Dream City

Dream City – Zur Zukunft der Stadträume

Was wäre Siena ohne den Campo? Venedig ohne den Marktplatz? Frühere Städtebauer wussten um die Wirkung und Bedeutung des Freiraumes in der Stadt. Entsprechende Plätze und Räume finden sich in der Architektur des 20. Jahrhunderts nur selten. Zwar werden heute Innenstädte mit unvergleichlichem Aufwand zur Shopping- und Freizeitkulisse geschönt, doch nur in wenigen Städten wird auch versucht, in den Rand- und Wohnbezirken qualitätvolle Platzräume wiederzugewinnen oder gar zu schaffen.
Dream City wirft Fragen auf: Wie kam es zur Auflösung der traditionellen kompakten Stadtstruktur? Wohin entwickeln sich Stadtraum und Stadtbild heute? Kann man am Idealbild einer intakten europäischen Innenstadt angesichts chaotisch wachsender Agglomerationen in Asien, Südamerika und Afrika noch festhalten?
Schlaglichtartig zeichnet Dream City die Entwicklung des öffentlichen Raumes europäischer Städte nach und öffnet mit einem Photo-Essay von Claudio Hils aus Sao Paulo, Bangkok, Tokyo, Los Angeles und Las Vegas den Blick auf außereuropäische Tendenzen und zukünftige Entwicklungen.

Hatje Cantz Verlag 2001


Hils-Dreamcity

Dream City

(Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit)
ISBN 3-7757-1061-2

Athens Photo Festival

Hellenic Centre for Photography, Athen, GR, 2009

Angkor Photography Festival

Siem Reap, KH, 2006

Noorderlicht Festival, „Another Asia“

Groningen, NL, 2006

ParisPhoto

Paris, FR, 2004

Claudio Hils | Dream City

Galerie J.J. Heckenhauer, Berlin, D, 2003/04

„Dream City“. Ein Foto-Essay von Claudio Hils

Kulturhaus Osterfeld, Pforzheim, D, 2003

„Dream City“

Galerie Bodenseekreis am Schlossplatz, Meersburg, D, 2003

Japan-Bilder

Galerie Claudia Delank, Köln, D, 2003

Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, D, 2003

CLAUDIO HILS, „Dream City“

Galerie Sabine Schmidt, Köln, D, 2002/03

„Dream City“. Ein Foto-Essay von Claudio Hils

Städtische Galerie Erlangen, Erlangen, D, 2002

Claudio Hils | Dream City

Stadthaus Ulm, Ulm, D, 2001

Meersburg – Das Städtle ist bezaubernd schön. Auf dem Schlossplatz von Meersburg sitzen die Gäste bei einem Eis in der Sonne, die Barockfassaden leuchten, die Glyzinien blühen. Im Roten Haus an der Ecke wird eine Gegenwelt dokumentiert. Claudio Hils zeigt Fotografien aus Molochstädten. Sarkastischer Titel: „Dream City“.

Der Mann misstraut der Idylle. Claudio Hils, 1962 in Mengen geboren und Dozent an der Schule für Gestaltung im schmucken Ravensburg, stört gern das baden-württembergische Wohlbehagen. Als Kurator des Ravensburger Projekt „Stadtfotograf“ verteilt er Stipendien an Kollegen, die nicht nach oberschwäbischen Postkartenansichten suchen, sondern unspektakuläre Realitäten zeigen – Menschen am Rande, Risse im Beton. Nüchtern wie die Ergebnisse des heimischen Projekts sind auch seine eigenen Arbeiten, entstanden auf Reisen in die ausufernden Städte Asiens und des amerikanischen Kontinents.

Ob die Bilder aus Tokio oder Bangkok, Los Angeles oder Sao Paulo stammen, kann man in der Galerie des Bodenseekreises nur raten. Der Fotograf verrät bewusst keine Fakten. Seine Farbaufnahmen im Magazinformat erzählen ohne Worte, dass sich die Umstände in den wuchernden Metropolen gleichen, dass die Gegensätze wachsen zwischen aufgesetztem Luxus und absoluter Armseligkeit. Wie eine Fliege über einem Misthaufen kreist ein Hubschrauber über einer Ansammlung verrotteter Hochhäuser. Wie Ameisen hausen die Menschen hinter den einstürzenden Billigfassaden der elenden Viertel – wobei man auch in Paris oder Rom ähnliche Zustände finden könnte. Ein paar Wäschestücke an Leinen vor den Löchern, die als Fenster dienen, werden zu Lebenszeichen.

Ohne Anklage aus der Distanz, zeigt Hils die desolaten Verhältnisse. Da sieht man in einiger Entfernung ein paar Jugendliche mit coolen Baseballkappen, die ein bisschen quatschen und aus der Flasche trinken, wie es auch die Kids in Ravensburg tun. Aber auf Hils´ Foto hocken sie auf einer Müllhalde irgendwo im Staub und kramen dort wahrscheinlich immer wieder nach brauchbaren Dingen. Im Schatten von gestapeltem Abfall liegt ein ausgemergelter Hund, schlafend oder tot. Hils lässt solche Fragen in seinem „Foto-Essay“ offen.

Er macht deutlich, dass es hier nicht etwa um empörende Ausnahmen geht, sondern um Alltagssituationen, deren Tragik von den Betroffenen oft gar nicht mehr empfunden wird. Sie haben sich arrangiert, die beiden ölverschmierten asiatischen Männer, die an irgendwelchem Schrott basteln, oder die magre weiße Mutter, die mit zwei Kindern in der Tür eines Bretterverschlags kauert. Hils führt sie mit der gleichen Sachlichkeit vor wie smarte japanische Manager in ihren einheitlichen Burberry-Mänteln, junge Blondinen mit Plastikdrinks in irgendeiner „Cool Zone“ mit Chauffeur, der an einer glitzernden Vergnügungsmeile neben einer Limousine steht und raucht. Vielleicht ist es auch ein Barmann, der Pause macht. Hils lässt mit seinen ruhigen Bildern vielen Vorstellungen Raum.

Dabei gelingt es ihm, im Chaos der Stadtmotive so etwas wie Ordnung zu schaffen. Mit einem klaren Blick für grafische Effekte präsentiert er die Linien von Straßenzügen und Reklamewänden, die verschränkte Struktur einer Stahlkonstruktion oder die Fläche eines Gitters über einem Betonrelief hinter dem Schatten einer Schräge. Ästhetik der Hässlichkeit – manchmal wird daraus eine Art von Schönheit, wenn zum Beispiel die Schemen ferner Wolkenkratzer zwischen dürren Bäumen am dunstigen Horizont erscheinen. Tief im strengen Fotografen Claudio Hils steckt eben doch ein schwäbischer Romantiker.

Meersburg – „Dream City“ nennt Claudio Hils aus Mengen seinen Foto-Essay über Metropolen aus aller Welt. Die Fotos dazu – sehr persönlich gefärbte Ausschnitte aus krebsartig wuchernden Mega-Citys, die weit eher den „Alptraum City“ festhalten – zeigt die Galerie Bodenseekreis im Roten Haus in Meersburg bis 6. Juli.

Dream City – gibt es sie heute, gab es sie je? Claudio Hils, Fotograf und Kommunikations-Designer, Dozent an der Schule für Gestaltung in Ravensburg, interessiert sich von jeher für urbane Räume, urbane Landschaften. In seinem Foto-Essay vermeidet er bewusst die „Wahrzeichen“ der porträtierten Städte und zeigt anhand der Gemeinsamkeit Ihrer Probleme ihre heutige Austauschbarkeit. Ohne Bildtexte, ohne Zuordnung zu ihrem Entstehungsort schildert er Ausschnitte aus dem Alltag in Großstädten verschiedener Kontinente, er zeigt Menschen in einer Straßenschlucht in Sao Paulo, lenkt den Blick auf monotone Wohnblocks und schäbigste Primitivbehausungen – ob in Tokio, Bangkok, Los Angeles oder Las Vegas.

Claudio Hils zeigt Straßenszenen, Wohnblock-Veteranen, Highway-Labyrinthe, Industrieanlagen und Müllhalden. Er beobachtet Menschen – eilig, hastend, ausgegrenzt durch Mauern, Gitter, Glasscheiben – und er sucht nach Überlebens-Nischen. In einem primitiven Bretterverschlag findet Hils eine Mutter – hinter dem nackten Fuß, den sie in die Öffnung stellt, lugen zwei Kindergesichter hervor. Anderswo präsentiert ein Latino stolz, wie weit er es gebracht hat; er und seine beiden Söhne sitzen im weißen Hemd mit Krawatte auf der Bank, die Frau bleibt etwas abseits, ihr blaues Auge zeugt von Gewalt.

Realität und virtuelles Leben vermischen sich, wenn Reklame-Gesichter von der Absperrung strahlen, hinter der das Chaos beginnt, wenn ein blauer Himmel mit weißen Wölkchen den Bauzaun ziert, neben dem ein Maschendraht den Blick auf verdorrte Öde freigibt. Anderswo hackt ein Mann mit seinem Amboss auf dem Trottoir, das geringste Schrotteil wird repariert.

Die Globalisierung nimmt zu und damit auch die Ähnlichkeit der Probleme in einer Zeit rasant zunehmender Verstädterung. Die Stadt als überschaubares, erfahrbares Zuhause, als Heimat, verbunden mit Geborgenheit, ist in vielen Teilen der Welt dem Chaos gewichen. Ungestümes Wachstum nach der Aufgabe alter Strukturen – das fordert ein Umdenken, schreit nach neuen Ideen. Die Bildausschnitte zeigen den Nährboden sozialer Probleme, die latente Gefahr, die von solchen Brennpunkten ausgeht. „Professionelle Bilder von literarischer Qualität und sperriger Poesie“ nannte Laudator Michael Jostmeier, Professor für Fotografie an der Fachhochschule Nürnberg, die Fotos, die ihre eigene Ästhetik ausstrahlen.

Der von Max Stemshorn herausgegebene Begleitkatalog mit Foto-Essay von Claudio Hils und Texten verschiedener Autoren, die sich mit Traum und Trauma des Städtebaus beschäftigen, vertieft die Fragen der Ausstellung

Die Zukunft – auch und gerade – der europäischen Städte mit ihren kompakten historischen Zentren wird zum Thema, wenn Claudio Hils in seinem Foto-Essay die wachsenden Mega-Städte in Asien, Nord- und Lateinamerika porträtiert: die pittoresk inszenierten Kulissen der Innenstädte mit ihren Einkaufsmeilen einerseits, die ausufernden, austauschbaren, banalen und trostlosen Ränder mit ihren Brachflächen und Müllhalden andererseits. Die Kamera zeigt die Nischen menschlichen Überlebens, die Grenzen zwischen Traumwelt und Realität. Im Blick des Fotografen fügt sich die Unübersichtlichkeit zur ästhetischen Ordnung, findet auch das Unauffällige seinen Platz. Zu dieser Bodenseefestival-Ausstellung ist ein Katalog erhältlich.

