Greser & Lenz – „Das ist ja wohl ein Witz!“

Ein Wirtshaustresen mit einer Bierzapfanlage, eine eifrig spülende Wirtin und ein versonnen dreinblickender älterer Gast mit einer Sprechblase über dem Kopf – mehr brauchen die beiden Karikaturisten Achim Greser (geb. 1961) und Heribert Lenz (geb. 1958), bekannt als Greser & Lenz, nicht für ihre Kunst, die Dinge auf den Punkt zu bringen. „Man sollte alles verbieten!“ steht in der Sprechblase geschrieben und verdeutlicht, was diejenigen denken, die sich von der Gesellschaft, der Politik oder dem Leben selbst übervorteilt vorkommen.

Seit 1996 zeichnet das eingespielte Team nach dem Motto „Jeder Krieg hat seine Opfer, das gleiche gilt für den guten Witz“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), von 2004 bis 2013 für den Stern und seit 2013 auch für den Focus. Mit ihrer Arbeit haben sich Greser & Lenz in den letzten zwei Jahrzehnten einen Namen gemacht und wurden dafür 2004 mit dem „Geflügelten Bleistift“ in Gold des Deutschen Karikaturenpreises geehrt.

Aus dem mittlerweile auf mehrere Tausend Originalzeichnungen angewachsenen Archiv wurden ca. 200 Karikaturen ausgewählt. Zeitschriften, Filme und Fotografien runden die Ausstellung ab und bieten einen Einblick in die Arbeitsweise des Duos Greser & Lenz, die von ihrer Heimatstadt Aschaffenburg aus die Republik und ihre politische Landschaft ins Visier nehmen. Die Ausstellung wird neben den Themenfeldern Sport, Politik, Zeitgeschehen und Religion auch die Technik zu Wort kommen lassen.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit ca. 150 Farbabbildungen und einem Aufsatz von Andreas Platthaus, Comic-Experte und stv. Feuilleton-Chef der F.A.Z.,
Wunderhorn Verlag 2014

www.greser-lenz.de


greserlenz_katalog

Greser und Lenz – Das ist ja wohl ein Witz!

(Wunderhorn Verlag, Heidelberg)
ISBN 978-3-88423-468-6

Neues Schloss Meersburg, DE, 02.09.2016 - 15.01.2017

Eröffnung
2. September 2016
Neues Schloss Meersburg

Matinee
16.Oktober 2016, 11:00 Uhr
Anstaltsgespräch: Urban Priol im Gespräch mit Greser und Lenz

Historisches Museum Hanau, D, 15.03.2015 - 31.05.2015

weitere Informationen:
Historisches Museum Hanau

Zeppelin Museum, Friedrichshafen, D, 07.02.-27.04.2014

Ausstellungseröffnung am Donnerstag, den 6. Februar 2014 um 19.00 Uhr im Zeppelin Museum.

Einladung zur Ausstellungseröffnung (PDF)

„Das ist ja wohl ein Witz“, die Ausstellung mit Karikaturen von Achim Greser und Heribert Lenz ist bis 15. Januar in Meersburg zu sehen. Schon vergangenes Jahr lockte die von dem Mengener Kommunikationsdesigner Claudio Hils kuratierte Schau das Publikum ins Friedrichshafener Zeppelinmuseum.

Schon wenn man das Neue Schloss Meersburg betritt, ist klar: Hier gibt’s was zu lachen. Der erste Stock ist den Zeichnungen des Karikaturisten-Duos Achim Greser und Heribert Lenz gewidmet. 200 von geschätzt 20000 werden hier im edlen Rokoko-Ambiente präsentiert, geordnet nach Themen wie „Politik“, „Kultur“, „Wirtschaft“ oder „Medien und „Gesellschaft“. Wie in der Zeitung, für die die beiden seit vielen Jahren arbeiten, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Auf dem Flur, vor den Sälen, wird an die Anfänge der Zeichner erinnert. Die Aschaffenburger starteten ihre Karriere beim Satiremagazin „Titanic“. Zusammen mit Hans Zippert und Christian Schmidt hatten sie die Comicfigur Genschman erfunden und später mit Ziege Scharping und Ossi-Bär Thierse die Politik durch den Kakao gezogen. Umstritten waren damals die RAF-Cartoons. Darf man das, Gudrun Ensslin als kleinkarierte Hausfrau und Andreas Baader als unverschämten Macho darstellen? Klar. Wir haben gelacht. Wegen der Serie „Hitler privat“, bei der der Diktator als verklemmter Kleinbürger lächerlich gemacht wird, wurde Achim Greser kritisiert. Aber das ist alles lang vorbei.

