweisen, zum Beispiel eine Scheune mit eingebautem Garagentor, eine Gartenanlage im barocken Stil oder eine Statue mit mediterranem Flair.

Für Zeller haben diese Fotos nichts Diffamierendes: „Sie sind Metaphern für das Leben von heute und machen bewusst, was uns begegnet.“ Wie ausgestorben wirken die abgebildeten Straßen und Dörfer, auf denen sich kein Leben abzeichnet. Dächer sind halb eingebrochen, hier ein Haufen Bauschutt, dort ein verlassener kaputter Traktor oder verbarrikadierte Fenster und Türen. Zur Gestaltung der Ausstellung erklärt Moll: „Hils schaut mit dokumentarischem Blick auf die Dinge, die ihn bewegen. Das erlaubt uns, über die Region nachzudenken. Für manche Kritiker sind sie so etwas wie ein Dokument vergangener Zeit.“ Die Auswahl der Fotos sei thematisch gegliedert, so Moll weiter. Es fange mit der Umgebung an, mit dem, was zum Dorf hinführt, eine Straße zu einem Ort, wo keiner hin will oder nur durchfährt. Der große Block gibt den Blick frei auf das Dorfzentrum und seine Transformationsprozesse, den Versuch zu konservieren wie die Bemühungen einer alten Frau, ihr Anwesen irgendwie schöner zu halten. Der letzte Block befasst sich mit den Randzonen des Dörflichen, wo das Aufbäumen gegen den Verfall zelebriert wird.

Im Zeppelin Museum geht es einmal um das Thema Heimat. Nach der Ausstellung „Neue Heimat – Zwischen den Welten“ heißt es nun „Abseits“. Hinter dem Ausstellungstitel verbirgt sich die etwas andere Dokumentarfotografie von Claudio Hils. Der studierte Kommunikationsdesigner und gebürtige Mengener zeigt Bilder von einem etwas anderen Oberschwaben.

Die Fotografie von Claudio Hils ist eine Art Tatortbeschreibung, die auf schmerzliche und mitunter sogar schockierende Weise die Spuren der sprichwörtlichen Demontage ehemals heiler Lebenswelt dokumentiert. Keine grasenden Kühe auf saftigen Wiesen, kein Bauernhofidyll im Bodenseehinterland, kein pittoresker Blutreiter im barocken Ornat: Nein, es ist nicht das Hochglanzbild oberschwäbischer Touristiker, das den Fotokünstler interessiert. Claudio Hils zeigt Bilder abseits des Klischees vom so schönen Oberschwaben – das aber mehr und mehr sein Gesicht verändert..

Wer die Bildstrecken des Professors für Fotografie analysiert, erkennt schnell: Hils richtet sein Weitwinkelobjektiv abseits. Er fokussiert ungeschönt aber nicht wertend Hintergründiges. Er zeigt Zerfall und Umnutzung, Abriss und Leerstand. Wer mit Claudio Hils auf Entdeckungsreise geht, der stößt auf Transformationsprozesse im ländlichen Oberschwaben. Sie könnten im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ entstanden sein. Wie das Haus, dem man ansieht, dass es noch nicht abbezahlt ist. Oder die hilflose Geste von Verschönerungswut mit einer seltsamen Baumarktskulptur. Da fallen auch Straßenneubauten ins Auge, die wohl niemand befährt. Und skurrile Verkehrsinseln. Wo und wie man fahren soll, auch der Betrachter tut sich schwer. Hier wie dort, da schwingt Groteske mit. Das Objektiv überzeichnet, spitzt zu. Teils geht’s bis zum Absurden. Wie beim Bild einer riesigen Scheune mit mächtigem Scheunentor. Mitten reingebastelt ein Billiggaragentor. Wohl aber eines mit Elektroantrieb. Konträrer können Welten kaum sein.

Die Hils’sche Bildstrecke ist nicht durchnummeriert. Die Bilder tragen auch keinen Titel. „Ich wollte keine Verortung. Ich wollte Beispiele zeigen von Veränderung, von Strukturwandel. Ich bin auf Suche gegangen nach Spuren so manchen Versuchs, diesen Prozess aufzuhalten oder zu kaschieren“, sagt der Fotokünstler. Hils fotografierte Spuren kommen aus Oberschwaben. Sie könnten freilich überall entstanden sein. Auch in Italien, der Schweiz oder in Österreich.

Dass die Ausstellung im Grenzraum des Zeppelin Museums ihre Entfaltung findet, hat auch programmatischen Charakter. „Abseits“ trägt nämlich auch experimentelle Züge in sich. Dokumentarfotografie gibt es viel. „Mit seinem Witz, dem Skurrilen und Überzeichneten betritt der Künstler aber Neuland“, verdeutlicht Museumsdirektorin Ursula Zeller. Deshalb hängen die Werke Hils im Grenzraum – im Museum ja auch Ort der Experimente. Und, die erneute Fotoausstellung im Museum verfolgt museumspolitische Ziele. „Wir üben uns, ein Kompetenzzentraum für Fotografie zu werden“, sagt Frank-Thorsten Moll. Der Kurator der Kunstabteilung hat zusammen mit Claudio Hils das „Abseits“ konzipiert.

Claudio Hils auf der Suche nach dem Ländlichen in Oberschwaben. Welche Textur, welche Struktur hat das Dorf in unserer modernen Gesellschaft? Und: Was ist eigentlich aus dem ländlichen Raum geworden? Der Fotokünstler zeight mit analytischem Blick alte und neue Strukturen einer Welt im Wandel.

Hils-sonntaz_2013-06-29

Bonjour Tristesse, du schöne Traurigkeit. Zurück in der Ödnis, die an Kindheit erinnert, an Fahrten übers Land oder die Wochenenden bei Oma. Wo genau, wer weiß das schon. Es ist der Ort, wo alles gleich ist, der Sommer wie der Winter, der Garten wie der Garten nebenan. Die Vorhänge wurden manchmal ein Stück zur Seite geschoben, wenn Claudio Hils durch die Dörfer lief, die er fotografierte – über Jahre hinweg und nie auf der Suche nach Idyll, „verlogenem Kitsch“, wie er sagt. Bloß keine Sonnenuntergänge und den ganzen Postkartenquatsch! Hils will die „ungeschönte Betrachtung von Leben“, die Bruchstellen und auch die Schnittstellen. Welche? „Die zwischen dem, was war, und dem, was ist.“ Es waren: Bauernhöfe, auf denen man wohnte und arbeitete, Gemeinden in Oberschwaben, die angelegt wurden für die Ernte. Es sind: verfallene Hütten und verlassene Scheunen, Zeugnisse von Zerfall, Konsequenzen der Globalisierung, die Industrieanlagen in die Natur stellt und Menschen in die Stadt zieht. Die Parkplätze leer, die Gehwege, die Läden– wer hält das wie lange aus? Wer es lange aushält, versucht sich vielleicht an Zartheit, ein bisschen Poesie – und will verschönern, mit Blumenbeeten, neuen Fenstern. Die Bilder von Hils – er unterrichtet in Österreich, ist aber zu Hause in Mengen, Baden-Württemberg, 10.000 Einwohner, und er schwärmt: die Ruhe!, die Gerüche!, der Badesee! – zeigen das an Hilflosigkeit grenzende Resultat: Zäune, Hecken und Gipsfiguren aus dem Baumarkt. „Dorfattrappen“ nennt er jene Orte, „Abseits“ die Sammlung seiner Aufnahmen, die weder Titel noch Datum tragen. Sie sind bildgewordene Langeweile, Ausdruck größtmöglicher Spießigkeit und des Gefühls, alleine über den Kreisverkehr in Oberunterheimhausen zu laufen. Statt zu Streuobstwiesen und Kühen führt der Fotograf zu Garagen und Stoppschildern, zu Kieswegen, Mülltonnen und Liegestühlen, die mit Sitzpolstern in Achtzigerjahre-Optik und vor blassvioletter Betonwand zum Entspannen einladen sollen. Da ist keiner. Da wartet niemand. Wir sind im Nirgendwo oder im Überall. Unerwünscht, zur Flucht verdammt, adieu Tristesse! Verirrt sich doch mal ein Mensch auf eines dieser Fotos, steht er da verloren wie jedes Fertighaus. „Ein Ufo in der Landschaft“, sagt Claudio Hils. Und dass er Freude daran habe, wenn die Leute wegen seiner Wirklichlichkeitsausschnitte rote Köpfe bekämen. Diese Sauberkeit, diese Trostlosigkeit. „Natürlich tut es weh, das zu sehen.“ Es sei eben wahr. Vollständiger Artikel mit Bildern (PDF)

Wer an das Landleben denkt, hat gerne pittoreske Szenen vor Augen. Doch Geranien blühen nicht überall. Darauf lenkt der Bildband „Abseits“ das Augenmerk. Er soll nicht abkanzeln, sondern Impulse geben.