Die Zukunft auch der europäischen Städte mit ihren kompakten historischen Zentren steht zur Diskussion, wenn Claudio Hils in seinem Foto-Essay die wachsenden Mega-Städte in Asien, Nord- und Lateinamerika porträtiert: die pittoresk inszenierten Kulissen der Innenstädte mit ihren Einkaufs-Malls einerseits, die ausufernden, austauschbaren, banalen und trostlosen Ränder mit ihren Brachflächen und Müllhalden andererseits. Die Kamera zeigt die Nischen menschlichen Überlebens, die Grenzen zwischen Traumwelt und Realität. Im Blick des Fotografen fügt sich die Unübersichtlichkeit zu einer Art ästhetischen Ordnung, findet das Unauffällige zur Bildwürdigkeit.

Der andere Blick

Claudio Hils stellt „Dream City“ bei Sabine Schmidt vor 

Der Künstler präsentiert Stadtansichten, die nicht nachhaltig zum Besuch der fotografierten Metropolen einladen.

Der Tourist fotografiert in fremden Städten am liebsten „Wahrzeigen“. An zweiter Stelle rangieren „typische“ Flecken – das enge Straßengewirr „mittelalterlicher Altstädte“ oder auch die bunte Neonreklame moderner Vergnügungsviertel. Damit dann er in der Heimat beweisen: Ich war woanders!

Claudio Hils hat von seinen Besuchen verschiedener „Megacities“ andere Bilder mitgebracht. Anstatt seine Visiten in Sao Paulo, Los Angeles, Bangkok, Tokio oder Las Vegas mit weitern Varianten klassischer Bildklischees zu dokumentieren, konfrontiert er uns mit ungewohnten Ansichten der Städte: Fassaden gesichtsloser Wohnblocks, Müllhalden, dichtes Antennengewirr, glitzernde Bürotürme, künstliche Naturen, armselige Hütten, bunt beleuchtete Boulevards, verschlungene Autotrassen.

„Dream City“ nennt er diese nicht gerade zum Träumen einladenden Stadtansichten. Denn die nach „Motivgruppen“ fast austauschbaren Bilder beweisen vor allem eins: Der Traum von der Stadt als einem individuellen und identitätsstiftenden urbanen Gebilde scheint ausgeträumt. Vorbei die Zeiten, als ein Camillo Sitte über den „Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ sinnierte, vorbei auch die Zeiten, als ein Le Corbusier seine „Idealstadt-Konzeptionen“ skizzierte. Im Zuge der rasanten Stadtentwicklungen gerät das planerische Zusammenspiel von Ästhetik, Technik und Politik zunehmend ins Hintertreffen. Denn während Städteplaner und Politiker noch über Konzepten brüten, das Für und Wider von Bebauungsplänen diskutieren mögen, geben die Städte dem wirtschaftlichen Druck nach und

wachsen einfach weiter. Weiten sich zu Mega-Agglomerationen, deren Struktur und äußeres Erscheinungsbild vor allem von einem Faktor bestimmt werden: Geld. Da wo keins ist, sieht es auch so aus, da, wo welches ist oder wo welches gemacht wird, sieht man es ebenso.

Claudio Hils hat das Ausgefranste, Monströse, Kitschige, Heruntergekommene, den billigen Kulissenzauber, die Ödnis und die Anonymität dieser modernen „Dream Cities“ mit verwirrender Brillanz fixiert. Gleichwohl erzählt sein Foto-Essay nicht das Märchen von dem schönen Leben in den großen Städten der Welt, sondern konfrontiert uns mit der globalen Trostlosigkeit moderner Urbanität.

Albtraum vom wuchernden Moloch Großstadt

Fotograf Claudio Hils zeigt in der Kleinen Galerie einen Essay mit den Metropolen Asiens und Amerikas – Die Kehrseite der „Dream City“

Im Rahmen der Ausstellung „Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“ zeigt die Städtische Galerie Erlangen einen „Foto-Essay von Claudio Hils – Sao Paulo, Tokio, Bangkok, Los Angeles und zurück“. Der Blick des Fotografen richtet sich dabei nicht auf die Zentren mit ihren glänzenden, hoch aufstrebenden Fassaden, sondern er wendet sich dorthin, wo der Moloch Großstadt in offene Land hinein wuchert, wo Armut und Verelendung den Urbanisierungsprozess begleiten, kurz, wo aus dem Traum der Stadt ein Albtraum wird.

Seit rund fünf Jahren recherchiert der 1962 geborene Fotograf Claudio Hils in den amerikanischen und asiatischen Metropolen. Er hat die Stadträume und die sich darin bewegenden Menschen in Momentaufnahmen festgehalten. Seine Bilder der Alltäglichkeit zeigen Straßenschluchten der Vorstädte, Müllhalden, Baustellen, Industriebrachen, aber auch Parks und Grünanlagen.

Die Farbfotografien thematisieren dabei, wie es Manfred Schmalriede im begleitenden Katalog beschreibt, durch All-over „das Grenzenlose, nicht mehr von einem Punkt

Überschaubare, kurz die Unübersichtlichkeit“ Bilder mit klaren Strukturen entstanden, die sich der Schnelligkeit des städtischen Lebens entgegenstellen. Lichter, Farben und Straßenlärm sind eingefroren.

Prinzip der Langsamkeit

Auch in seinen Video- und CD-Collagen orientiert sich der renommierte Fotograf an diesem Prinzip der Langsamkeit. Die rhythmischen Bewegungsmuster der Menschenmassen und Verkehrsströme werden durch lange, streng komponierte Einstellungen eingefangen. Die Motorengeräusche des allgegenwärtigen Verkehrs untermalen die Bildsequenzen. Claudio Hils, der in Essen Visuelle Kommunikation studiert hat und seit 1993 als Kommunikationsdesigner und Freier Fotograf in Essen und Ravensburg lebt, versteht sich als Chronist, der die unkontrollierten urbanen Entwicklungen der Megastädte ohne Ursachenforschung, abe4 auch ohne Lösungsmöglichkeiten dokumentiert.

Sein Blick auf die erwähnten außereuropäischen Metropolen, wo es die intakte Stadtstruktur nicht mehr gibt, bietet Raum für Reflexionen über mögliche urbane Entwicklungen in Europa. Denn auch hier besteht die Gefahr, dass durch rapides, ausschließlich ökonomisch orientiertes Wachstum jegliche kulturell Identität verloren geht, so dass sich auch hier Agglomerationen von gesichtslosen Architekturen ausbreiten.

Dass auch eine relativ kleine Stadt, wie Erlangen vor solchen Tendenzen nicht vollkommen geschützt ist, zeigen die jüngsten bauliche Entwicklungen. An einem der wichtigsten zentralen Plätze der Erlanger Planstadt, dem Hugenottenplatz, soll ein Gebäude errichtet werden, das in seiner Beliebigkeit weder die kulturelle Tradition des Ortes berücksichtigt, noch durch eine innovative und markante Formensprache die Bedeutsamkeit des Platzes betont.

„Dream City“ in Erlangen: Eine Ausstellung zur Zukunft des Städtebaus

Turmhohe (T)räume 

Foto-Essays von Claudio Hils ergänzen die Schau

„Nein, ich bin kein Tourist – ich wohne hier!“ Also sprach der Autoaufkleber eines genervten Einheimischen. Was wohl die vielen Tausend Besucher von Rothenburg ob der Tauber darüber gedacht haben?

Merkwürdig: Da galt jene turm- und zinnenbewehte Freie Reichsstadt einmal als ernsthafter Konkurrent zu Nürnberg. Dann fiel sie wie Nürnberg in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie nicht einmal die Industrialisierung reißen konnte. Heute gilt die Stadt über der Tauber zwar als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte, gleichzeitig aber auch als ein Denkmal seiner selbst. Vor einer „Rothenburgisierung“ wird gewarnt, wenn Altstadtfreunde ihre Bedenken gegen moderne Bauten vorbringen. Umgekehrt prangt der Aufkleber nicht umsonst auf einem Auto. Die „autogerechte Stadt“, die in den sechziger Jahren propagiert wurde, verhinderte aber (siehe Stuttgart, siehe München) ebenso das Leben in der Stadt.

Himmlisches Jerusalem

Was also sind die Kriterien, die eine Stadt zur „Stadt“ machen und wie geht der Städtebau damit um? Die Ausstellung „Dream City“ in Erlangen geht dem nach. Wer von „organisch gewachsenen“ Städten redet, verkennt, dass fast alle mittelalterlichen Städte sich den topographischen Gegebenheiten anpassen mussten und überdies militärischen Zwängen unterlagen. Eine Stadt, wollt die prosperieren, musste an einem Fluss, einer Handelsstraße liegen, noch besser an einer Kreuzung. Um den Wohlstand zu sichern, bedurfte es einer Stadtmauer: So kurz wie möglich, so viel Platz wie nötig. Dies bestimmte die dichte Bebauung, die bald in die Höhe führte und gar als Vorwegnahme des himmlischen Jerusalems interpretiert wurde.

Gedanken, wie eine ideale Stadt auszusehen habe, wälzten Architekten erst zu Zeiten der Renaissance. Ideal waren kreis- oder karreeförmige Grundrisse. Unverzichtbar war der Mittelpunkt oder Fluchtpunkt, auf den sich die gesamte Anlage zu richten hatte. Und dies war ausnahmslos ein Ort der weltlichen oder geistlichen Macht. Planmäßig angelegte Städte wie Mannheim, Karlsruhe und Erlangen erweisen sich aus der Vogelperspektive als reizvolle Systeme. Gerne beugt der Besucher sich über die Holzmodelle, bückt sich, um in die Fluchtlinien der Magistralen zu spähen. Wer aber einmal längere Zeit in einer dieser Städte verbracht hat, weiß um die Langeweile der Regelmäßigkeit.

Ein Platz muss also her. Wer die historischen Veduten von Florenz und Mailand betrachtet, wird feststellen, dass die Stadtreklame von damals anders als heutige Selbstdarstellungen Bettler, Krüppel und Asoziale nicht ausklammert. Besonders schmerzhaft wird er angesichts historischer Aufnahmen von Erlangens Plätzen feststellen, wie das Diktat des Individualverkehrs die Plätze ihrer Wohnlichkeit beraubt hat.

