ECB Award

Wie leben wir die unterschiedlichen Kulturen? Wie werden sie im Miteinander wahrgenommen? Wie können im vereinten Europa Identitäten gewahrt und dennoch gemeinsame Strukturen gelebt und kommuniziert werden?

Den Medien kommt in diesem Prozeß eine besondere Bedeutung zu. Sie agieren gewissermaßen auf zwei Ebenen. Überall wo Menschen leben, agieren sie in Zeichen, in Zeichensystemen, in ganz konkretem Handeln. Es ist der Lebensalltag.
Überlagert wird dieser Alltag von den „globalen“ Medien: Zeitungen, Illustrierten, Radio, Fernsehen, Internet etc. im Lande und über die Grenzen einzelner Länder hinaus. Mehr als die Sprache sind es die Bilder, wesentlich technisch erzeugte und übertragene Bilder.

Die Fotografie ist als zeitgenössisches Medium beinahe wie eine Sprache zu handhaben. Bilder jedoch werden anders als die vielen gesprochenen Sprachen ohne Sprachbarrieren verstanden. Dennoch liegen auch Bildern spezifische kulturelle Sehweisen zugrunde. Auch der Gebrauch der Bilder ist unterschiedlich sowie ihre Beziehung zur Wirklichkeit.
Fotografische Bilder dokumentieren und schaffen mediale Wirklichkeit unter ästhetischen Bedingungen, die durch kulturelle Mentalitäten höchst differenziert vorgetragen werden.
Die Geschichte der Fotografie hat viele Beispiele gesellschaftlich engagierter Fotografen zu bieten, deren Bilder nicht nur politische Folgen hatten, sondern auch stilprägend für die visuell orientierten Medien wurden. Der Amerikaner Lewis H. Hine dokumentierte die Kinderarbeit in Amerika (die Folgen: Schutz der Kinder) und im Auftrag des Roten Kreuzes die Lebensverhältnisse der Armen in osteuropäischen Ländern nach dem ersten Weltkrieg. Oder das wohl größte Projekt: die fotografische Dokumentation der prekären wirtschaftlichen Lage der Landbevölkerung im Süden der USA durch die Farm Security Administration (FSA) in den dreißiger Jahren, an der die berühmtesten Fotografen der damaligen Zeit beteiligt waren. Aus anderem Anlaß fotografierten der Franzose Henri Cartier-Bresson und der Schweizer Robert Frank in sehr unterschiedlicher Art in den Vereinigten Staaten. Die publizierten Bücher wurden „Spiegel“ für die Amerikaner und visuelle Interpretation eines damals noch weit entfernten Landes für die Europäer. Der Schweizer René Burri hat in den fünfziger Jahren in Deutschland fotografiert. Sein Buch über die Deutschen ist inzwischen ein historisches Dokument „typisch“ deutscher Verhaltensweisen in einer Zeit der Suche nach neuen Formen der Identität.
Derartige Projekte könnten durchaus Vorbildcharakter haben Die Fotografie ist das Medium eines von der Europäischen Zentralbank geförderten Projekts zum kulturellen Austausch.
Der „ECB Annual Photography Award“ wird jährlich ausgeschrieben
und wendet sich an alle Generationen von FotografInnen. Wie sehen Fotografinnen und Fotografen ihre eigene Kultur oder die Kulturen der anderen? Unter dieser Fragestellung können sich die Fotografen ihre Konzepte und Themen selbst formulieren.
Ein solches Projekt setzt auf Qualität, geht von einem anspruchsvollen Niveau aus, wie es heute durch die künstlerische
Fotografie vorgegeben wird. Diese Form der Fotografie experimentiert mit Ausdrucksformen, sucht nach neuen Sehweisen einer zeitgemäßen visuellen Kommunikation.

Im Unterschied zur Pressefotografie, die dem Tagesgeschehen folgt und durch Auftraggeber fixiert ist, sollte das Projekt durch „freie“ Beobachtung und einen „subjektiven“ Blick geprägt sein. Aus der thematischen Dichte heraus sollten Bilder entstehen, die vor allem den flüchtigen Fernsehbilder eine Bildkultur entgegensetzen.
Die Kriterien für künstlerische Fotografie ergeben sich aus Aspekten, die nicht nur durch die europäische Kunsttradition geprägt sind, sondern gerade auch durch unterschiedliche zeitgenössische Formen ästhetischer Muster und durch spezifische, der jeweiligen Zeit entsprechend relevante Themen. Diese Unterschiede machen die Dimensionen eines solchen Projekts aus.
Darüber hinaus ist das Dokumentarische, Reportagehafte oder Narrative Bestandteil der Fotografie. Dem schnellen Wandel vielfältiger Erfahrungen verschiedener Generationen und Völker in Europa könnte in den Fotografien ein visuelles Gedächtnis geschaffen werden. Was zeitgenössisch als Spiegel fungiert, wird mit der Zeit zu einem historischen Dokument.
Schon nach kurzer Laufzeit des Projekts entsteht ein Fundus zeitgenössischer Kunst, Grundstein für eine Kunstsammlung der Europäischen Zentralbank.