“Wo sind wir? Straßenbaustellen im Niemandsland, zerfallene Ställe, (. . .) Dorfrandgestaltung im Baumarktdesign – hilflose Gesten von Verschönerungswut.“

Ja, das Idyll ist tot. In vielen Dörfern hat an vielen Ecken die Tristesse Einzug gehalten. Vielleicht nur schrittweise, vielleicht nur an mancher Ecke. Und nicht überall können im Frühjahr blühende Apfelbäume und im Sommer liebevoll gepflegte Balkonpflanzen darüber hinwegtäuschen, dass ein großes Stück des guten, alten Landlebens verloren gegangen ist. Der Bilderbuch-Bauernhof ist Seltenheit geworden.

Mit den neuen Bildern des Landlebens beschäftigt sich der Bildband „Abseits“ des renommierten Fotografen Claudio Hils, der in Mengen geboren wurde. Die Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben (siehe Infokasten) fördert das Buch mit Mitteln der EU und des Landes. Der Bildband versteht sich als Fortführung des Leader-Projektes Oberschwaben, das 2008 begann und insgesamt 46 Gemeinden die Möglichkeit gibt, sich über die Zukunft ihrer Dörfer und Städte Gedanken zu machen. „Auf diesem Nährboden“ sei schließlich die Idee entstanden, mit Bildern den Ist-Zustand zu beschreiben, sagt Emmanuel Frank von der Leader-Aktionsgruppe.

Der Ist-Zustand. Das sind halb verfallene Schuppen, griechisch anmutende Skulpturen, die vielleicht dort stehen, wo einst der Misthaufen war. Das sind ausfransende Neubaugebiete, seit langem leer stehende Ställe, Schuppen, die keiner mehr braucht – außer als Garage. „Gegen die drohende Zerstörung der ländlichen Lebenswelt erhob sich vor Zeiten der Schlachtruf: ,Unser Dorf soll schöner werden. Eine Losung, die in sich schon den Keim des Scheiterns trug. Mit Reparaturen nach normierten Vorbildern ist die verlorene Regionalität nicht zu retten“, schreibt der Schriftsteller, Lektor und Dozent Peter Renz in dem Begleittext von „Abseits“.

Renz geht weiter, benennt, warum mancher ehemalige Ortsmittelpunkt heute so kahl und seelenlos wirkt: „Bald jede Zweihundertseelengemeinde walzt ihren Dorfplatz zum asphaltierten Kreisverkehr aus, über den die Dreißig-Tonner-Diesel ungehindert ihre gigantischen Frachten in jeden Winkel der Republik transportieren können.“

Das Buch versuche den Zustand deutlich zu machen, die Entwicklung in den Dörfern abzubilden und mit Bildern zu beschreiben, die zum Nachdenken anregen, erläutert Emmanuel Frank von der Leader-Geschäftsstelle. Der Betrachter sieht dabei die Motive mit dem Auge des Künstlers – das mag in der Direktheit nicht jedem gefallen.

Mit seinen Fotografien erzeuge Claudio Hils Stillstand im doppelten Sinn. Doch lenke er den Blick auch auf kleine Inseln des Vergnügens – die Plätze, an denen Menschen leben, bewertet der Fotograf Manfred Schmalriede die Arbeit Hils. „Mit den gewählten Ausschnitten lenkt der Fotograf darüber hinaus unsere Aufmerksamkeit auf einen Akt-Abguss, einen ausrangierten Traktor, gemalte Pferdeköpfe, Wagenräder und andere Dinge, die isoliert vorgeführt, in ihrer Bedeutung eingefroren, wie Relikte vergangener Zeiten wirken, ohne auch einen Hauch von Tradition zu verbreiten.“ Und: „Die zu schmückenden Elementen umfunktionierten Objekte strapazieren den guten Geschmack. Tristesse bleibt zurück.“

Der Eindruck, der zurückbleibt, ist nicht immer der Beste – auch wenn das mit dem Geschmack bekanntlich ein weites Feld ist. Wegen der öden, ja traurigen Anmutung gibt es zu den abgedruckten Fotografien auch keine Ortsangaben. Man wolle mit dem Bildband „überhaupt nicht mit dem Zeigefinger“ agieren, betont Emmanuel Frank.

Zum Schluss eine Betrachtung des Autors Renz: „Schönheit, wo sie im Alltag aufscheinen mag, ist Ausdruck einer geglückten Lebensform, unverwechselbares Ergebnis von Arbeit im Einklang mit der Natur.“

Zum Sonntagsspaziergang gehen viele von uns gerne ins Grüne oder sie fahren gleich aufs Land. Dort erhofft und erwartet man sich „frische“ Luft und eine gewisse Idylle, die so mancher Städter unter der Woche vermisst. Doch auf dem Land zu wohnen oder gar einen Bauernhof zu betreiben, können sich immer weniger Menschen vorstellen. Zum Arbeiten pendelt man sowieso meist in die großen Zentren und wenn möglich, zieht man irgendwann auch dorthin.
Dieser Trend hinterlässt Spuren und macht das Leben für die Zurückgebliebenen oft noch schwieriger. Denn mit den Menschen verschwindet beispielsweise die Nahversorgung, das ÖPNV-Netz wird weiter ausgedünnt. Die LEADER-Aktionsgruppe Oberschwaben – LEADER steht für „Liaison Entre Actions de Développement de l‘Economie Rurale“, siehe auch www.leader.lu – hat sich deshalb mit dem Thema Leerstand in Dörfern und Gemeinden auseinandergesetzt. Dabei ist u.a. dieses Fotobuch entstanden. Der aus Mengen stammende Fotograf Claudio Hils reiste dazu durch seine Heimat Oberschwaben und präsentiert uns mit seinen Bildern die beiden Pole des ländlichen Raums. So steht ein kleiner, zartrosa blühender Apfelbaum idyllisch auf einer gelben Löwenzahnwiese, eine alte Bäuerin jätet Unkraut, Großeltern pausieren mit ihren Enkeln an einem kleinen See. Doch viel stärker sind die Schattenseiten geworden: zerfallene Schuppen, Lärmschutzwälle für Schnellstraßen, hinter denen ganze Hausreihen verschwinden, verlassene Häuser und Dorfplätze, auf denen sich kein Mensch mehr aufhalten.
Viel des Gezeigten kennt man. Doch diese Fotografien, auf denen die Welt still steht, rücken die Situationen in ein anderes Licht, lassen vieles bewusster werden. Es ist gut und tut Not, dass sich die LEADER-Aktionsgruppe dieses Themas angenommen hat.
Die Bilder von Claudio Hils werden von zwei Texten begleitet, die zusätzliche Informationen zur Veränderung der ländlichen Gebiete und zu Hils‘ Arbeitsweise liefern. Walle Sayer komplettiert mit seinen unterschiedlich langen Gedichten, die als ungewöhnliche Bildunterschriften dienen, diese gelungene Publikation.

Beim Stichwort Oberschwaben stellen sich unweigerlich Postkarten-Bilder eines gepflegten bäuerlichen Landstrichs ein, einer leicht verträumten Welt, die noch in Ordnung scheint – garniert mit den Zwiebeltürmchen zahlloser Barockkirchen. Im Forum Kunst wirft der Fotograf Claudio Hils einen sehr viel nüchterneren Blick auf Oberschwaben.