Je näher die Gegenwart rückt, umso mehr spitzt die Ausstellung den Gegensatz zu zwischen dem reinen Wohnen und dem Kommunizieren außerhalb der eigenen Wände, sowie als Verschärfung des Gegensatzes die Entzerrung der Wohn- und Arbeitssphäre.

Erstaunlich zu sehen, wie weit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, die Auffassungen der geplanten Stadt nach Renaissance-Muster vorherrschend blieb und der Entwicklung der Industrialisierung hinterherhinkte. Erstaunlich aber auch, mit welcher Rücksichtslosigkeit die kurze Blüte des Expressionismus ihre floralen bzw. kristallinen Baupläne gegen bestehende Strukturen einsetzte. Doch erst die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs ermöglichten den Städteplanern den Freiraum zur Neugestaltung unter dem Postulat des reinen Funktionalismus. Eine Neugestaltung, die nur allzu bald ihr Scheitern dokumentierte, indem sie die Bedürfnisse der Menschen auf ein ästhetisches Minimum reduzierte. Der Konflikt zwischen Massenbehausung, Individualverkehr und Freizeitraum scheint heute unlösbarer den je.

Wie allerdings planlos wachsende, sprich chaotisch wuchernde Städte aussehen, das zeigt Claudio Hils in seinem Foto-Essay „Sao Paulo, Tokio, Bangkok, Los Angeles und zurück“. Hils nimmt in seinen Fotografien den Menschen zum Maßstab. Das heißt, dass der Mensch von den umgebenden überdimensionalen Gebäuden erdrückt wird. Gerne verwendet Hils auch Perspektiven, in denen Gitter, Zäune und Vorhänge den Blick auf das Dahinterliegende verstellen. Das wirkt reichlich plakativ. Andererseits: Werfen Sie doch einmal einen Blick aus Ihrem Fenster. Steht nicht irgendwas in Ihrem Blickfeld, das Sie maßlos ärgert?

Vielfalt auf engstem Raum: Metropolen sind Bühnen der Eliten, Arbeitsplatz und Zufluchtsort der Marginalisierten sowie geistige Heimat der Künste. Die sind Generatoren moderner Lebens-, Denk-, Kunst- und Konsumstile. 50 Prozent der Menschheit wird in naher Zukunft in Städten leben. Nicht nur in Shanghai, Los Angeles, Sao Paulo oder Berlin versprechen Metropolen Fortschritt und Fortkommen, Freiheiten und Erfolg. Zugleich ist ihnen Scheitern, Elend, Einsamkeit und Zerstörung eingeschrieben. Von diesen Kontrasten erzählen die Bilder dieses Thementeils, in denen der Fotograf Claudio Hils dem Glanz der urbanen Welten das Elend ihrer Slums gegenüberstellt.

Liebe Leserin, lieber Leser, „wer die Welt verstehen will, muss in die Stadt gehen“, könnte das Leitmotiv dieses Hefts heißen. Oder: „Die Welt wird Stadt“. Lebte Anfang des 20. Jahrhunderts gerade einmal jeder zehnte Erdbewohner in einer Groß- oder Kleinstadt, so prognostiziert die UNO bereits für das Jahr 2005, dass mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten zu Hause sein wird. Und ein Ende des Wachstums ist längst nicht in Sicht. Allein auf der Südhalbkugel wird sich die urbane Bevölkerung in den kommenden 25 Jahren noch einmal verdoppeln. Mit welchen Folgen? Erleben wir in den Städten, wie Oswald Spengler düster voraussagte, den Niedergang der Zivilisation, die Erstarrung des menschlichen Lebens? Anna Tibaijuka, die Exekutivdirektorin der UN-Stadtorganisation Habitat, ist sich sicher, dass die urbane Revolution nicht gestoppt werden kann. Obwohl der 11. September 2001 die Verwundbarkeit der Stadt auf schreckliche Weise vor Augen geführt habe, werde sich das menschliche Siedlungsmuster nicht ändern. „Nur wenn wir dieser Tatsache ins Auge schauen, können wir das bisher unkontrollierte Wachstum lenken“, sagt sie im Interview mit der Zeitschrift für Kulturaustausch. Trotz der bekannten Schattenseiten – Kriminalität, Ausgrenzung, Elend – sieht sie die Megastädte der Dritten Welt eher als Wachstumspole denn als erbarmungslose Moloche. Auch die Geographin Ilse Helbrecht glaubt an die Erneuerungskraft der Metropolen. Die Stadt der Zukunft nehme unterschiedlichste Lebensarten in sich auf und liefere so etwas wie die „Gebrauchsanweisung zur Organisation menschlichen Zusammenlebens“.

Wenn die Stadt die Probleme der Welt in sich aufsaugt, birgt dies natürlich Sprengstoff. Die Rezepte, wie die einzelnen Metropolen damit umgehen, sind sehr unterschiedlich. Wir haben daher für den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe Autoren aus 12 Städten gebeten, über ein zentrales Thema ihrer Metropole zu berichten. So erzählt der griechische Literaturkritiker Demosthenes Kourtovik, wie die hektischen Bemühungen der Athener Stadtplaner, der Wiege Europas anlässlich der Olympischen Spiele 2004 ein modernes Gesicht zu geben, an den historischen Gegebenheiten Athens vorbeilaufen. Der schwedische Schriftsteller Sven Lager berichtet vom Leben der „Expats“ in Bangkok, einer Stadt, die mit dem Stempel des Sextourismus leben muss. Der Historiker Karl Schlögel zeigt Parallelen zwischen Berlin und Moskau auf: zwei Städte, die durch die Wucht der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus der allgemeinen Bahn der Stadtentwicklung herausgeschleudert wurden. Für lange Zeit ihrer Rolle als innovative Zentren beraubt, versuchen sie nun, in Rekordzeit den Rückstand aufzuholen. Wir erfahren, wie Brasilia, die Beton gewordene Utopie, an den starren Regeln ihres Architektenplans leidet und als teures Pflaster inmitten von Armut ein Inseldasein führt. Wir entdecken Ähnlichkeiten zwischen Dubai und Shanghai, die sich beide mit gigantischen Prestigeobjekten in die Riege der Weltstädte katapultieren wollen. Und wir erfahren von dem Publizisten Reinhard Hesse, mit welcher Gelassenheit die „Mutter der Welt“, Kairo, im Laufe der Jahrhunderte Kulturen unterschiedlichster Provenienz in sich

aufgenommen hat. Wer die aufgeregten Meinungsartikel der ägyptischen Presse liest, könne zwar den Eindruck gewinnen, das Land rüste sich für einen Krieg, aber wer beim Bäcker sein Fladenbrot kauft und die Gespräche der Gemüsehändler verfolgt, wisse, dass die Ägypter nicht mitziehen würden. „Auch den Islamisten ist es nicht gelungen, Kairo ihren Stempel aufzudrücken“, folgert Hesse. Bei der Vorstellung der Städte haben wir bewusst eine alphabetische Reihenfolge gewählt, um ihre Singularität hervorzuheben und der Versuchung zu widerstehen, Abstufungen nach Bedeutung vorzunehmen.

An dieser Stelle sei ein Wort in eigener Sache gestattet. Die Mitarbeiter der Zeitschrift für Kulturaustausch nehmen Abschied von Dr. Nikolaus Klein, dem langjährigen Chefredakteur. Er kam 1980 nach zehn Jahren als Deutsch-Lektor in Kalkutta und Madras und weitern zehn Jahren als Generalsekretär der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Stuttgart zum ifa. 1982 übernahm er die Redaktion der Zeitschrift für Kulturaustausch, die er bist 1994 leitete. Auch im Ruhestand stellte er sich noch lange bis zum Umzug der Redaktion nach Berlin vor zwei Jahren als Lektor in den Dienst der Zeitschrift und stärkte der Redaktion mit seiner Sorgfalt und Gelassenheit den Rücken. Nikolaus Klein ist am 11. Juli 2002 gestorben.

Vitale Zentren städtischen Lebens

Forderung nach nachhaltiger Stadtentwicklung – Beklemmender Blick auf wuchernde Metropolen

Plätze sind die Visitenkarte einer Stadt. Was wäre Siena ohne den Campo oder Venedig ohne den Markusplatz? Und wer an Erlangen denkt, hat sicherlich auch den schönen Schloss- und Marktplatz in seinen klaren Strukturen im Blick. Bis Sonntag, 10. März, zeigt die Städtische Galerie die vom Stadthaus Ulm konzipierte Ausstellung „Dream City – Zur Zukunft der Stadtträume“. Diese eindrucksvolle Ausstellung hat Karl-Manfred Fischer vom städtischen Kulturamt in sein Projekt „Stadt und Zukunft“ anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums Erlangens eingebaut.

Die Ausstellung wurde neu geordnet und mit lokalen Beispielen vor allem aus Erlangen ergänzt. Aus der grafischen Sammlung der Universitätsbibliothek stammen alte Pläne und Stiche von Stadtansichten, die Stadträume aus Wien, Frankfurt, Berlin, München, Nürnberg, aber auch aus Rom, Florenz und Venedig zeigen. Aus dem Stadtarchiv kommen Stiche und alte Fotografien von Erlanger Plätzen.

Frühere Städtebauer wussten um die Wirkung und Bedeutung der Freiräume für das Leben in einer Stadt. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Marktplätze die zentralen Orte städtischen Lebens.

Zu allen Zeiten gab es Idealvorstellungen, wie eine Stadt, ihre Strukturen, ihre Bauten und Freiräume beschaffen sein sollten. Diese Vorstellungen unterlagen im Laufe der Zeit, vom feudal strukturierten Mittelalter bis zur industriellen Revolution und zur Mediengesellschaft unserer Tage, erheblichen Veränderungen. Im Barock erfuhren die geometrisch-rationalen Stadtstrukturen eine ideelle und räumliche Ausrichtung auf den absolutistischen Fürsten.

Die Ausstellung zeigt dies eindrucksvoll mit der Stadtanlage von Karlsruhe, deren Radialstruktur vom Mittelturm des Schlosses ausgeht. Ob in der Renaissance, im Barock oder im 19. Jahrhundert – in der Regel orientierten sich die Gebäude am Verlauf der Gassen und definierten mit ihren Fassaden den Straßenraum.