 

Prof. Claudio Hils
Kurator des ECB Annual Photography Award und
Prof. Manfred Schmalriede


1. Preis: Nicu Ilfoveanu / „Steampunk Autochrome“

Nicu Ilfoveanu nützt eine spezielle Kameratechnik, um Bilder als „Veduten der Gegenwart“ zu erzeugen. Landschaftsausschnitte und Industrieanlagen werden in fotografischen Kompositionen von Farbe und Licht wie atmosphärisch aufgeladene Malerei präsentiert. Das Aufnahmeverfahren erzeugt gleichzeitig jedoch auch einen irritierenden Eindruck. Statt ästhetischen Entrückungen und zeitlichen Entkoppelungen werden landschaftliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse auf einer Metaebene reflektiert. Zunehmend wandelt sich der erste Bildeindruck: Der melancholische Charakter kippt in ein scharfes Bild der Gegenwart, in der die eigentliche Realität gerade durch die Ausklammerung spürbar wird. Das in den Fotografien Nicu Ilfoveanus erlaubte Maß ästhetischer Schönheit verklärt sich in ihr Gegenteil und entlarvt die Sehnsucht nach inneren Bildern ihres utopischen Charakters.

2. Preis: Iosif Kiraly / „RECONSTRUCTIONS“

Iosif Kiraly nützt die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung, um unterschiedliche Aufnahmen an konkreten Orten zu neuen Bildgefügen zusammenzusetzen. Jedes Bild erweist sich dadurch als Konstruktion von Details, die der Künstler zwar alle an einem Ort tatsächlich fotografierte, jedoch in dieser speziellen Konstellation eigens kombiniert. So entstehen Kompositionen, in denen sich mehrere Zeitebenen überlagern. Unterschiedliche Realitäten werden durch das künstlerische Verfahren in einer simultanen Konstellation zusammengeführt. Als Bildkonstruktionen werden gesellschaftliche und politische Zustände durch den Künstler dekonstruiert. Seine Aufnahmen von öffentlichen Plätzen, seine Auseinandersetzung mit Architekturruinen und seine Dokumentation von theatralischen Aufführungen fragmentieren nationale Symbole und gesellschaftliche Zustände und fördern zudem Nachdenprozesse über Erinnerung und deren Konstruktion.

3. Preis: Dragos Lumpan / „The last transhumance“

Knapp eineinhalb Jahre fotografierte Dragos Lumpan eine Hirtenfamilien, deren Schafe sich in den dabei entstandenen Aufnahmen von nahezu archaischer bzw. symbolischer Wirkung erweisen. Nach wie vor gehören Schafherden zu einer nicht nur in Rumänien existierenden ökonomischen Realität, die trotz ihrer langen Geschichte und vielfältigen kulturellen Einbettung nahezu exotisch erscheint. Dragos Lumpan lässt den Mythos neuerlich aufleben. Er zeigt die Herde als Maße und schildert die Lebensweise der Hirten. Allerdings setzt der Künstler sehr subtile Schnitte, die jede romantische Verklärung in ihr Gegenteil verkehren: Lichter der nahen Großstadt, das Leuchten des eigenschalteten Radios und der als Unterkunft dienende Wohnwagen erzeugen Bruchlinien, die sich messerscharf durch das gesellschaftliche Leben ziehen. Damit werden die Bilder auch zu Metaphern einer tiegreifenden Umwälzung der rumänischen Bevölkerung.

1. Preis: Lucia Nimcova „Unofficial“

Lucia Nimcova‘s fotografische Serie „Unofficial“ ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit einer Bild- und Alltagsästhetik in einem ehemals kommunistischen Lebensumfeld. Dabei werden ausgewählte Bilder re-inszeniert. Zwischenzeitlich gealterte Menschen schlüpfen noch einmal in Bildsituationen, die eine bestimmte Alltagsästhetik und Politik der visuellen Kultur transportieren. Durch den Grad der Inszenierung schafft die gesamte Serie eine repräsentationskritische Distanz, die historischen Bildern ohne Zynismus begegnet. Stattdessen werden Bilder eines kollektiven Gedächtnisses auf ihre spezifische Erinnerungsqualität für eine jüngere Generation hin überprüft.