Hils, der in Mengen lebt und als Professor für Fotografie an der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn tätig ist, hat Oberschwaben zum Gegenstand einer Recherche gemacht. Nachdem er bereits Fotoserien unter anderem zum Nordirland-Konflikt, zum Leben in Metropolen oder zur Umwandlung der DDR in die „neuen Bundesländer“ erarbeitet hat, fährt er nun durch die Dörfer zwischen Bodensee und Donau. Dort sucht er nicht die Vorzeige-Fassaden, sondern Perspektiven abseits – „abseits“ heißt denn auch sein Projekt.
Im Bürgersaal am Friedrichsplatz sind nun Fotografien aus diesem Fundus zu sehen. Es sind dokumentarisch anmutende Aufnahmen, streng im Aufbau, ohne Effekthascherei. So sammelt Hils vordergründig unspektakuläre Eindrücke: Heruntergekommene Höfe, lieblos hingeklotzte Neubauten, zu reinen Fahr-Schneisen planierte Dorfstraßen. Er rückt damit einerseits den viel zitierten Strukturwandel im ländlichen Raum in den Blick, mit immer weniger immer großtechnischeren Bauernhöfen und Dörfern, die veröden und keine vitale Struktur mehr haben. Andererseits verweist er scharf auf den Verlust von Tradition und Eigenart. Sie fallen vielerorts einer brachial betriebenen Modernisierung zum Opfer, die vor allem Gesichtslosigkeit
erzeugt.
Manche Aufnahme gipfeln in einer Pointe, wenn etwa die Fassade eines Gasthauses „Rosengarten“ kein einziges Pflänzchen ziert oder ein Saatgut-Schildchen einem Acker die rote Karte zu zeigen scheint. Da parodiert sich Realität selbst. Viele Fotos jedoch sind ernüchternd, da sie ungeschminkt einen Transformationsprozess anzeigen, bei dem viel auf der Strecke bleibt.
Ob man diese Metamorphose nun, wie der Waldburger Schriftsteller Peter Renz es bei der Eröffnung getan hat, vor allem auf die Globalisierung und die Diktatur eines eindimensionalen Effizienzdenkens zurückführen kann, ist allerdings die Frage. Nicht selten zeugen die Aufnahmen auch schlicht von Ignoranz, Geschmack- und Ideenlosigkeit.
Am frappierendsten ist vielleicht, wie menschenleer die Fotografien sind. Zumindest in dieser Hinsicht wird man der unterschwelligen düsteren Prognose kaum widersprechen können: Das Ausbluten vieler ländlicher Räume ist bereits in vollem Gange, nicht nur in Oberschwaben.

Der Verlust der Eigenart, sorgsam gerahmt, im Format 40 mal 50 Zentimeter: Claudio Hils zeigt im Bürgersaal 40 Tatortbeschreibungen der Unwirtlichkeit.

Claudio Hils stammt aus Mengen und hat an der Universität Essen Kommunikationsdesign studiert. Der 50-Jährige arbeitet seit zwei Jahrzehnten als freier Autorenfotograf. 2008 wurde er Professor für Fotografie an der Fachhochschule Vorarlberg, Österreich. Hils kuratiert Fotoausstellungen, unter anderem in Donbirn und im Kloster Obermarchtal.
Bei der Vernissage von „Abseits“ sprach Peter Renz, einer der drei Autoren des Bildbands gleichen Titels, von den Spuren der Demontage ehemals heiler Lebenswelt, die jetzt aber keine Zuversicht mehr berge.
Der auswählende Blick von Claudio Hils fokussiere auf Brüche und Reparaturen, fördere jedoch nirgendwo Erklärungen zutage „sondern nur neue Fragen, in denen noch etwas nachzuklingen scheint vom Schmerz über den Verlust der Eigenart“. Zu jedem der Bilder ist eine Beschreibung vorhanden: „Wie ein Fossil aus fernen Tagen steht der Traktor vor verschlossenen Scheunentüren, Wind und Wetter ausgesetzt als trotzige Abschiedsskulptur einer versunkenen Betriebsamkeit, in der sich tägliche Mühen um Hof und Vieh noch gelohnt haben“, heißt‘ es da oder „Alles erinnert an etwas, das wir zu kennen meinen, und doch: Es scheint uns fremd, abseitig, wie aus einer Welt, in der man nicht mehr daheim sein kann“.
Hils hat die Motive in seiner Heimat, dem „Oberland“ gefunden. „Das hätte man hier fast genauso fotografieren können“, meinte einer der Vernissagebesucher.
Hauptsächlich Gebäude und Landschaften zeigt der Fotograf, Menschen sind auf den Bildern kaum zu sehen. Hier mal ein Rollerfahrer, der ins „abseits einer Straßenbaustelle“ gelangt ist, dort ein Spaziergänger. Dafür Wellblech, bröckelnder Asphalt, rissige Fassaden, eine Gipsstatue in einem ländlichen Vorgarten. Nein, kein Gartenzwerg, aber dennoch irgendwie fehl am Platz.
Der 148-seitige Bildband „Abseits“ mit 51 Fotos von Claudio Hils ist im Tübinger Klöpfer und Meyer-Verlag erschienen und ist um 39 Euro im Buchhandel und im Forum Kunst erhältlich. Für das Jahr 2013 hat Kurator Jürgen Knubben noch zwei Ausstellungen mit Malerei, zwei mit Skulpturen und passend zum Schweiz-Jahr den „Giardino di Daniel Spoerri“ geplant.

Die Bilder sind keine Inszenierung, die Distanz des Fotografen sorgt für ein Höchstmaß an Authentizität der Szene: Was Claudio Hils in der Arbeit an seinem Projekt »abseits« gesehen und festgehalten hat, erzählt also eine ziemlich wahre Geschichte, die der Transformation des ländlichen Raumes. Heute ab 19 Uhr eröffnet Forum Kunst in Rottweil eine Ausstellung mit Bildern aus der »abseits«-Serie.
Die Ausstellung selbst ist freilich zumindest zum Teil eine Inszenierung. Das liegt schon am Anlass selbst, aber auch an der Entscheidung, welche Bilder und unter welchem Zusammenhang diese zu zeigen sind.
So kann man an der großen Wand zwanglos die Vorstellung eines Spaziergangs gewinnen, der draußen in einer Landschaft mit deutlich menschlichen Spuren beginnt, durch ein Dorf führt, in dem Überkommenes fast museal wirken kann, aber auch bei dem krampfhaften Versuch, in die Gegenwart geholt und für die Zukunft gerettet zu werden, in absurder Ästhetik gipfelt.
Das Neue wirkt hilflos, es ist fast alles verlassen, bis die Ausstellungsregie das Auge wieder in die Landschaft wandern lässt.
Gegenüber ist eine Reihe Arbeiten gruppiert, die Symbole akzentuieren: Mobilität als Relikt, eine Absperrung, bei der nicht klar wird, welche Seite geschützt bleibt, demografischer Wandel im Bild einer Spaziergängergruppe, die sich aus der Situation bewegt: Hils, heute Professor für Fotografie in Dornbirn, ist für diese Serie nach seinen weltweiten urbanen fotografischen Erkundungen wieder in seine alte Heimat zurückgekehrt. Im Oberland hat er »abseits« gefunden. Wo genau, spielt keine Rolle. Konsequenterweise tragen die Bilder keine Titel, sondern sind durchnummeriert. Oben auf der Galerie findet der Besucher nicht nur Motive mit starkem künstlerischen Inhalt, vor allem dort, wo er nicht intendiert ist, sondern auch einige Auszüge aus den Texten, die Walle Sayer, Manfred Schmalriede und Peter Renz, der heute Abend zur Eröffnung spricht, zu »abseits« beigetragen haben.

„abseits“ nennt der Fotograf Claudio Hils eine Serie, die er im Forum Kunst Rottweil vorstellt. Zur Eröffnung am Samstag, 12. Januar, um 19 Uhr spricht der Schriftsteller Peter Renz aus Waldburg.

Claudio Hils, der als Autorenfotograf gilt, ist in Mengen zuhause und lehrt seit 2008 als Professor für Fotografie an der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn. Er hat zur Geschichte des Nordirland-Konflikts gearbeitet, zum Leben in Metropolen, zur Umwandlung der DDR in die „neuen Bundesländer“. Für sein neuestes Projekt ist er durch die Dörfer Oberschwabens gefahren und gegangen. Was er aufspürte und festhielt: Verödung, Leerstand, Straßenbauten mitten im Nichts, Gesichtslosigkeit, wenn nicht Hässlichkeit.

Die bäuerliche Idylle, die fest im kollektiven Gedächtnis der Menschen verankert ist, blitzt hier und dort noch in Spuren durch, kontrastiert durch Zweckbauten – und vor allem durch hilflos bis grotesk anmutende Versuche, Haus, Hof und Dorf zu verschönern. So finden sich verzierte Garagentore neben Fassaden, die mit Pferdeköpfen, spielenden Kindern oder weidenden Kühen bemalt sind, Neubaugebiete, in denen die Architekturstile munter konkurrieren. In Erinnerung an frühere, vielleicht bessere Zeiten werden alte Wagenräder auf der Betonmauer arrangiert, aus unerfindlichen Gründen die Replik einer antiken Skulptur und ein nach ostasiatischer Art beschnittener Baum im modischen Stein-Beet präsentiert.