Auch die Auflösung kompakter Stadtstrukturen im 20. Jahrhundert, die Shopping- und Erlebniscenter auf der grünen Wiese, und die Nachbildung historischer Stadtbilder in Freizeitparks („Disneyland“) haben letztlich dem Charme historischer Innenstädte nicht wesentlich schaden können. Max Stemshorn, Ausstellungskurator am Stadthaus Ulm, kommt in seinem Katalog-Beitrag zu einer optimistischen Schlussbetrachtung: „Vielleicht ist die europäische Stadt sogar Modell, das noch Zukunft hat und die weltweiten Verstädterungsprozesse befruchten Kann: die kompakte Stadt als Leitbild hinsichtlich des Flächen- und Energieverbrauchs … und öffentliche Räume, in der sich eine zunehmend in unterschiedlichen Lebensstile ausdifferenzierende Gesellschaft noch begegnet … Um dies zu erreiche, bedarf es einer Stadtplanung, die sich nicht als Verwaltung gebärdet, sondern als aktive Kraft, unbeirrt vom tagespolitischen Wechselspiel, eine nachhaltige Stadtentwicklung betreibt.“

Mittelpunkt des lokalen Teil der Ausstellung sind die Plätze der barocken Planstadt Erlangen und ihre Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit erfahren haben. Besonders positiv werden die Entwicklungen des Schloss- und Marktplatzes („anziehender Freiraum“), des Neustädter Kirchenplatzes („Platzjuwel“) und der Altstädter Kirchenplatz („Wohnzimmer unter freiem Himmel“) gewürdigt. Problematischer dagegen ist die Sicht auf den Theaterplatz („kein Platz in der ersten Reihe“), auf Rathaus- und Bahnhofsplatz. Auch der Martin-Luther-Platz hätte eine Aufwertung dringend nötig.

Nicht unerwähnt sollen zwei Beispiele von Platzgestaltungen durch Unternehmen bleiben: zum einen der „Rote Platz“ von Siemens in Erlangen, der als repräsentativer Eingangsbereich Strukturen der Halbleitertechnik für die Platzgestaltung verwendet, zum anderen die erst vor kurzem vollendete Piazza von Audi in Ingolstadt, deren Architektur es ermöglicht, aus einem „Wallfahrtsort der Automobilsten“ am Abend einen Ort der persönlichen Begegnung zu schaffen. Teil zwei der Ausstellung ist den Fotografen Claudio Hils gewidmet, der in Sao Paulo, Tokio, Bangkok, Los Angeles und Las Vegas die Stadträume und die sich in ihnen bewegenden Menschen aufgenommen hat. Mit dem beklemmenden Eindruck, dass die Entwicklung in diesen Metropolen auf heute noch intakte europäische Innenstädte überschwappen könnte, verlässt der Besucher nachdenklich die Ausstellung, für die auch das ausliegende Katalogbuch empfohlen werden kann.

Rote Plätze und Utopien

Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Stadtplanung: Die Erlanger Ausstellung „Dream City“ 

Ist diese Aufnahme nun in Los Angeles, Sao Paulo, Tokio oder Bangkok entstanden? Die Zuordnung fällt schwer. Die Fotos von Claudio Hils setzen die gängige Vorstellung vom „typischen“ Erscheinungsbild der Metropolen außer Kraft. Die eingefangenen Situationen könnten aus jeder beliebigen Großstadt stammen, lediglich die asiatischen Schriftzüge geben gelegentlich Hinweise auf den Entstehungsort. Ansonsten bleiben universelle Szenerien, die gleichzeitig gefilmt wurden und nun zusätzlich per Bildschirm Lärm und Hektik verbreiten. „Dream Citys“, Traumstädte, stellt man sich eigentlich anders vor.

„Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“ nennt sich die zweigeteilte Ausstellung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Stadt und Zukunft“ in der Städtischen Galerie Erlangen. Claudio Hils` Foto-Essay ist chronologischer Endpunkt der Hauptschau „Zwischen Tradition und Utopie – Veränderung des öffentlichen Raums“, die sich durch die Jahrhunderte hindurchtastet, viele Themen der Stadtentwicklung antippt und sich vor allem der Auflösung traditioneller Stadtstrukturen widmet.

Die Reise durch die Vergangenheit startet in einer Zeit, als die Menschen – genauer gesagt die Herrscher – konkrete Vorstellungen vom Erscheinungsbild ihrer Städte hatten. Die Erschaffung von öffentlichen Räumen wird auch an lokalen Beispielen festgemacht. Das Kapitel Mittelalter ist dabei auf Nürnberg fixiert. Doch vor allem die Konzeption der barocken Planstadt Erlangen wird ausgiebig mit Modellen, Stichen und historischen Fotos beleuchtet.

Die Ausstellung zeichnet anschließend nach, wie während der Industrialisierung die idealtypische Stadt verschwindet. Neue Bauherren prägen die öffentlichen Räume. Die Erlanger Schau stellt dabei dem heimischen Beispiel des „Roten Platzes“ der Siemens AG die Audi-Piazza in Ingolstadt gegenüber. Immer offensiver wird Architektur von Firmen eingesetzt, um mit prunkvoller „Corporate Identity“ in die Öffentlichkeit zu treten. Zudem wird gezeigt, wie in den kommenden Jahren die Neubauten der Universitätsklinik das Erlanger Stadtbild verändern.

Viele weiter interessante Einzelbeispiele aus verschiedenen Epochen tauchen auf: Die Neugestaltung des Ulmer Münsterplatzes, die Stuttgarter Weißenhofsiedlung (deren 75. „Geburtstag“ gerade groß gefeiert wird) oder die Utopien für moderne Städte aus den 20er Jahren, die Filmkulissen zu „Metropolis“ gleichen. Doch die „Veränderungen des öffentlichen Raums“ können – bei der Größe der Städtischen Galerie ist dies gar nicht anders möglich – nur punktuell aufgegriffen werden. Dennoch ist die Ausstellung ein lohnenswerter Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Stadtplanung.

Die Macht auf dem Marktplatz

Erlangen auf der Suche nach der Zukunft der Städte: „Dream City“ 

Draußen vor der Tür lauert das Knoblauchsland, drinnen im Saal lärmt die Metropolen-Welt; vom real existierenden Gemüsestand zum nerverzerfetzenden Verkehrs-Video sind es nur ein  paar Schritte. „Dream City“ steht auf den Plakaten der Städtischen Galerie am Marktplatz, die eine Ausstellung „zur Zukunft der Stadträume“ versprechen und beiläufig in eine Auseinandersetzung mit Architektur-Schlachten mehrerer Jahrhunderte führen. Karl Manfred Fischer hat das Thema großflächig im Programm der 1000-Jahr-Feier platziert, nachdem schon seit November eine für neun Adressen in Bayern hausgemachte Wanderschau „Architektur in Franken 1995-2001“ den selbstbewussten Grundton anschlägt. Logisch, dass bei der lokalen Bestandsaufnahme in media-ART.zentrum (Helmstr. 1) hinter dem Slogan „Erlangen – eine Stadt mit Zukunft“ das gut denkbare Fragezeichen fehlt.

„Alles ist erlaubt“, beschrieb der Berliner Experte Karl Ganser skeptisch den Stand der Entwicklung im Städtebau bei der Fachtagung, die am Wochenende mit Meinungs-Zündstoff eine Theorie-Basis für die weit reichenden „Lebensraum“-Projekte zum Jubel-Termin schaffen sollte. Bis in den Herbst hinein sind Themen gestreut, von der „Wohn-Kultur“ (ab April im Siemens-Forum) über den Druck zur Erlebnis-Stadt unter dem Hohn-Begriff „Disneyfizierung“ (September, Städtische Galerie) bis zu „Global Babylon City“ (Herbst Stadtmuseum).

In der jetzt eröffneten Schau im Palais Stutterheim kann der Besucher wählen, wie er den Kulturschock organisieren möchte. Recht in der Kleinen Galerie der fotokünstlerisch gefilterte Blick auf den Moloch Großstadt, wie ihn Claudio Hils nach fünfjähriger Motiv-Suche in den legendären Ballungsräumen zwischen Sao Paulo, Tokio und Los Angeles zur ordentlich gereihten Glanzbilderstrecke arrangierte. Nur der Monitor lärmt aufsässig dazwischen.

Auf der andren Seite ist man mit einem Schritt in Nürnberg, sieht – diesseits aller Rechtschreibreformen – die „Abb. Deß schönen Bronnen auff dem Marckt stehendt“. Radierungen, Stiche, historische Skizzen von den allzeit populären Traumadressen (Versailles, Venedig, Florenz, Mailand) belegen die elastischen Philosophien über die zuordnende Geometrie der Macht und die sogkräftige Demokratie des Marktplatzes. Leider zeigt die vom Stadthaus Ulm übernommene und neu bearbeitete Ausstellung nicht, was aus den Entwürfen vom Mittelalter bis in die Gegenwart wurde. Notfalls hätte es eine Ansichtkarte getan.

Auflockerung und zeitweilige Auflösung der Städte mit inzwischen lautstark vertretener Renaissance für den harten Kern, das Glas als seit 1914 klirrendes Phantom der Freiheit, die Piazza als Maß aller Visionen. Schock-Bilder vom Nürnberger Hauptbahnhof sind dabei freundlicherweise nicht verwendet worden.

Ein niedliches Erlanger Innenstadt-Modell, 1940 mitten im Weltkrieg gebastelt, ist von Foto-Dokumenten späterer Jahre umstellt, als vor der Tür der Galerie die Massen den Platz zum Protestforum gegen Notstandsgesetze nutzten. Städtebauliches Firmen-Design wird im Vergleich dokumentiert – Siemens in Erlangen und Audi in Ingolstadt. Spätestens da fällt einem die Ironie im Titel „Dream City“ auf.

Ausstellung „Dream City“ ab morgen geöffnet

Plätze einer Stadt

Projekt der Städtischen Galerie mit Erlanger Bezügen 

„Stadt und Zukunft“ ist das große Thema, das in diesem Jahr das 1000-jährige Jubiläum Erlangens mit einer Vielzahl von Veranstaltungen begleitet. Dazu zeigt auch die Städtische Galerie ab Samstag die Ausstellung „Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“.

Die vom Stadthaus Ulm konzipierte Ausstellung ist von Karl Manfred Fischer neu zusammengestellt und um einige, insbesondere auch lokale Exponate bereichert worden. Aus der grafischen Sammlung der Universität Erlangen stammen die alten Pläne und Stadtansichten, die rund drei Jahrhunderte europäische Platzgestaltung streifen. Aus dem Stadtarchiv kommen Modell, Stiche und alte Fotografien zur Geschichte der Plätze der barocken Planstadt Erlangen. Ein aktuelles Beispiel für den öffentlichen Raum ist das Areal um das neue Nichtoperative Zentrum, belegt durch ein Stadt-Modell der Universitätsbauamtes.