2. Preis: Wytske van Keulen „Andzelika“

Die Serie „Andzelika“ handelt von einer jungen Polin. Seit letztem Jahr können polnische Angestellte in den Niederlanden ohne Einschränkungen arbeiten. Andzelika‘s Eltern, sowie viele Polen, werden diese Möglichkeit ergreifen. Sie sind kurz davor sich endgültig in einem neuen Land niederzulassen. Die siebzehnjährige Andzelika muss eine Entscheidung treffen. Wird sie Ihren Eltern folgen oder in Ihrem Heimatland bleiben? So erzählen die Bilder nunmehr von beiden Orten. Sie zeigen Andzelika, ihre Familie, ihr gemeinsames Leben. Sie vermitteln einen Eindruck von einer Situation, die sich zwischen zwei Systemen in einem gemeinsamen Europa gleichzeitig als Chance, Realität und Zerissenheit erweist.

3. Preis: Raphael Dallaporta „Domestic Slavery“

“Domestic Slavery“ ist ein fotografisches Projekt, das Formen moderner Sklaverei in Europa nachspürt. Es geht dabei um konkrete Schicksale von Menschen und tatsächliche Orte des jeweiligen Verbrechens. Durch die Kombination von Texten und Bildern entstehen Berichte, die hinter einer Fassade der Normalität Tatorte offenbaren und das konkrete Schicksal von Menschen dokumentieren.

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1. Preis: Gerlinde Miesenböck „Land_Sterben“

Gerlinde Miesenböck reagiert fotografisch auf eine Form der ländlichen Kultur in Österreich.
Indem sie selbst in den Fotografien auftaucht, koppelt sie eine Befragung von Tradition und Stereotypen der ländlichen Kultur mit einer Selbstreflexion, die insgesamt eine poetische Stimmung stiftet.
Fotografisches, Filmisches und Narratives verschmelzen in einer elegischen Geschichte des Verlusts von Heimat und einer bäuerlichen Vergangenheit, die jenseits einer übertriebenen Romanisierung und eines Gefühls der Betroffenheit Orte in einen Zustand zwischen Bild und Wirklichkeit entrückt.

2. Preis: Tatjana Lecomte „Fallschirmspringerwand“

Die Fotografien sind Teil eines laufenden Projektes, bei dem die Künstlerin Landschaft im Umfeld von Konzentrationslagern untersucht. Die „Fallschirmspringerwand“ befindet sich im Steinbruch von Mauthausen in Oberösterreich.
Sie erhielt Ihren Namen, der auf die Praxis verweist, Menschen diese Felswand herabzustoßen, von SS-Männern. Die Fotografien zeigen die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche und sind dann selbst noch einmal auf den Kopf gestellt. Vor allem durch diese Umkehrung erscheinen die Fotografien Lecontes als sensible Hinterfragung eines Österreichischen Geschichtsbildes.
Ohne Geschichte sind ihre Fotografien nicht auflösbar. Es geht somit um die Geschichte hinter dem Bild. Sie vermitteln die „liebliche“ Landschaft als Ort der Gewalt.

3. Preis: Paul Kranzler „Landjugend/Thomas R.“

Über einen längeren Zeitraum fotografierte Paul Kanzler einen jungen Mann. Das Porträt erlaubt das Eintauchen in ein Milieu, das den konkreten sozialen Raum eines Jugendlichen in einer ländlichen Situation vorführt.
Wiederholt wurden Aufnahmen des Mannes von Paul Kanzler mit Details aus dem unmittelbaren Lebensumfeld des Protagonisten gekoppelt. Die Bilder verraten eine intensive Auseinandersetzung des Fotografen mit seinem Modell.
Durch Details und Posen stellt Kanzler Fragen nach dem Verhältnis von Dokumentation und Inszenierung. Die soziale Analyse erhält dadurch eine Wirkung, die den zweiten Blick auf einen Menschen und sein Umfeld fordert.

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romania

ECB Annual Photography Award: Romania

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 978-92-899-0609-8


europe

ECB Annual Photography Award: Europe

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 978-92-899-0296-0

Deutscher Fotobuchpreis – Auswahltitel 2008


greece

ECB Annual Photography Award: Greece today

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 978-92-899-0203-8


austria

ECB Annual Photography Award: Austria today

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 92-9181-922-1


hungary

ECB Annual Photography Award: Hungary Today

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 92-9181-855-0


poland

ECB Annual Photography Award: Poland – my country

(European Central Bank, Frankfurt am Main)
ISBN 92-9181-718-X


National Museum of Contemporary Art, Bukarest, RO, 2010

„Romania“

Europäische Zentralbank, Frankfurt, D, 2010

„Europe“ | Deutscher Fotobuchpreis – Auswahltitel 2008

Stuttgarter Buchwochen, Haus der Wirtschaft, Stuttgart, D
, 2008
Regierungspräsidium Karlsruhe, D, 2008

Internationale Bodenseemesse, Friedrichshafen, D, 2009

Frankfurter Buchmesse, Frankfurt, D, 2009

Photokina, Köln, D, 2008

Galerie Westlicht, Schauplatz für Fotografie, Wien, A, 2007

„Austria Today“

Fotoforum International, Frankfurt, D, 2006