Die Fotografien von Claudio Hils führen vor Augen, dass postmoderne Beliebigkeit und die identitätslosen Nicht-Orte nicht mehr nur in urbanem Zusammenhang existieren, sondern längst aufs Land vorgedrungen sind – zusammen mit dem Unbehagen darüber. Der zunächst objektiv und distanziert wirkende Blick durch die Kamera dokumentiert „Tatorte“ (Peter Renz). Und aus dem gnadenlosen Sichtbar-Machen der Realitäten können Reflexionen über Verlust und Ungewissheit entstehen. Heile Welt sieht anders aus.
Die Ausstellung dauert bis 24. Februar. Das Forum Kunst am Friedrichsplatz hat folgende Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag 14 bis 17 Uhr, Donnerstag 17 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.

Rottweil. Mit Fotografie startet Forum Kunst in die neue Saison: Am kommenden Samstag, 12. Januar, öffnet eine Ausstellung mit Arbeiten von Claudio Hils. Zu sehen ist etwa die Hälfte der Arbeiten aus dem „abseits“-Projekt des in Mengen geborenen Fotografen, für den diese Arbeit auch ein bisschen Rückkehr in die alte Heimat bedeutet.

Fotografie zu zeigen, sei seit Jahren ein Anliegen des Rottweiler Kunstvereins, erklärt der künstlerische Leiter Jürgen Knubben. Tatsächlich taucht die Disziplin spätestens seit 1979 regelmäßig im Programm auf. Zugrunde liegt die Überzeugung, dass Fotografie in der Kunst schon lange eine Rolle spiele und deshalb auch Platz in den zeitlichen und örtlichen Präsentationsräumen beanspruchen soll. „abseits“ ist eines der Projekte, in denen Hils, der früher viel als Fotojournalist für Magazine gearbeitet hatte und inzwischen den Weg in die Lehre gefunden hat, Geschichten – oder besser: Prozesse –, aufgefächert in sehr kontrastive und differenzierte Fotoreihen, zeigt.

Bei „abseits“ geht es um die Entwicklung im ländlichen Raum. Das Projekt umfasst auch ein Buch, in dem drei Autoren aus unterschiedlichen Richtungen Position zum Thema beziehen: Peter Renz, der am kommenden Samstag, 12. September, bei der Eröffnung ab 19 Uhr in die Ausstellung einführen wird, Walle Sayer und Manfred Schmalriede interpretieren die Fotos, die Bilder, für die sie stehen, und die Entwicklung, die sich in diesen Bildern ausdrückt, mal in poetischer Annäherung, mal in diskursiver Analyse.

Auch die folgenden Ausstellungen für das Jahr 2013 bei Forum Kunst sind fest terminiert: Ab Mitte März gibt es wieder Malerei: Zu Gast ist der in Schaffhausen geborene, in Düsseldorf lebende Künstler Ulrich Meister, der vor allem mit seinen auf die Grundformen abstrahierten, damit aus jedem Funktionszusammenhang gelösten Alltagsobjekten, die dadurch vom Betrachter neu aufgeladen werden können, bekannt geworden ist. Anfang Mai zeigt Forum Kunst in einer Doppelausstellung das Künstlerpaar Andrea und Nikolaus Kernbach. Die Sommerausstellung ist Roland Kappel gewidmet, einem Künstler, der in den Werkstätten der Mariaberger Heime in Auseinandersetzung mit Baustellen in der Umgebung zu Malerei und Objektkunst gefunden hat. Im Herbst sind ab 7. September Arbeiten der Künstler des „Giardino di Daniel Spoerri“, dem Skulpturenpark des Schweizer Künstlers in der Toskana, zu Gast im Bürgersaal. Ab Mitte November ist Malerei von Rolf Gunter Dienst, lange auch Garant für wissende wie gestalterisch konsequente Kunstpräsentation, im Forum zu sehen.

Weitere Informationen: „abseits“ – Fotografie von Claudio Hils. 13. Januar bis 24. Februar, dienstags, mittwochs und freitags 14 bis 17 Uhr, donnerstags 17 bis 20 Uhr, an Wochenende von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

Claudio Hils: Abseits – aside – à l‘écart

„Und die verlorenen, flurbereinigten Felder in ,Ortsrandlage‘ lagen da, als wären sie nun tatsächlich nichts anderes als für die Innovationsindustrie ,ausgewiesene Fläche‘, da, um für jede Brutalität ein Betätigungsfeld zu bieten“, notiert Arnold Stadler jüngst Auf dem Weg nach Winterreute bei seinem Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle, wie sein großer Essay überschrieben war. An Stadlers poetische Notate in seinen Romanen und Erzählungen vom Verschwinden, vom weniger Werden der Heimat wird erinnert, wer den Bildband Abseits von Claudio Hils in die Hand nimmt. Der mit einem Vorwort von Ministerpräsident Winfried Kretschmann versehene dreisprachige Katalog versammelt neben den beeindruckenden Fotografien des in Mengen gebürtigen Kommunikationsdesigners Hils Textbeiträge der Schriftsteller Peter Renz und Walle Sayer sowie des Professor für Fotographie und Design-Theorie Manfred Schmalriede. „Dorfrandgestaltung im Baumarktstil“ erkennt Renz auf den Fotografien. Hils‘ Fotos – ob eingezäunte Autos in einer Neubausiedlung oder überdimensionierte Kreisel – erscheinen als „Menetekel der Moderne“, die zugleich die „Schatten der Versehrtheit“ mit ins Bild setzen. In „Abriss, Planierung und Begradigung“ werden nachträglich erkennbar „die Vorboten der Transformation einer Lebenswelt, die sich auf all das nicht mehr berufen kann, was ihre bisherige Bestandsgarantie schien: Originalität, Sturheit und Eigensinn“. Mit diesem Verlust einher geht auch, wie Renz betont, das, „wofür die ländliche Lebenskultur nicht selten belächelt wurde: Ihre Sorge ums Einzelne“.
Und eine weitere Verbindungslinie lässt sich von Hils über den Weingartner Renz und den Horber Walle Sayer zu Arnold Stadler ziehen: Der Kollateralschaden einer ausschließlich auf Verwertbarkeit und Wachstumsstrategien gerichteten Modernisierung zeigt sich auch
sprachlich. Denn „mit dem Verschwinden der Gegenstände“, sagt Renz, „sind auch die Wörter fast schon vergessen.“ Mit dafür verantwortlich ist – so vielfach auch Stadler in seinen Werken – unter anderem die Fernsehsprache, die die Muttersprache zur ersten Fremdsprache degradiert. Bei Hils werden dafür Satellitenschüsseln, diese „Geistesblitzableiter“, so Sayer in seinen „Fotonotizen“, fotografisch zum Sprechen gebracht. Und dennoch: Hils verweist mit seinen Fotos trotz allem auf die „Würde einer Landschaft“, wie sie ein Peter Renz, ein Walle Sayer oder auch ein Arnold Stadler poetisch zum Ausdruck bringen.

Claudio Hils’ Fotografien geben Einblicke in den Wandel ländlicher Lebenskultur

„Und die verlorenen, flurbereinigten Felder in ‚Ortsrandlage‘ lagen da, als wären sie nun tatsächlich nichts anderes als für die Innovationsindustrie ‚ausgewiesene Fläche‘, da, um für jede Brutalität ein Betätigungsfeld zu bieten“, notiert Arnold Stadler jüngst „Auf dem Weg nach Winterreute“ bei seinem „Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle“, wie sein großer Essay überschrieben war.
An Stadlers Blicke („jede Liebe beginnt mit einem Blick“), an seine poetischen Notate in seinen Romanen und Erzählungen vom Verschwinden, vom Wenigerwerden der Heimat – quasi auf „Taubenfüßen“ – wird erinnert, wer den eindrucksvollen Bildband „abseits“ von Claudio Hils in die Hand nimmt. Der mit einem Vorwort vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann versehene und vom Land und der EU geförderte Katalog versammelt neben den beeindruckenden Fotografien des Kommunikationsdesigners Hils Textbeiträge der Schriftsteller Peter Renz und Walle Sayer sowie des Professors für Fotografie und Designtheorie Manfred Schmalriede.