Ein so noch nicht geführter Exkurs bezieht die Entwicklung des öffentlichen Platzes als Teil der Unternehmens-Corporate-Identity ein. Zwei prägnante Beispiele werden einander gegenübergestellt: der so genannte „Rote Platz“ der Siemens AG in Erlangen, 1981 vor dem blauen Hochhaus angelegt, und die „Piazza“ von Audi in Ingolstadts Nordstadt, die von Vittorio Lampagnani und Wolfgang Weinzierl entworfen wurde.

Die Fontana die Trevi in Rom, die Kathedrale Notre Dame in Paris oder der Buckingham Palace in London – es sind noch immer die Motive, die unser Bild von Großstädten prägen. Tausendfach auf Postkarten Vervielfältigt. Titelfotos unzähliger Reiseführer. Als Claudio Hils seine Mamiya 6×7 in Tokio, Bangkok, Sao Paulo, Los Angeles aufstellte, hatte er sich diese Metropolen gezielt ausgewählt, um das Bild der Großstadt von heute zu hinterfragen. Und stellte am Ende fest, dass er von diesen doch so gänzlich voneinander entfernten Orten rund um den Globus mit dem gleichen Bildmaterial zurückkehrte. Das legt nun zweierlei Interpretationen nahe: Hils hat zum einen eine ganz ausgeprägt individuelle Sicht der Dinge. Seine Fotos analysieren, zerlegen Stadtlandschaften, Erlebtes in Fragmente, in Signifikantes, suchen nach Strukturen. „Ich spiele nicht mit dem Zufall“, sagt der 39jährige Fotograf. „Meine Bilder sind bis ins Letzte durchgestaltet.“ Hils formt aufnahmen nach eigenen Vorstellungen, holt Betongiganten aus verschiedenen Blickwinkeln ins Bild, konstatiert die Banalität öffentlicher Räume in Vorstädten und Wohnsiedlungen – mit großer Tiefenschärfe oft von erhöhten Standpunkt fotografiert. Darüber hinaus legt uns der Fotograf nahe, über den „städtebaulichen Pragmatismus in den Metropolen“ nachzudenken. Er zeigt die immer gleichen Metastrukturen der modernen Großstadt in verschiedenen Kulturkreisen. Geschichte ist für Hils im Bild der Stadt zum fragwürdigen Tourismus-Event degradiert, das ihn nicht interessiert. Seine Motive spezifizieren den Ort nicht, konzentrieren sich auf die uniforme Gegenwart. Und legen die erschreckende Normierung architektonischen Denkens nahe.

Max Stemshorn (Hrsg.)

Dream City

Die Zwischenräume des Urbanen – mit einem Fotoessay von Claudio Hils 

Als Europäer lassen sich die immer rasanter wachsenden urbanen Zentren Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas kaum begreifen, sich zurechtzufinden ist ganz unmöglich. Immerhin: Der Fotograf Claudio Hils hat es versucht. Das Ergebnis ist die Ausstellung „Dream City“ – nach „Der Kunst-Garten“ und „Die Inszenierung der Freizeit“ der dritte Teil der außerwohnlichen Projektreihe „Architektur und Umwelt“ des Stadthauses Ulm. Ausstellung und Katalogbuch stellen die Frage nach der Zukunft unserer Städte. Im Zentrum des Fotoessays von Hils stehen allerdings nicht die Stadtzentren, die zusehends zur pittoresk inszenierten Kulisse geworden sind. Hils hat sich aufgemacht, die Ränder der Städte fotografische auszuleuchten, die Zwischenräume der Urbanen, wo die Zeit bisweilen stillzustehen scheint: im Grenzbereich zwischen Traum und Realität.

Der immense Bevölkerungszuwachs in den neuen Mega-Städten ist zum drängenden Problem geworden: Schon heute können viele Städte ihrer Bevölkerung nicht mehr ausreichend Energie und Wasser zur Verfügung stellen – und an ihren Rändern entstehen riesige Abfallberge. Und doch scheint die Stadt die einzige Siedlungsform des Menschen zu sein, die ein Überleben sichert. Von der hohen „ökologischen Effizienz“ der Städte ist in einem Buchtext die Rede – der gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur. So richtet sich der Fokus des deutschen Fotografen Claudio Hils auch nicht einseitig auf die Problematik des Neuen Bauens, nicht die „Unwirtlichkeit“ dieser Städte ist sein singuläres Thema. Stattdessen macht Hils Unterschiedlichkeiten von Stadtbildern ( am Beispiel von Las Vegas, Los Angeles, Sao Paulo, Bangkok und Tokio) und ihren Strukturen sichtbar. Eine ganze Reihe von Arbeiten zeigen die bereits angedeutete Kulissenhaftigkeit des urbanen Raums, die in Architekturtypen wie der Shopping Mall auf die Spitze getrieben wird.

Man wird sich – auch das ist eine These von Claudio Hils´ Fotoessay und den Textbeiträgen von Mac Stemshorn, Sabine Presuhn, Klaus Töpfer, Sebastian Redecke, Ulrich Schneider und Manfred Schmalriede – in Zukunft von der europäischen Idee kompakter und zentraler Innenstädte verabschieden müssen. Riesige Baugruben, ein undurchdringliches Geflecht von Kabeln, Strommasten, Straßen und Kanälen deuten dies bereits heute an. Die gezeigten Vorstädte erschüttern in ihrer Banalität – und wenn im Katalog davon zu lesen ist, diese Entwicklung würde in vielen Fällen von den Bewohnern akzeptiert, so sprechen einige der Fotografien eine andere Sprache. Man macht aus der Not eine Tugend, richtet sich in Nischen ein, seien es Bretterverschläge oder nur eine Straßenecke, die zum Treffpunkt der Menschen geworden ist.

Neben der Kulissenhaftigkeit von Zoos, Einkaufszentren und Parks sucht der Blick des Fotografen vor allem jene urbanen Felder, deren Nutzung noch nicht endgültig definiert scheint: Brachflächen, Müllhalden und Baustellen, die überall auf der Welt durch Bretterzäune und Maschendraht von anderen Stadtgebieten separiert werden. Dass selbst diese Zäune wiederum zur Illusion von Urbanität genutzt werde, ist auffällig. Kaum ein Bauzaun, der nicht auch Werbefläche ist – oder als Kulisse imaginierter Einkaufsparadiese dient.

Sich im „urban jungle“ zurechtzufinden ist schwierig, doch bietet der Fotograf freundlicherweise Hilfe an. In gewisser Hinsicht macht er sich, wie Manfred Schmalriede in seinem Buchtext aufzeigt, eine eigen Fremdheit zunutze: „Zwischen sich und seine Umgebung schieb er die Kamera als vermittelnde Instanz, um über die Distanzierung Nähe zu erzeugen.“

Hils´ fotografischer Ansatz ist auch in diesem Widerspruch zu verstehen: Distanz schafft der Fotograf etwa, indem er aus der Vogelperspektive einen Blick auf die urbane Welt zu erhaschen sucht: Häufig fotografiert er sein Bilder von erhöhtem Standpunkt und meistens mit einer beinahe wissenschaftlich anmutenden Tiefenschärfe. Doch sind es vor allem die Kompositionen, welche den distanzierten Kamerablick immer wieder hintergehen. So rückt Hils etwa den ärmlichen Bretterverschlag einer Familie aus Sao Paulo ganz nah an den Betrachter. Darüber laufen Stromleitungen aus dem Bild, welche die Endlosigkeit (auch Ausweglosigkeit) der gezeigte Wohn- und Lebenssituation vor Augen führen.

Dass Hils´ Arbeiten das Chaos heutiger Städte in Bilder fassen, die auseinanderstrebende Linien, Raster und Strukturen zu eindringlichen Fotografien verdichten, macht sie zu etwas Besonderem – vor allem, weil ihr Sujet genau das nicht mehr leisten kann: Aus den historischen Städten mit ihren einprägsamen, originären Zentren sind auseinanderlaufende, oft austauschbare, grenzenlose Monster geworden, deren unübersichtliches „Allover“ (Schmalriede) gleichermaßen Alarmsignal und Faszinosum geworden ist. Claudio Hils gibt diesen Orten eine neue Ordnung.

In Ulm, um Ulm und…

Städtebauliche Bilanzen bis Anfang Juli 

Die Kuratoren des Ulmer Stadthauses üben sich in städtebaulicher Kritik und präsentieren Impressionen aus allen Himmelsrichtungen: Egal ob L. A., Bangkok oder Tokio – was Starfotograf Claudio Hils vor die Linse bringt, spricht nicht gerade für die Stadtplaner des 20. Jahrhunderts. Auch wenn manch´ prunkvoller Palast oder hoher Kirchturm Touristentrauben um sich scharen, beim Thema Plätze werden meisten nur historische Ensemble frequentiert. Warum eigentlich? Dieser Frage geht „Dream City“ nach und stellt die Entwicklung des öffentlichen Raums schlaglichtartig vor – ein unbedingt sehenswertes Fiasko.

Kulissen für Touristen

Ausstellung: Ulm zeigt die Auflösung der Stadtzentren 

Man liebt, achtet, bewundert sie auf der ganzen Welt. Die großen Plätze der europäischen Stadtbaukunst – Il Campo/Siena, Place Vendome/Paris, Piazza Navona/Rom, Pariser Platz/Berlin – werden jährlich von Millionen Touristen geradezu heimgesucht. Aber was ist heute noch dran, an den nostalgischen Orten? Eine Ausstellung des Ulmer Stadthauses zeigt unter dem Titel Dream City eindrucksvoll eine andere Wirklichkeit.

Schlaglichtartig zeichnet die Schau die Entwicklung des Raumes europäischer Städte nach. Im 20. Jahrhundert war die Stadt geradezu revolutionären Veränderungen ausgesetzt. Zuerst ließ man das Auto reinfahren und parken, dann verbannte man es wieder. Der Kommerz ließ von den Gebäuden oft höchstens die Fassaden übrig. Die Anmutungen sogenannter gewachsener Stadtstrukturen kamen dabei ja reichlich zu kurz. So entstanden im letzten Jahrhundert, auf das die Schau den Schwerpunkt legt, nur wenige öffentliche räume, die auf Menschen ein große Faszination ausüben.

Im Gegensatz zu den Funktionalisten wussten alte Baumeister und Städteplaner offensichtlich exakt um die Methoden, mit denen man beeindruckende Freiräume erzeugte. Schließlich sind es ja nicht nur die von Postkarten prangenden Paläste, antiken Monumente oder Kirchen, die unsere Vorstellung von Stadt prägen. Es sind eben auch die unbebauten Teile.