„Dorfrandgestaltung im Baumarktstil“ erkennt Renz in den Fotografien. Hils’ Fotos – ob eingezäunte Autos in einer Neubausiedlung oder überdimensionierte Kreisel – erscheinen als „Menetekel der Moderne“, die zugleich die „Schatten der Versehrtheit“ mit ins Bild setzen. „Abriss, Planierung und Begradigung“, werden im Bild stillgestellt, nachträglich erkennbar als „die Vorboten der Transformation einer Lebenswelt, die sich auf all das nicht mehr berufen kann, was ihre bisherige Bestandsgarantie schien: Originalität, Sturheit und Eigensinn.“

Mit diesem Verlust einher geht auch, wie Renz betont, das, „wofür die ländliche Lebenskultur nicht selten belächelt wurde: Ihre Sorge ums Einzelne“, eine Sorge, die sich in Stadler’scher Diktion vielfach als „Erbarmen“ mit den Skurrilen, den Verlierern und Gescheiterten, den Minus-Männern literarisch in seinen Romanen niederschlägt. Und eine weitere Verbindungslinie lässt sich von Hils über Renz und Sayer zu Arnold Stadler ziehen: Der Kollateralschaden einer ausschließlich auf Verwertbarkeit und Wachstumsstrategien gerichteten Modernisierung zeigt sich auch sprachlich. Denn „mit dem Verschwinden der Gegenstände“, sagt Renz, „sind auch die Wörter fast schon vergessen.“ Mit dafür verantwortlich ist – so Stadler immer wieder in seinen Werken – unter anderem die Fernsehsprache, die die Muttersprache zur ersten Fremdsprache degradiert. Bei Hils werden dafür Satellitenschüsseln, diese „Geistesblitzableiter“ (Sayer), fotografisch zum Sprechen gebracht. Trotz aller „Leerstellen“ (Schmalriede), auf die Hils wie Renz und Sayer verweisen: Erkennbar wird dennoch und trotz allem die „Würde einer Landschaft“. Schließlich wird „Welt“, wie es in Stadlers „Bräckle“-Essay heißt, auch darin „aufgehoben“ – eine Tatsache, die uns der Bildband „abseits“ mit seinen in ins Englische und Französische übersetzten Essays gleichermaßen eindrucksvoll wie nachdenklich vor Augen führt.

Gerade ist der Band für den Deutschen Fotobuchpreis nominiert wordeb. Zusammen mit den Siegertiteln soll „abseits“ an der Wanderaustellung „Deutscher Fotobuchpreis 2013“ teilnehmen.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=17257

Wildwuchs, platte Reifen, Hinterhöfe. Der Bildband „Abseits“ zeigt von Oberschwaben alles andere als die üblichen Sehenswürdigkeiten. Keine Spur von Glanz und Gloria barocker Kirchen und beschaulicher Weiler zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee. Sattdessen hat der Fotograf Claudio Hils festgehalten, was – im Wortsinn – abseits der Entwicklungszentren und -projekte auf dem Land zu sehen ist. Ortsränder, öde Straßen vor Neubaugaragen und Brachflächen erscheinen als vergessener Raum, den allenfalls noch eine verkehrstechnisch wirkende Gestaltungskraft erreicht. Die rund 50 Abbildungen bezeugen den sogenannten Strukturwandel, wie er sich seit Jahrzehnten überall vollzieht, indem der vormals bestimmende bäuerliche Charakter der Dörfer zusehends verblasst – Stichwort Plastikstühle auf der Betonterrasse und neumodische Gips- und Baumarktdekoration. Die Schriftsteller Peter Renz und Walle Sayer sowie der Kunsttheoretiker Manfred Schmalriede haben Textbeiträge zu diesem bemerkenswerten Bildband beigesteuert.

Schön, hässlich, kurios? Der Fotokünstler Claudio Hils denkt ganz offenbar in anderen Kategorien. So entzieht sich das, was er für seinen Bildband „Abseits“ an Dorfszenen aus Oberschwaben zusammengetragen hat, der Beschreibung mit nur einem Adjektiv. Und das Projekt der Leader Aktionsgruppe, dem sich das Buch verdankt, hat ja auch zwei Eigenschaftswörter im Titel, wenn auch miteinander verknotet: „L(i)ebenswertes Dorf“.

Was zeichnet Heimat aus, wie können Gebäude geretteund Naturflächen geschont werden, sind Fragen, denen die Gruppe nachgeht. Hils aber, der selbst in Oberschwaben lebt, zeigt mit seinem Objektiv auf Wunden. So wurde „Abseits“ keineswegs ein Katalog erhaltenswerter Orte und Gebäude, sondern mit der kalten Darstellung betonöder Tristesse zu einem Mahnmal zwischen zwei Buchdeckeln. Seine Bilder verweisen vor allem auf das, was verloren ist.

„Ohne Heimat sein, heißt leiden.“ Mit einem Wort des großen Dostojewski eröffnet der aktuelle Fotoband von Claudio Hils, der den Titel Abseits trägt und die Region Oberschwaben ins Visier nimmt. Das Bekenntnis findet sich eingebettet im Grußwort des baden-württembergischen Landesvaters Winfried Kretzschmann und legt sogleich die böse Frage nahe, ob nicht gerade auch das Gegenteil der Fall ist. Jedenfalls gewährt das Aufmacherbild den Blick auf eine Straßengabelung im Bauzustand, die betont gesichtslos inmitten einer Agrar- und Wiesenlandschaft verortet ist. Man ahnt es schon: Als Provisorium wird die unschöne Szenerie noch lange überdauern. Da mag die Sonne scheinen, wie sie will.

Das Signal des Bildes und des ganzen Buchprojekts ist ganz unverkennbar: Diejenigen von uns, die heutzutage im ländlichen Areal ein Stück Heimat ihr eigen nennen und sich in ihr eingerichtet haben, sind nicht minder einem Leidensdruck ausgesetzt. Für Claudio Hils, der seit Jahrzehnten in der oberschwäbischen Alb lebt und dort den schleichenden Wandel der Agrarlandschaft tagtäglich vor Augen hat, mag hierin sicher der Beweggrund für sein fotografisches Unternehmen liegen. Abseits ist dann auch eine betont schonungslose Abrechnung über die Unwirtlichkeit der ländlichen Peripherie vor der eigenen Haustür. Die Motive wirken geradezu drastisch. Gesichtlose wie abgehalfterte Dorffassaden, ein deplatzierter Kreisverkehr, überhaupt jede Menge Asphalt. Naturhaftes überlebt hier allenfalls in spießig hergerichteten Vorgärten und agrarischen Monokulturen. Ansätze von Idyllen finden sich wiederum in absurden Kitschdestruktionen und als Resultate eines unbeholfenen Inszenierungswillens. Trost darf man in solchen Gegenden nicht erwarten, im Gegenteil. Geschlossene Autogaragen fungieren in der Bilderfolge ausdrücklich als Leitmotiv. Der Landmensch, wenn er denn überhaupt einmal sichtbar wird, dient allein als Staffage, und sei es in Form eines neureichen Golfers. Nicht zuletzt repetieren die einzelnen Untertitel der 51teiligen Fotoserie ausnahmslos (!) das Stigma des Buchtitels wie in einem schmerzreichen Rosenkranz. Auch der Leser soll schließlich leiden.

Dabei handelt es sich bei Abseits eben nicht um einen Schwanengesang zum Untergang eines klischeebesetzten Abendlandes. Hils visuelle Grammatik wahrt nämlich wie gewohnt ein Höchstmaß an Distanz, sie erinnert in ihren ästhetischen Rezepturen zuweilen an Michael Schmidt. Doch in Abhebung zur Schwarzweiß-Tristesse des Berliners nutzt Hils das Element Farbe als emotionales Schmiermittel. Es fordert im Sehprozess durch sein stures Beharren auf das „So sieht es hier gerade eben so aus und nicht anders, mein Freund!“ eine erfrischend soziologische Perspektive auf die Schwäbische Alb ein. Unweigerlich werden einem bei der Lektüre daher die jüngsten demografischen Entwicklungen in den Sinn kommen, das Phänomen der Landflucht und die Auswirkungen der EU-bedingten Agrarsubventionen. Und dass „das Ländle“ über die Jahrhunderte doch so manche Katastrophen verkraftet hat, seien es Kriege, Hungersnöte oder Pestilenzen. Ist daher alles doch nur halb so schlimm? Immerhin lässt der Bildband dem Leser die Option, auf den zweiten Blick das eine oder andere skurrile Detail zu entdecken (und nicht zuletzt wird in den Aufnahmen der Schwäbischen Alb eine durchweg sonnige Wetterlage attestiert!) Im selbst gewählten Abseits zu leben, ist also mitunter auch in Oberschwaben eine Frage der Haltung. Dies offenbart ein abschließender Blick ins Impressum. Dort hat Hils nicht ohne Augenzwinkern verbrieft, dass das Buchprojekt ausgerechnet durch Fördermittel der Europäischen Union zustande gekommen ist. That’s it!

Ödnis so weit das Auge reicht

Verklärte Großstädter schwärmen von dem Geruch frisch gesensten Heus und dem sanften Geläut von Kuhglocken.Die Sehnsucht nach Landromantik beschert der Zeitschrift „Landlust“ Rekordauflagen. Träume von Bauernrosen im Vorgarten liegen im Trend. Wer allerdings einem ländlichen Elternhaus entstammt,weiß es besser. Abseits von Schützenfesten und Feuerwehrbällen ist das Dorf tot. Der alte Traktor verwittert vor der angegrauten Scheune, die Gardinen des Bauernhauses sind zugezogen. Der neue Kreisverkehr in der Dorfmitte bleibt ungenutzt. Schotter in Vorgärten uninspirierter Neubauten, Schotter auf den Feldern,wo bald die neue Umgehungsstraße sein wird. Kein Mensch, kein Tier, keine Idylle. Nirgends. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich beim Betrachten der Bilder ein, die Claudio Hils, Fotograf und Professor für Kommunikationsdesign, über mehr als drei Jahre hinweg in Oberschwaben gestaltet und in dem Bildband „Abseits“ (Klöpfer & Meyer, 146 Seiten, 39 Euro) versammelt hat. Distanziert und ernüchternd präsentiert er seine Heimat: frisch asphaltierte Straßen, Schotterfelder und Neubausiedlungen verdrängen Dorfplätze, Almenden und Bauernhäuser. „Abseits“ ist in Kooperation mit „Leader“, einem EU-Förderprogramm zur innovativen Entwicklung ländlichen Raums, entstanden. Bereits 2010 arbeitete Hils mit Leader zusammen und veredelte in seinem Heimatdorf Mengen eine alte Scheune in ein Römermuseum. Nach 20 Jahren Abwesenheit kehrte er aus Essen in den kleinen Ort zurück. In dem Bildband verarbeitet Hils „das eigene Erschrecken über den Wandel auf dem Dorf“, wie er sagt. Er möchte „den Städtern eine realistische Sicht verpassen“. Die vielen Reaktionen auf seine Arbeit überraschen ihn: „Es gab viele Berichte und einen kleinen Film. Die Bilder werden kontrovers diskutiert.“Für Hils sind die Dörfer die Zukunft. Er hofft, dass die neuen Technologien es ermöglichen, wieder im Dorf leben und arbeiten zu können. „Die extreme Mobilität, Hunderte von Kilometer zur Arbeit zu pendeln, das können wir uns nicht mehr lange leisten. Die Benzinpreise steigen, die Löhne nicht.Und die Krise wird uns weiterhin begleiten“, sagt Hils. „Es muss sich einiges tun.“ Mit „Abseits“ hat er den Problemen ländlicher Regionen ein Gesicht gegeben.

Fotoband „Abseits“ über heruntergekommene Dörfer

Idylle hilft auch nicht immer

Bröckelnde Dachfirste, Grasbüschel zwischen Gehwegplatten und Bauschutt. Sieht so ein „strukturloser Raum“ aus? Claudio Hils hat für seinen Bildband „Abseits“ Dörfer und Felder in Oberschwaben fotografiert, die so gar keinem ländlichen Ideal entsprechen.

Es ist ein zu schönes Bild: Drei Kühe grasen auf einer sattgrünen Wiese, schräg über den Tieren blüht ein Obstbaum, hier und da sprießen Löwenzahnbüschel, die Weide ist nur durch einen kurvigen, schilfumwachsenen Flusslauf begrenzt. Ach, welch eine Idylle. Süßer hätte sie kein Heimatfilm und auch keine Broschüre für Urlaub auf dem Land darstellen können. Das Problem: Dieses Bild ist nur auf eine Scheunenwand gesprüht. Rundherum sind eine glattpolierte Steinmauer, ein breiter Schotterweg und ein Strommast zu sehen. Der Traum vom Kinderbuch-Landleben, er existiert beim Fotografen Claudio Hils, 49, nur als ein kleines in einem viel größeren Bild.

“Ich will dieses kitschige Heimatbild in Frage stellen, es zertrümmern“, sagt der im oberschwäbischen Mengen lebende Fotokünstler. Die Aufnahme von den grasenden Kühen auf einer Scheunenwand und der tristen Landschaft rundherum ist eine von 51 Fotografien, die er in dem Bildband „Abseits“ veröffentlicht hat. Seit über drei Jahren hat Hils Orte und Landschaften rund um seinen Wohnort fotografiert und sich mit dem Wandel des dörflichen Lebensraumes auseinandergesetzt. Seine Bilder zeigen, wie wenig vom Mythos einer idealisierten Landschaft übrig geblieben ist. Längst weiden kaum noch Kühe im Grünen, sondern futtern aus riesigen Automaten, in Ställen zu Hunderten zusammengepfercht. Aus kleinen Bauernhöfen sind Großbetriebe geworden, die nicht mehr im Ortskern, sondern draußen auf dem Feld liegen, wegen des Gestanks.

Oberschwaben wirkt wie ein Museumsdorf

Mit den industriellen Strukturen geht einher, dass das Leben in den Dörfern immer mehr verödet. Familiennachkommen ziehen, sobald sie flügge werden, in die nächstgrößere Stadt, und allein die Alten versuchen, ihre Traditionen gegenüber den modernen Anforderungen aufrechtzuerhalten. Von „strukturschwachen Räumen“ ist in diesem Zusammenhang gern die Rede. Aber was heißt das genau? Wie sieht so ein Raum aus? Wie fühlt er sich an? Das sind die Fragen, denen Claudio Hils mit „Abseits“ nachgeht. Die Region Oberschwaben stehe dabei exemplarisch für viele andere Gebiete, sagt der Fotograf. Und man kann sich tatsächlich vorstellen, dass die Fotos genauso gut in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg hätten entstehen können.

Vieles kommt einem bekannt vor – vorausgesetzt, man ist auf dem Land aufgewachsen. So bildet man sich ein, das Plastik zu riechen, mit dem auf einem Bild die Siloballen eingewickelt sind. Auf einem anderen würde man am liebsten in den vor einer Scheune parkenden Benz steigen und über holprige Feldwege davon fahren. Aber: Die aufkeimenden Heimatgefühle flauen beim Blättern schnell wieder ab. Denn zu steril, zu marode wirkt diese Welt. Auf den Höfen, in den Gärten und auf den Feldern ist keine Bewegung; fast alle Bilder sind menschenleer. Dadurch, dass Hils Häuserfassaden meist frontal aufgenommen hat, wirkt es, als wäre er durch ein Museumsdorf gewandelt. Allerdings scheinen die Museumsangestellten ziemlich faul zu sein, denn überall zeichnet sich der Verfall ab: Dachfirste sind zur Hälfte eingebrochen, Bauschutt türmt sich und aus den Gehwegfugen wachsen Grasbüschel.

Verlust an Originalität und Lebendigkeit

Mit seinen melancholischen Bildern in „Abseits“ führt Hils einen Themenkomplex fort, der sich durch sein gesamtes Schaffen zu ziehen scheint: Urbanisierung und Globalisierung. In seinem Fotobuch „Dream Cities“ verdeutlichte er vor etwa zehn Jahren, wie sich Städte strukturell und architektonisch aneinander angeglichen haben. Ob Rio, London oder Berlin, überall finden sich die gleichen Häuserfassaden und die gleichen Verkehrsinseln. Diesen Verlust an Originalität, an Lebendigkeit bildet Hils auch in seinen neuen Werken ab. Die stillen Bilder drängen sich einem auf, ja, sie brüllen einen fast an.

Bei all dieser Sehnsucht, die einen als Städter packt, ist es zu empfehlen, beim Blättern im Buch hin und wieder Pausen einzulegen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, dass nicht alle viel beweinten Veränderungen auch für alle Dorfbewohner schlecht sein müssen. Klar, es sieht schöner aus, wenn drei Kühe unter einem Obstbaum weiden, als wenn sie ihre Köpfe durch Gitterstäbe stecken. Für einen Landwirt aber kann es ein Fortschritt sein, seine Tiere nicht mehr jeden Abend nach Hause treiben und sie anschließend mit der Hand melken zu müssen. Idylle allein hilft auch nicht immer weiter.