Als man sich all das wieder ins Gedächtnis zurückgerufen und publik gemacht hatte, entstand bald eine restaurative Bewegung. Sie erzwang – nicht selten gegen erbitterte Widerstände von Auto-Lobby und Einzelhandel – die behutsame Erneuerung alter Stadträume. Die Aktivitäten dort sind freilich touristisch, kommerziell und stehen in krassem Widerspruch zu den tristen Realitäten der Vorstädte.

Das muss heutzutage (jedenfalls in Europa) jedoch nicht unbedingt zu großem Katzenjammer führen, die pittoresken Zentren sind leicht erreichbar. Allerdings findet man dort keine vitale Altstadt im historischen Sinne mehr, eher eine Art Kulisse, die den ansprechenden Hintergrund für Erbauungen wie Shopping, Tourismus, Event oder Flanieren bilden. Die dort noch lebenden Menschen werden gleich mit zur Staffage. Die Bilder intakter alter, historischer Innenstädte symbolisieren auch hochstehende Kultur, Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung oder gar politische Stabilität. Sie werden mit positiven Emotionen, Sehnsüchten und Träumen besetzt und deshalb nicht zuletzt gerne bei der Ausstattung von Freizeittempeln und Einkaufsparadiesen zitiert. Die Ausstellung stellt nun mit einem einzigartigen Fotoessay die Frage, ob es sich bei der europäischen Stadt nicht vielmehr um ein Trugbild handelt. Schließlich ist sie zu einer Art leeren Hülle geworden, austauschbar, nachbaubar, Disney-mäßig. Und die Realität in den wirklich großen Städten der Welt etwa Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok, Schanghai sieht ganz anders aus, meist chaotische explodierend.

Ordnung in der Unordnung: „Dream City“, Claudio Hils Fotografien urbaner Freiräume

Als die Berliner Mauer gefallen war und ihr Schutt noch nicht ganz weggeräumt, da hörte man auch einen kühnen Vorschlag, sie doch noch zu retten. Wenn es so sei, dass die Bauten langfristig das Gesicht das Städte weit weniger prägen als Leerflächen wie Plätze und Straßen, dann hätte man an die Stelle der Mauer nur einen Boulevard setzen müssen. Was als Mahnmal an die Teilung der Stadt gedacht gewesen war – es hätte diese wohl für Jahrhunderte festgeschrieben.

„Dream City“ heißt eine vom Ulmer Architekten und Kurator Max Stemshorn herausgegebene Essay-Sammlung über den Bedeutungswechsel, den bewohnbare Freiflächen in der Städteplanung erfahren haben. Hauptattraktion und –motivation des großformatigen Bandes zu einer Ulmer Ausstellung ist aber ein Fotoessay des Essener Fotografen Claudio Hils (Jahrgang 1962).

Plätze, in vergangenen Jahrhunderten weithin sichtbare Zeichen von Reichtum und Lebensfülle einer Metropole, wurden im 20. Jahrhunderts zu Stiefkindern der Stadtplanung degradiert. Und doch produzieren gerade die Megacities wie Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok und Las Vegas höchst belebte Feiflächen. Was hat eine bewohnte Müllhalde in Sao Paulo noch mit dem Idealbild europäischen Piazza gemein? Hils hat all diese Orte bereist und Bilder von ihnen gemacht, stets die tradierten Ordnungsvorstellungen im Gepäck. Man wird nicht ganz schlau daraus ob sein stets sichtbarer Wille zur Komposition, zur Schwerpunktsetzung oder semiabstrakten Strukturzeichnung diese Differenz nun thematisieren will – oder nicht ablegen kann. Hochhausfassaden aus Sao Paulo verwandeln sich in seiner Kamera in elegant austarierte Kompositionselemente, Autos auf einer Schnellstraße in Los Angeles hinterlassen vor einem ethno-kitschigen Wandbild malerische Spuren.

Stahlträger eines brasilianischen Hochhaus hätten in ihrem spannenden Raster auch schon Rodtschenkow gefallen, während jener Blick durch einen japanischen Kirschbaum auf einen Tokioter Platz schon Van Goghs Geschmack getroffen hätte. Immer gibt es einen Blickfang in

Hils Bildern, was sie durchaus den Fotoakteuren der Magazine anempfiehlt. Aber wozu überhaupt die Suche nach all der Attraktion im Ereignislosen?

Liegt doch gerade die ästhetische Besonderheit mancher Wegwerf-Architektur in der Abwesenheit des Gestaltungswillen und ihrer dennoch sich einschleichenden ästhetischen Reize. Am besten gelingen jene Arbeiten – wie eine Passantengruppe in Sao Paulo, eingefangen zwischen weißen Hochhausfassaden und gelben Bauzaunmaschen – in denen sich Hils Ästhetisierungen lediglich auf das ausgeprägte Farbempfinden des Fotografen verlassen.

Der sichtbare Ausdruck von Urbanität und Peripherie ist ein beliebtes Thema der zeitgenössischen Fotografie. Die größte Herausforderung an dieses Sujet liegt dabei in der Frage, inwieweit sich die Fotografie dabei ebenfalls der Erwartung auf Attraktion verweigern kann, ohne indifferent zu werden. Setzt doch Verkehrsarchitektur ihre eigenen ästhetischen Standards der Unauffälligkeit, die gerade dann bildhaft evident werden, wenn da mit nichts Außergewöhnliches unternommen wird.

Vielleicht bringt ja gerade Hils verzweifelte Suche nach dem Bildwürdigen der Unauffälligkeit jenes Dilemma am besten zum Ausdruck, welches das verkorkste Verhältnis des gestaltungsverletzten 20. Jahrhunderts zum öffentlichen Freiraum mehr als alles andere prägte die Angst vor der Unordnung.

Kein Platz: Städte träumen nicht von Menschen

Die Plätze Roms oder die Boulevards von Paris, schreit der Architekt und Stadtplaner Max Stemhorn zu der von ihm konzipierten Ausstellung „Dream City“, stünden nicht nur für Urbanität. Vielmehr verbänden sich mit ihnen auch Begriffe wie Wohlstand, Kultur, gesellschaftliche Ordnung und politische Stabilität. Dann aber fragt er, ob diese Freiräume nicht längst zur bloßen Kulisse verkommen seien.

Das Bild von der Stadt als geordnetes und überschaubares Zuhause, als Heimat, hat freilich so lange schon Schrammen, Dass es wenig originell erscheint, noch von der Unwirtlichkeit der Städte zu sprechen. In den Metropolen Europas herrschen großenteils Chaos und Wüstenei. Doch erst das ungestüme Wachstum solcher Mega-Agglomerationen wie Sao Paulo und Los Angeles, Bangkok und Tokio oder der in die Wüste gepflanzten Großstadt Las Vegas macht deutlich, was tatsächlich auf dem Spiel steht, wenn alte Strukturen leichtfertig aufgegeben werden. Ein Foto-Essay von Claudio Hils mit Bildern ebenjener Orte, Darstellungen jenseits der vertrauten Postkarten-Ansichten, bilden deshalb das Herzstück der Präsentation. In Kompositionen von bestechender Klarheit und Schönheit werden bei Claudio Hils Brücken, Gerüste und Fassaden gleichsam zu Mitteln, den Menschen auszusperren. Die Bewohner werden zu Fremdkörpern in ihrer eigenen Umgebung. – Unsere Abbildung zeigt eine Straßenschlucht in Sao Paulo.

Der öffentliche Raum steht in der Diskussion – und zur Disposition. Seine Privatisierung schließt Menschengruppen aus, die Motorisierung erweitert ihn ins Unendliche, so dass er kaum mehr erlebbar wird. Die Zentren der Städte werden für die aufgemöbelt, die nicht dort wohnen und am Feierabend und am Wochenende eine stimulierende Umgebung suchen, um sich beim Einkaufen wohl zu fühlen. An den schäbigen Orten des öffentlichen Raum im Laufe der Geschichte unterworfen? Die Ulmer Ausstellung geht dieser Frage sachlich und anschaulich nach, sie dokumentiert, wie und unter welchen architektonischen Idealen der Raum in unseren Städten verändert wurde. Dies ist der erste Teil der Ausstellung. Er dokumentiert neben der Kulissenarchitektur der Postmoderne auch die Bemühungen, den Stadtraum auch dort zu gestalten, wo er wirklich noch das Lebensumfeld des Menschen ist.

Der zweite Teil der Ausstellung wurde von Claudio Hils gestaltet. Seine Fotografien dokumentieren, welche Entwicklung der öffentliche Raum dort nimmt, wo es kein geschichtsmächtiges Bild der alten Stadt gibt: in Los Angeles, Las Vegas, Sao Paulo, Bangkok und Tokio. Nach Bildthemen geordnet, geben diese Bilder einen Eindruck dessen, was auch in Europa möglich sein könnte: von der Vereinheitlichung der Gestaltung bis zum Elend in Armenvierteln. Eine Installation macht darauf aufmerksam, dass sich in Ulm selbst in den letzen Jahren einiges verändert hat. Auf verschiedenen Ebenen wird der Boden wieder als das dargestellt, was er vor dem Bau des Stadthauses war: ein asphaltierter Parkplatz.

Um städtische Plätze und Freiräume geht es in der Ausstellung Dream City, die bis zum 1.Juli im Stadthaus Ulm zu sehen ist. Einerseits üben die historischen Innenstädte Europas weltweit immer noch große Faszination aus, andererseits werden sie mehr und mehr zur Kulisse für Shopping und Events. Die Ausstellung zeigt die revolutionären Veränderungen, denen europäische Straßen und Plätze im 20. Jahrhundert unterworfen waren. Außerdem zeigt sie Bilder von chaotischen wachsenden Städten in Asien und Südamerika und stellt die Frage, ob das Festhalten am Bild der traditionellen Stadt nicht längst ein irrealer Traum ist.

Was wäre Siena ohne die Piazza del Campo, Venedig ohne die Piazza San Marco und den Campanile? Die Attraktivität der Städte fußt auf der Qualität ihrer öffentlichen Räume, und die waren in der Vergangenheit mehr als nur die Summe aus Häusern und Baulücken – darum geht es der Ausstellung. Deshalb lenkt der Ausstellungsleiter Max Stemhorn den Blick weg von spektakulären Einzelbauten hin zu den umliegenden Freiräumen. Wem die Schautafeln nicht reichen, – eine enthüllt ganz nebenbei, wie viel Richard Meiers 1993 realisierter Entwurf für das Stadthaus einem nicht realisierten Entwurf von Hans Scharoun aus dem Jahre 1924 verdankt – muss nur aus dem Fenster auf das Münster und den Münsterplatz schauen, um Glanz und Elend der Stadt zu begreifen.