 DÖRFLICHE RÄUME – Kritische Gespräche vor schonungslosen Bildern einer Ausstellung von Claudio Hils

Die Wucht der Globalisierung sichtbar gemacht

REUTLINGEN/ SIGMARINGEN. Mit verblüffenden Bildern über tief greifende Veränderungen im Landschaftsbild des ländlichen Raums zwischen Alb, Donau und Bodensee konfrontiert eine Ausstellung des Landkreises Sigmaringen. Zusammen mit der von Gammertingen bis über die Donau hinaus aktiven »Leader«-Aktionsgruppe Oberschwaben stößt er damit eine breite regionale Diskussion dieser aktuellen Vorgänge an.

Der als Professor an der Fachhochschule Vorarlberg Fotografie lehrende, 1962 in Mengen geborene und dort lebende Kommunikationsdesigner Professor Claudio Hils geht schonungslos mit dem Thema um und zeigt mit dem Titel »abseits« Bilder dörflicher Räume, die zu denken geben. Genau und vor allem das sollen sie – Menschen die Augen öffnen. Gerade weil in Landschafts- und Dorfbildern in der Entwicklungs-Euphorie der zurückliegenden Jahrzehnte auch nicht wieder auszumerzende Schäden entstanden sind: Stücke vom deutschen Südwesten, die schlecht behandelt, verdorben oder verloren oder vergessen sind.

Gewollte Provokation

Provokant, nicht sonntagsglatt mit ebensolchen Reden soll dort dazu am Sonntag, 10. Juni, 15 Uhr, ein Galeriegespräch vonstattengehen: »Welches Dorf hat Zukunft?« Die Beteiligten: Claudio Hils und der Schriftsteller Peter Renz, der mit Hils das Katalogbuch »abseits, aside, à l‘ècart« zur Ausstellung gemacht hat. Sie diskutieren mit Bernd Gombold, Bürgermeister von Inzigkofen-Vilsingen; Heinrich Günthner, dem Vorsitzenden der von der EU geförderten Aktionsgruppe Oberschwaben, und mit Hartmut Alker, als Ministerialdirigent im Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum auch mit europäischer Strukturpolitik befasst. Bereits jetzt, am Sonntag, 3. Juni, 15 Uhr, ist bei einer Sonderführung durch die Ausstellung der Urheber der Bilder im Gespräch mit dem Kulturamtsleiter des Landkreises Sigmaringen und Kreisarchivar Dr. Edwin Ernst Weber.

Der Autor Peter Renz zu den Denkprozesse auslösenden Bildern von Claudio Hils: »Kaum eine Landschaft des deutschen Südwestens hat sich so lange eine ähnliche Balance zwischen Natur, Arbeit und Kultur bewahrt wie der ländliche Raum zwischen Donau und Bodensee. Doch längst trügt die Idylle. Nun sickern auch hier, wo Heimat das schönste Wort für Zurückgebliebenheit schien (Martin Walser), in das organisch Gewachsene … Straßenbaustellen im Niemandsland, zerfallene Ställe, ausrangierte Traktoren vor verschlossenen Scheunen, halb abgerissene Bauernhöfe, Plastikplanen als Silageverpackung, Knochensteinpflasterungen, handgemalte Hauswandverzierungen, Dorfrandgestaltung im Baumarktdesign.«

Die Fotografien von Hils lassen, so Renz, »etwas ahnen von der Unaufhaltsamkeit, mit der die Wucht der Globalisierung auf den ländlichen Raum zukommt und Vertrautes grundlegend umkrempelt. Das Verschwinden kleinbäuerlicher Strukturen und damit verbunden der Sinn-Entzug des Landlebens zugunsten der agrarindustriellen Produktion, die Verwandlung der landwirtschaftlichen Arbeits-Orte zur gesichtslosen Architektur bloßer Wohnsiedlungen hinterlassen eine unbelebte Zwischenwelt, in der man nicht mehr heimisch bleiben und erst recht nicht werden kann.«

Fotografie als Tatortbeschreibung. Der Schriftsteller spricht von Demontage ehemals heiler Lebenswelt, einer Lebenswelt ohne Zukunft. Der Blick des Fotografen, fokussiert auf Brüche und Reparaturen, »fördert nirgendwo Erklärungen zutage, sondern nur neue Fragen, in denen etwas nachzuklingen scheint vom Schmerz über den Verlust der Eigenart«.

Das Öde suchen im Schönen

Der Fotokünstler Claudio Hils zeigt Bilder von einem etwas anderen Oberschwaben

MESSKIRCH – Keine malerischen Bäume auf Drumlins, keine netten Kühe auf saftig grünen Wiesen, kein pittoresker Blutreiter in vollem Ornat – das Hochglanzbild oberschwäbischer Touristiker interessiert Claudio Hils nicht. Der studierte Kommunikationsdesigner aus Mengen, der vor einigen Jahren auch an einem  großen Fotoprojekt in Ravensburg mitgewirkt hat, zeigt Bilder vom Land abseits des Klischees vom schönen Schwaben. Und ,,abseits“ ist auch der Titel der Ausstellung, die bis 24. Juni in der Kreisgalerie Schloss Meßkirch zu sehen ist.

Wir kennen das alle – und schauen vielleicht geflissentlich darüber hinweg, damit wir uns die Idylle bewahren: Ein alter Stadel, der zusammengebrochen ist, ein Hof, von dem nur noch eine Hälfte steht. Vor einem offensichtlich verlassenen Bauernhaus steht ein alter Bulldog. Die Vorderreifen sind platt. Den Bildern vom Verfall sind solche von Neubauten gegenübergestellt.. Nicht minder deprimierend: Die Straßen sehen aus, als wäre alle Tage Kehrwoche.

Eternitverkleidete Häuser „zieren“ selbststgemalte Pferdedeköpfe. Im Vorgarten wacht ein Marzocco-Löwe, an der Straßenecke grüßt eine antikisierende Nymphe. Eine Revue des schlechten Geschmacks. „Hilflose Gesten von Verschönerungswut“ erkennt der oberschwäbische Schriftsteller Peter Renz darin.

Aber die lediglich durchnummerierten, nicht beschrifteten Fotografien könnten überall entstanden sein. Die Dörfer haben sich verändert, weil sich die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen verändert haben. Die Menschen leben anders, auch weil sie anders leben wollten. Könnte es nicht sein, dass sich mancher Landbewohner heute wohler fühlt als seine Altvorderen, die als Knechte und Mägde rechtlos im Dienste einer Herrschaft schuften mussten? Was soll diese larmoyante Verklärung des Gestern?

Emotionslose Zeugnisse

Die Bilder des 1962 in Mengen geborenen Professors für Fotografie geben das gar nicht her. Sie sind emotionslose

Zeugnisse des Öden im Schönen. Man muss sie nicht wie Peter Renz in seinem Katalogbeitrag zum Anlass für ein Lamento über das verlorene Paradies nehmen: Er schreibt von ,,Fotografie als Tatortbeschreibung“ und sieht überall “Spuren der sprichwörtlichen Demontage ehemals heiler Lebenswelt“. Das sind Töne, wie sie oft auch ein anderer hier geborener Literat anschlägt. Auch Arnold Stadler gibt gern den Rhapsoden der einst glückhaften Rückständigkeit dieses Landstrichs. Aber auch das ist längst Klischee.

Viele Besucher strömten zur Eröffnung der Ausstellung „abseits – Bilder dörflicher Räume“ in den Festsaal des Meßkircher Schlosses. Die Schau, welche die Stadt zusammen mit dem Landkreis Sigmaringen und der „Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben“ realisierte, zeigt Fotografien des Mengener Künstlers Claudio Hils, der die Spuren des landschaftlichen Wandels mit seiner Kamera festhielt.

Es sind Ansichten der Region, die fernab der idealisierten Darstellungen in Hochglanzbroschüren liegen, beschrieb Bürgermeister Arne Zwick Hils‘ Werke. „Die Bilder sind einfach Realität, der man sich stellen muss“, bekannte er.

Zur Einstimmung spielte Susanne Hinkelbein auf ihrem Monochord einige aufregende Stücke, die Namen wie „Alb-Tango“ und „Chronometer“ trugen. Sie ließ den Schlägel über die Saiten hinweg auf den hölzernen Klangkörper wandern oder brachte auch Papier zum Klingen, welches die Schwingung der Saiten aufnahm. Mit diesen Stücken transportierte sie musikalisch die Zwiespältigkeit von Moderne und Tradition.