„Dream City“ besteht eigentlich aus zwei Ausstellungen: aus einer Chronologie der mitteleuropäischen Stadtentwicklung seit dem 10. Jahrhundert und aus großformatigen Farbfotografien von Claudio Hils, die auf den ersten Blick mit dem anderen Teil wenig zu tun haben. Auf den zweiten Blick schon: Zwar gelingt es „Dream City“, die grundlegenden Paradigmenwechsel von der mittelalterlichen Siedlung an der Handelsstraße zur befestigten Bürgerstadt der Renaissance, vom absolutistischen Herrschaftsmodell des Barock zur modernen Metropole des 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Und es gelingt auch aufzuzeigen, warum die Bedeutung des Stadtr4aums vom 15. bis ins 20. Jahrhundert abgenommen hat und warum die Vorkriegsmoderne mit ihren städtebaulichen Idealen scheitern musste.

Die Ausstellung hält aber nicht, was sie im Untertitel verspricht, nämlich eine Aussage „zur Zukunft der Stadträume“ zu treffen, und sei es nur für die „europäische Stadt“ – dass es die Postmoderne und der Neo-Historismus nicht gewesen sein können, weiß jeder, der einmal einen Nachmittag im Potsdamer Kirchsteigfeld verbracht hat. Der Ausblick jedenfalls, dass die Stadt als Konsumgut inszeniert wird, ist nicht neu; die Gestaltung von Stadtraum war schon immer eine Frage des Budgets und der Prioritäten. Neu sind nur die Akteure und deren Absichten: Für Projektentwickler und Kapitalsammelstellen ist Stadtraum vor allem eine Frage der Rendite.

Hier versucht sich „Dream City“ mit Claudio Hils’ Aufnahmen von Städten wie Bangkok und Tokio, Los Angeles und Las Vegas zu behelfen. Die belegen nachdrücklich, wie wenig westeuropäische Vorstellungen als Vorbild für andere Kulturkreise taugen, aber auch das wussten wir schon vorher. Jenseits dessen sind sie ebenso gut als Menetekel („Ist das die Zukunft unserer Städte!?“) wie als Beruhigungspille („Die wahren Katastrophen spielen sich woanders ab…“) interpretierbar. Andererseits – und das illustrieren die Fotos von lieblosen, aber belebten Straßenfluchten in Sao Paulo eben auch – will öffentlicher Raum vor allem eines: angeeignet werden.

Die Altstadt ist zum Trugbild geworden

Eine Ausstellung in Ulm dokumentiert den Wandel historischer Innenstädte 

Man liebt, achtet, bewundert sie auf der ganzen Welt. Die großen Plätze der europäischen Stadtbaukunst – Il Campo/Siena, Place Vendome/Paris, Piazza Navona/Rom, Pariser Platz/Berlin und wie sie alle heißen – werden jährlich von Millionen Touristen geradezu heimgesucht. Aber was ist heute noch dran, an den nostalgischen Orten, die nicht selten zu Inkunabeln der Baukunst erklärt werden?

Eine Ausstellung des Ulmer Stadthauses stellt unter dem Titel „Dream City“ eindrucksvoll unter Beweis, dass die Wahrheit anders aussieht. Schlaglichtartig zeichnet die Schau die Entwicklung des Raumes europäischer Städte nach. Im zwanzigsten Jahrhundert war die Stadt geradezu revolutionären Veränderungen ausgesetzt. Zuerst ließ man das Auto reinfahren und parken, dann verbannte man es wieder. Der Kommerz ließ von den Gebäuden oft nur – oder nicht einmal die Fassaden übrig. Die Anmutungen sogenannter gewachsener Stadtstrukturen kamen dabei reichlich zu kurz. So entstanden im 20. Jahrhundert, auf das die Schau den Schwerpunkt legt, nur wenige öffentliche Räume, die auf Menschen eine große Faszination ausüben. Bemerkenswert ist dies schon deshalb, weil die technischen, finanziellen und informativen Möglichkeiten ungleich größer waren als je zuvor.

Im Gegensatz zu den Funktionalisten wussten alte Baumeister und Städteplaner offensichtlich exakt um die Methoden, mit denen man beeindruckende Freiräume erzeugte. Schließlich sind es ja nicht nur die von Postkarten prangenden Paläste, antiken Monumente, Kirchen, Türme,

Freitreppen, Kolonnaden oder Brücken, die unsere Vorstellung von Stadt prägen. Es sind auch die Freiräume, ihre Dimensionen, die Nachbarbauten, Struktur, Relief und Material des Bodens sowie Bepflanzungen und das „Leben“, das den Charakter bestimmt. So entstehen unterschiedliche Vorstellungen, etwa eines ruhigen, belebten, monumentalen, intimen, vielleicht sogar melancholischen oder heiteren Platzes.

Als man sich all das wieder ins Gedächtnis zurückgerufen und publik gemacht hatte, entstand bald eine restaurative Bewegung. Sie erzwang – nicht selten gegen erbitterte Widerstände von Auto-Lobby und Einzelhandel – die bedeutsame Erneuerung alter Stadträume. Die Aktivitäten dort sind freilich touristisch, kommerziell und stehen in krassem Widerspruch zu den tristen Realitäten der Suburbs.

Das muss heutzutage (jedenfalls in Europa) jedoch nicht unbedingt zu großem Katzenjammer führen. Dank unserer Mobilität ist man der Monotonie schnell entfleucht, die pittoresken Innenstädte sind leicht erreichbar. Allerdings findet man dort keine vitale Altstadt im historischen Sinne mehr, eher eine Art Kulisse, die den ansprechenden Hintergrund für die unterschiedlichsten Erbauungen wie Shopping, Tourismus, Event oder Flanieren bildet. Die dort noch lebenden Menschen werden sozusagen zur Staffage.

Die Bilder intakter alter, historischer Innenstädte besitzen weltweit eine starke Suggestionskraft. Die Plätze von Rom und die Boulevards von Paris verbindet man nicht nur mit Urbanität. Sie symbolisieren auch hochstehende Kultur, Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung oder gar politische Stabilität. Sie werden mit positiven Emotionen, Sehnsüchten und Träumen besetzt und deshalb nicht zuletzt gerne bei der Ausstattung von Freizeittempeln und Einkaufsparadiesen zitiert. Auch ihr „Auftritt“ in Fernsehfilmen erfreut sich höchster Beliebtheit.

Die Ausstellung stellt nun mit einem einzigartigen Fotoessay (und im Katalog mit Textbeiträgen) die Frage, ob es sich bei „der europäischen Stadt“ nicht vielmehr um ein Trugbild handelt. Schließlich ist sie zu einer Art leeren Hülle geworden, austauschbar, nachbaubar, Disney-mäßig. Und die Realität in den wirklich großen Städten der Welt, etwa Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok, Shanghai sieht ganz anders aus. Man findet dort sprunghaft wachsende urbane Agglomerationen, die im besten Falle planvoll, ansonsten chaotisch explodieren.

Ausstellung „Dream City“

Stadtarchitektur: Europa contra Asien 

Ulm – Die Ausstellung “Architektur und Umwelt – Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“ ist noch bis 1. Juli im Stadthaus zu sehen.

Belebte Plätze und großzügige Boulevards mit prunkvollen Palästen und ehrwürdigen Kirchen: Auf Postkarten und Reiseführern millionenfach reproduziert, prägen diese Bilder die Vorstellung von Stadt. Nach den Zerstörungen durch den Krieg und Wiederaufbau scheinen sich diese Bilder in den Städten in den vergangenen Jahren tatsächlich wieder eingestellt zu haben.

Doch sind es letztlich nur wenige Orte, die diesem Ideal entsprechen. Spätestens am Rand der Innenstadt, geschweige denn in den Wohnsiedlungen am Stadtrand, ist von diesem Zauber nichts mehr zu spüren.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von der europäischen Stadt über amerikanische Metropolen bis hin zu den atemberaubenden Agglomerationen in Asien und macht dabei deutlich, was die europäische Stadt ausmacht und welches Potential die europäische Stadt für die Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts hat.

Ausstellung „Dream City“

Manchmal währt Albtraum nur kurz

ULM – Die Vergangenheit ist auch nicht mehr unbedingt das, was sie einmal war: statt golden kommt sie teerig daher. Das neuerlich asphaltierte Stück Münsterplatz ist freilich vergänglich, ein Exponat und externer Ableger dieser Schau im Stadthaus, der ihren Titel durchaus ins Ironische wendet: „Dream City“.

Asphalt mit Parkierungsstreifen statt Rosa Dante mit Aufenthaltsqualität. Zumindest dieser Albtraum in der City wäre vorbei, seit der Ulmer Hauptplatz vor zehn Jahren noch einmal neu erfunden worden ist – auferstanden als Platz des städtischen Lebens und damit den Kralen des Autos entrissen, die ihn zur monofunktionalen Allerweltsfläche degradiert hatten, auf dem sich schlecht träume ließ.

Es geht um innere Bilder 

„Dream City“ – Ausstellungsmacher Max Stemshorn versteht darunter in erster Linie einmal jene inneren Bilder einer Traumstadt, mit prächtigern Monumenten, Palästen, Kirchen, wie sie auf Postkarten und in Bildbänden millionenfach reproduziert sind, auf Hochglanz und ohne Autos als störendem Beiwerk.

Doch nicht nur, dass auch Stadtträume zumeist nur Schäume sind. In der schnöden Wirklichkeit sind die Stadtbetrachter oft weitaus weniger kritisch. Vom Blech verstellter, durch architektonische Grausamkeiten verunstalteter Stadtraum wird als selbstverständlich hingenommen. Oder wo wären, um zwei Ulmer Beispiele zu geben, die Rufe zur Rettung von West- oder Römerplatz, der allein durch sein Schild überhaupt noch als Platz wahrnehmbar ist.

In der Sensibilisierung für die offenen stadträumlichen Wunden liegt der pädagogische Impetus dieser sehenswerten Ausstellung, die im übrigen, ohne Zeigefinger auskommend, im Kern eine Kleine Geschichte des europäischen Städtebaus ausbreitet. Die Renaissance, der Absolutismus, die Industrialisierung, die Moderne – sie brachten jeweils spezifische städtebauliche Leitbilder hervor, die in enger Wechselwirkung zum gesellschaftlichen System und zum Stand der Technik standen. Der Stadtraum als eigenständiger Faktor, so Stemshorns kaum zu widerlegende Kernthese, sie dann mit dem Auftrieb der Modernen im Städtebau ab Mitte der 1920er Jahre verschwunden oder zur Restgröße geschrumpft, als die er vielfach noch heute ein Kümmerdasein fristet.