Die Fotografien von Claudio Hils entstanden ursprünglich im Rahmen eines Projekts der „Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben“, die einen Katalog mit der Fotodokumentation herausgab. Ihr Vorsitzender Heinrich Güntner erläuterte dazu, dass erst der Blick darauf gerichtet werden müsse, was fehle, um daraus Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Die Fotografien sollten mit der Realität wachrütteln. Er erhoffe sich als Folge daraus Rückmeldungen.

Der Schriftsteller Peter Renz befasste sich literarisch mit dem Begriff der Heimat und dem Wandel, dem die ländliche Region unterliegt. „Heimat ist etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, zitierte Renz den Philosophen Ernst Bloch und begann damit sein Plädoyer zur Erhaltung dessen, was die Landschaft prägt, von „kleinen Tälern, Seen, Mooren und Riedlandschaften, wo hinter jeder Kurve ein Weiher schimmert“, bis zum Sonntagsläuten der zahlreichen Kirchtürme. Die Fotografien zeigten, wie brachial die globalisierte Welt in die ländliche Landschaft einbreche und ihre hässlichen Spuren hinterlasse. Für seinen Essay erhielt Renz lang anhaltenden Applaus.

Fotografien entlarven das Hässliche

Die Moderne hat dem Dorfbild nicht immer gut getan – Claudio Hils schärft den Blick dafür

MESSKIRCH Die vielen Besucher der Ausstellung „Abseits – Bilder dörflicher Räume“ haben sich beim Betrachten der Fotografien des Mengener Künstlers Claudio Hils im Meßkircher Schloss gestern angeregt unterhalten. Neben den Bildern hängen prägnante Zitate aus Aufsätzen von Peter Renz, Walle Sayer und Manfred Schmalriede. Fotografien und Zitate berichten von dem, was im ländlichen Raum in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist: Fotograf und Autoren fokussieren Details und spitzen ihre Botschaft so zu, dass sie sich im Betrachter festsetzt. Die Ausstellung – vom Kreiskulturforum kuratiert – ist aus dem Bildband „Abseits“ entstanden, in dem die Fotografien von Claudio Hils für das Projekt „Liebenswertes Dorf“ der Leaderaktionsgruppe Oberschwaben zusammengestellt wurden. Die Moderne ist längst in den ländlichen Raum eingezogen, vielleicht auch eingedrungen, aber nur punktuell. Fotograf Hils hält dies in kleinen Ausschnitten unmissverständlich fest. Die Sat-Schüssel am Haus, die Gipslöwenfigur auf der Mauer, der nüchterne Kreisverkehr in der Dorfmitte, die Gasleitung in der idyllischen Landschaft, die Plastikplanen an blindgewordenen Fenstern: Sie alle sind Zeugen einer schmerzlichen Veränderung. Hils leitet den Blick dorthin, wo Tourismusbroschüren schweigen.

Beim Betrachter hinterlassen die Bilder ein schales Gefühl

Von Bild zu Bild entsteht bei den Betrachtern höhnisches Gelächter, das immer lauter wird: „Genauso ist es, genauso ist es geworden!“ Und dann kommt doch die Frage auf, wie es anders hätte werden können. Viele Veränderungen hat es im Lauf der Jahrhunderte gegeben, warum schluckt das Dorf diese Art von Moderne nicht, warum integriert sie diese Dinge nicht? Der Betrachter wird nachdenklich. Was bleibt, ist das schale Gefühl, dass die Entwicklung des ländlichen Raums auch anders hätte gestaltet werden können. Zur Vernissage kam auch der Romancier Peter Renz und sprach über die Heimat, die es in der Wirklichkeit des Einzelnen noch nie gegeben hat, die jeder aber in sich trägt. Renz sprach mit viel Nostalgie über diese Oberschwäbische Heimat. Er besang den heiteren Schwung der Landschaft, die malerischen Kirchtürme und Täler. „Heimat ist das schönste Wort für Zurückgebliebenheit“, zitierte Renz den Schriftsteller Martin Walser. In der Originalität der Landschaft und der Eigensinnigkeit der Dörfer sind uniforme Hallen mit kalter Geometrie, Golfplätze und Gasleitungen entstanden. Die Zeiten des menschlichen Maßes seien endgültig vergangen, sagte Renz, die achtvolle Balance zwischen Arbeit und Existenz der Natur auch. Hils stellt seine Fragen wortlos und drängt sie dem Betrachter auf. Auf seinen Bildern gibt es fast keine Menschen. „Haben sie sich aus Scham weggeduckt, oder ist es die Diskretion des Fotografen?“, fragte Renz. Hils mahne und warne, er zeige die Zersetzung des ländlichen Raums.

Hils stellt seine Fragen mit ausgeprägtem Sinn für Details

Eine geteerte Straße führt in eine Wiese, weit im Hintergrund stören Wohnmobile die Idylle. Die Wagenräder am Geländer – einst wichtige Hilfen bei der täglichen Arbeit – wirken nicht dekorativ, sondern schlicht lächerlich. Zwei Liegestühle auf der Wüste einer Terrasse blicken in eine Landschaft aus weißen Gemäuern, scheinen fremd in einer Welt, in der einst hart gearbeitet und bei Feierabend auf dem Bänkle geruht wurde. Der ländliche Raum braucht die Modernisierung und kann nicht abgekoppelt werden von einer Globalisierung, die auch Vorteile hat. Aber warum sie als Hässlichkeit und Fremdkörper in den ländlichen Raum eindringt – das ist die Frage, die Hils mit scharfem Sinn für die Details stellt..

Spuren der Verwüstung in der Idylle

Der Fotograf Claudio Hils zeigt in der Kreisgalerie Schloss Meßkirch Bilder oberschwäbischer Zerstörung

MESSKIRCH (sz)- In der Kreisgalerie Schloss Meßkirch wird am kommenden Sonntag, 13. Mai, 11.15 Uhr, die Ausstellung „abseits. Bilder dörflicher Räume“ mit Fotografien von Claudio Hils eröffnet. Die Einführung in die Ausstellung übernimmt der Schriftsteller Peter Renz, die musikalische Begleitung Susanne Hinkelbein am Monochord. Die Ausstellung wird gefördert vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums und dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.

Die Fotografien von Claudio Hils irritieren: Anstelle der aus Werbeprospekten und der regionalen Selbstwahrnehmung bekannten oberschwäbischen Idylle mit schmucken Bauernhäusern, zufrieden grasenden Kühen auf saftigen Wiesen und pflügenden Bauern auf dampfenden Äckern begegnen den Besuchern halb abgerissene Bauernhöfe, zerfallene Ställe, ausrangierte Traktoren, Baustahlgestrüpp am Feldrand, Straßenbaustellen im Niemandsland.

Die Fotografien von Claudio Hils, schreibt der Schriftsteller Peter Renz, „lassen etwas ahnen von der Unaufhaltsamkeit, mit der die Wucht der Globalisierung auf den ländlichen Raum zukommt und das Vertraute so grundlegend umkrempelt, dass wir uns fühlen wie ausgesetzt. Das Verschwinden der kleinbäuerlichen Strukturen und damit verbunden der Sinnentzug des Landlebens zugunsten agrarindustrieller Produktion, die Verwandlung landwirtschaftlicher Arbeitsorte zur gesichtslosen Architektur bloßer Wohnsiedlungen hinterlassen eine unbelebte Zwischenwelt, in der man nicht mehr heimisch bleiben und erst recht nicht werden kann“. Die Fotografie von Claudio Hils ist eine “Tatortbeschreibung“, die auf schmerzliche und gar schockierende Weise „die Spuren der sprichwörtlichen Demontage ehemals heiler Lebenswelt“ dokumentiert.

Im Begleitprogramm wird am Sonntag, 3. Juni, 15 Uhr, eine Sonderführung mit Claudio Hils im Gespräch mit Kreiskulturreferent Edwin Ernst Weber angeboten.

Galeriegespräch arn 10. Juni

Am Sonntag, 10. Juni, 15 Uhr, findet ein Galeriegespräch zum Thema “Welches Dorf hat Zukunft?“ mit Bürgermeister Bernd Gombold, Inzigkofen, Heinrich Güntner, Vorsitzender der Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben, Claudio Hils, dem Schriftsteller Peter Renz und Ministerialdirigent Hartmut Alker, Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, statt. Die Moderation übernimmt Edwin Ernst Weber.


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