Die Aufmerksamkeit galt fortan allein den einzelnen Bauten, den Fassaden, aber nicht den öffentlichen Raum dazwischen. Dabei ist er es, der in einer Stadt maßgeblich zur subjektiven Aufenthaltsqualität beiträgt, noch nicht einmal die Architektur, wie sich an einem der berühmtesten europäischen Plätze, dem Campo in Siena, zeigt.

Stichwort Stadtreparatur 

Stadtreparatur und Stadtsanierung lauten die Stichworte, die in den 80er Jahren innerstädtisches Gegensteuern auslösen. Nicht nur auf den Postkarten ist die Plätze-Qualität inzwischen vielerorts wieder „in Ordnung“, das Blech ist weg, die inneren Bilder finden Stoffe für Träume. Freilich würde es nach wie vor niemandem auch nur im Traum einfallen, in die Vororte oder Neubaugebiete der Städte oder gar Vorstädte zu fahren in Erwartung von Erlebnissen dieser Art Dort, wo die meisten Menschen wohnen, ist es um den öffentlichen Raum weiterhin übel bestellt, ohne dass die Bedürfnisse danach verschwunden wären.

Die zeitgenössische „Dream City“ aber entstehen nicht mehr als Original, sondern als Fake in Gestalt der Riesenprojekte der Freizeitindustrie, der Einkaufszentren oder der Erlebnisparks, die den Albtraum symbolisch aufheben, realiter aber die automobile Gesellschaft auf den Gipfel treiben und ihn so immer weiter verstärken.

Bleibt als Trost, dass nicht immer alles nur schlechter wird, der Münsterplatz ist schon besser, der Teerfleck, die Reminiszenz an die ignorante Vergangenheit, lässt sich am Ende der Schau leichterdings wieder entfernen, wisch und weg. Und wem dieser symbolische Akt nicht genug an Genugtuung bedeutet, sei auf das Ulmer Hoffnungsobjekt Nummer eins verwiesen: Die einmal überbaute Neue Straße verspricht die Möglichkeit der Rückeroberung eines weitern Stücks ruinierten Stadtraums. Ganz real.

Die Stadt – ein Albtraum

In Ulm forscht die Ausstellung „Dream City“ nach dem Rezept der Urbanität für die Gestaltung öffentlicher Räume 

Metropolen sind mehr als ökonomische Funktionsräume, öffentliche Plätze mehr als Bebauungslücken, eine Ansammlung von Gebäuden ergibt noch keine Stadt. Angesichts des Verfalls der Stadt zum Ballungsraum ist der Leidensdruck groß, das Rezept für Urbanität herauszufinden. Die Ulmer Ausstellung „Dream City“ nahm sich des Themas an – und brachte nur Gemeinplätze zustande.

Zwar wird die Entwicklung der europäischen Stadt visuell klar aufbereitet: von der Siedlung an der Handelsstraße zur befestigten Bürgerstadt, vom absolutistischen Herrschaftsmodell zur modernen Metropole. Da wird die Gemütlichkeit mittelalterlicher Städte beschworen – und die Moderne als Hort des Bösen gezeichnet. In der Tat verkamen Le Corbusiers aberwitzige Entwürfe der Idealplan einer „Stadt der Gegenwart“ bei den Nachkriegs-Stadtplanern zum Albtraum der „autogerechten Stadt“. Dabei hatten Architekten, die schon in den 20ern Hochhausviertel im Grünen entwarfen, in erster Linie die Abschaffung des Mietskasernenelends zum Ziel.

Die Ulmer Schau kommt arg historismus-beseelt daher: Charles Moores Piazza d´ Italia in New Orleans aus den 70ern gilt als gelungenes Platz-Ensemble, obwohl der poppige Zitate-Mix längst als postmoderner Kulissenzauber verschrieen ist. Oder Paolo Portoghesis neuer Exerzierplatz in Pirmasens: eine Synthese aus Berninis Peterplatz-Kolonnaden und Michelangelos Oval auf dem Kapitol. Bei aller Hochachtung vor Portoghesi: Da entstand nur toter Retro-Chic, der von den Barock-Genies die Form, aber nicht den Geist übernahm.

Kurz und kritisch beleuchtet wird hingegen der amerikanische New Urbanism: Disneys World of Living. Dass die Zukunft der Stadträume nicht in einer recycelten Vergangenheit liegen kann, stellte der Stadtbautheoretiker Camillo Sitte schon 1889 fest. Aus einzelnen Monumenten lässt sic keine Stadt bauen. Doch wie man Dream-Cities zum Leben erweckt, darüber macht man sich in Ulm wenig Gedanken. Weder wertet die Schau aktuelle und geplante Großbauvorhaben in Berlin (etwa am Alexanderplatz), noch zeigt sie MVRDVs plakative Hochhaus-Visionen, die sich verästeln wie Bäume.

Stattdessen schickte man den Fotografen Claudio Hils in vier Mega-Cities: Los Angeles, Bangkok, Tokio und Sao Paulo. Seine Fotos fangen das Elend der Großstädte allerdings oft so pittoresk ein, dass die abschreckende Wirkung hinter der gestylten Bild-Ästhetik zurücktritt.

Den Weg nach Ulm kann man sich also sparen; der Katalog mit einer Reihe von differenzierten Aufsätzen lohnt trotzdem.

Ausstellungen

Tokios rote Nächte

In Tokio gibt es nicht nur Tausende Restaurants und Bars, sondern auch unzählige Automaten, damit sich die Menschen für ihren 14-Stunden-Arbeitstag oder ihre 2-Stunden-Heimfahrt in der U-Bahn mit Snacks versorgen können. Überhaupt ist der Großraum einer Stadt mit 25 Millionen Einwohnern darauf angewiesen, dass von allem besonders viel vorhanden ist und das rund um die Uhr: ob Wasser zum Duschen oder Flugverbindungen. Metropolen in der Größe der japanischen Hauptstadt, so prophezeien Experten, wird es in Zukunft immer mehr geben – ohne deren ausgeklügelte Infrastruktur. Gerade in Afrika oder Südamerika werden Städte weiterhin explosionsartig wachsen, obwohl die Lebens- und Wohnbedingungen schon heute katastrophal sind. Aber auch das reiche Las Vegas, das sich mitten in der Wüste einen Nachbau von Venedig mit eigenen Wasserstraßen leistet, kann nicht als Idealstadt der Zukunft gelten. In der Ausstellung „Dream City“ im Stadthaus Ulm werden nun die Möglichkeiten und Grenzen der Stadtplanung untersucht. Der Fotograf Claudio Hils wurde beauftragt, die bizarren Ecken der heutigen Mega-Städte Bangkok, Tokio, Los Angeles, Las Vegas und Sao Paulo zu dokumentieren: Freiluftaltäre zwischen Bangkoks Hochhäusern, riesige Springbrunnen in Las Vegas, neonrote Nächte in Tokio und Dächer in Sao Paulo, die als Müllhalden benutzt werden.

Vom mittelalterlichen Stadtbild über visionäre, expressionistische Entwürfe bis hin zur postmodernen Fassadengestaltung schlägt die Ausstellung „Dream City“ einen Bogen, die als internationale Dokumentation zur Zukunft der Stadträume die Projektreihe „Architektur und Umwelt“ im Stadthaus beschließt. Die Schlaglichter der großzügig gestalteten Schautafeln, Modelle und Fotografien vermitteln dem Besucher keine Geheimrezepte, aber imposantes

Anschauungsmaterial. Darunter verblüfft Hans Scharouns Entwurf zur Neugestaltung des Münsterplatzes von 1924 schon zur Hälfte mit den bekannten Meierbau-Rundungen. Beeindruckt auch Claudio Hils Fotografie mit metropolischen Schnappschüssen aus der ganzen Welt.

Stadthaus-Ausstellung

„Dream City“ leistet Rück- und Ausblicke

Ulm – Über Architektur und Städtebau grundlegend nachgedacht wird jetzt in Form der von Max Stemshorn im Stadthaus eingerichteten faszinierenden Ausstellung „Dream City“. Am Sonntag um 11.30 Uhr wird sie eröffnet, sie läuft bis zum 1. Juli.

Der Ort Stadthaus selbst wird in einer Art Ulmer Selbstironie in die Gedankenspiele einbezogen, indem vorm Haus und sogar auf Terrassen Parkplätze auf Asphalt angedeutet werden: eben wie´s früher einmal war! Ernsthaft thematisiert wird in der Schau selbst die Entwicklung der Stadträume vom Mittelalter bis heute. Jenseits der Bestandsaufnahme steht dann die Frage: Wie mag das europäische Stadtbild in Zukunft aussehen? Mit einem Blick auf fünf überseeische Mega-Metropolen, der in interessanten, kompetent angelegten Foto-Reportagen aus Las Vegas, Bangkok, Tokio, Los Angeles und Sao Paulo von Claudio Hils besteht, sollen Visionen möglicher Entwicklungen angerissen werden.

Prunkvolle Paläste, ehrwürdige Kirchen, antike Monumente. Auf Postkarten und in Reiseführern millionenfach reproduziert, prägen diese Bilder unsere Vorstellung von Stadt. Doch sind es nicht nur die Bauten selbst, ihr Alter oder kunsthistorischer Rang, die uns in ihren Bann ziehen. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Wahrnehmung dieser Baudenkmäler haben die Freiräume im Umfeld dieser touristischen Highlights. Ihren spezifischen Charakter erhalten diese Räume durch Proportion, Lage, Materialien, die Fassaden der sie umgebenden Bauten und nicht zuletzt durch die sich hier aufhaltenden Menschen und den Verkehr. So erleben wir Platzräume ganz unterschiedlich als belebt oder ruhig, monumental oder intim, melancholisch oder heiter.

Dream City zeichnet die Entwicklung des öffentlichen Raums europäischer Städte schlaglichtartig nach. Im Vordergrund stehen dabei die geradezu revolutionären Veränderungen, denen die Straßen und Plätze europäischer Städte im 20. Jahrhundert unterworfen waren. Doch beschränkt sich Dream City nicht auf einen Blick auf Europa. Die derzeitige städtische Entwicklung kann in einer globalen Welt, in der unterschiedlichste Leitbilder und Ideale über die Medien gleichzeitig und über verfügbar sind, gar nicht mehr isoliert gesehen werden. Und gerade angesichts der chaotisch wachsenden städtischen Agglomerationen in Asien, Südamerika und der dritten Welt stellt sich die Frage, ob das Festhalten am Bild der traditionellen europäischen Stadt nicht längst ein irrealer Traum ist. Dieser Gedanke drängt sich nicht zuletzt in den beeindruckenden Fotos von Sao Paulo, Bangkok, Tokio und Los Angeles auf, die der bekannte deutsche Fotograf Claudio Hils für die Ulmer Ausstellung aufnahm.


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