Die Bundesrepublik hat sich schon sehr verändert in den letzten 40 Jahren. In mancherlei Häutungen wurde aus einem Anwalt der RAF ein strammer Law-and-Order-Innenminister oder aus einem linken Journalisten der Chefredakteur der „Welt“. Und eben aus zwei frechen „Titanic“-Zeichnern das karikaturistische Aushängeschild einer großen konservativen Zeitung. Man kann sich schon vorstellen, dass es hin und wieder in der Redaktion heftige Diskussionen gibt, wenn Greser & Lenz die Grenzen der political correctness bewusst überschreiten. Der türkische Ministerpräsident, der nun wirklich gar keinen Spaß versteht, konnte gar nicht lachen über einen Kettenhund namens Erdogan, der auf Üzrüms Hütte „Alpenglück“ die Zähne fletscht. Weil die Karikatur in einem baden-württembergischen Schulbuch abgebildet ist, wurde der deutsche Botschafter in Ankara einbestellt.

Der Schäferhund im Beichtstuhl
Auch religiöse Gefühle berücksichtigen Greser und Lenz auf ihre Weise. Um die Absurdität des Limburger Bischofsbaus zu karikieren, bekommt der Palast noch ein Weihwasseraufbereitungsbecken und einen direkten Zugang zur Hölle. Doch das ist noch nicht die drastischste Karikatur. Ohne Rücksicht auf Verluste gehen die beiden vor. Nicht immer zur Freude der FAZ-Abonnenten. Dann tobt der Kampf der Witzeverteidiger und Witzekritiker in den Leserbriefspalten.

Die Zeitung, die ja nicht gerade als bildlastig verschrien ist, illustriert abstrakte Themen aus Recht und Gesellschaft gern mit den liebevoll gemalten Tiermotiven aus dem Hause Greser und Lenz. Auch in Meersburg sind einige besonders gelungene zu finden. Zum Beispiel der Gorilla, der sich scheckig lacht über ein Schweinchen, dem ein Hackebeil im Kopf steckt. Oder, hinreißend: Ein Schäferhund sitzt im Beichtstuhl, davor: ein totgebissener Hase.

http://www.schwaebische.de/panorama/kultur_artikel,-Immer-schoen-unkorrekt-Karikaturen-von-Greser-Lenz-im-Neuen-Schloss-Meersburg-_arid,10524084.html

Das Neue Schloss zeigt eine Karikaturen-Sonderausstellung mit Werken von Achim Greser und Heribert. Lenz Andreas Platthaus hält fulminante Laudatio.

Ein Laudator, der die Besucher mit „Auf Wiedersehen“ begrüßt, eine Schlossverwalterin, die Meersburg zur „Metropole des subtilen Witzes“ erhebt, eine schwäbische Monochordistin, die in Baden dem Neckar musikalisch Reverenz erweist: „Das ist ja wohl ein Witz!“ Nein, so lautet zwar der Titel der Sonderausstellung mit Arbeiten der berühmten Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz – bekannt etwa aus Titanic, FAZ, Stern oder Focus –, doch für die Vernissage gilt vielmehr: „Die hat ja wohl viel Witz.“
Greser und Lenz sind anwesend, sagen selbst aber nichts. Wozu auch: Weit über 100 Original-Karikaturen und „Illustrationen aus dem Tierreich“ sowie weitere Materialien, etwa Originale des Satiremagazins Titanic, sprechen für sich. Zusätzlich gibt es einen Film über die beiden und ihre Arbeit im Aschaffenburger Atelier zu sehen.
Das Wort führen andere, so Schlossverwalterin Birgit Rückert mit einer launigen Begrüßung, inklusive humorvoller Kurzgeschichte des Schlosses, an deren Ende sie ihre Pumps auszieht, denn: „Nichts ist kläglicher als Humor in zu engen Schuhen.“ Auch Bürgermeister Martin Brütsch gibt sich locker und rächt sich etwa an Rückerts ironischen Seitenhieben auf die Stadt mit dem Hinweis, dass die Besucher nur deshalb so schwitzen müssten, weil das Land, seit es die Schlossverwaltung von der Stadt übernahm, sich die Kosten für die Klimaanalage spare.
Doch das folgende fulminante Wortgewitter von Andreas Platthaus, Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, lässt die Schwüle vergessen. Ja, löst er seine Abschiedsformel zu Beginn seiner Laudatio auf, es sei ein Wiedersehen „mit Ihrer herrlichen Weltgegend“, denn bereits 31 Monate zuvor hielt er in Friedrichshafen die Laudatio auf eine Greser-und-Lenz-Ausstellung. Wenn es in dem Tempo weitergehe, dann erreiche ihr Werk in 279 Monaten Stuttgart und in 1072 Jahren Pjöngjang. Dann hätten die Nordkoreaner endlich auch mal etwas zu lachen.
Ihre jeweiligen Kim-Machthaber gehören zu den Lieblings-Subjekten von Greser und Lenz, denen Platthaus eine „Abschlussschwäche“ bescheinigt, da sie am Satzende habituell auf den Punkt verzichteten. Stattdessen entließen sie den Betrachter aus ihren Zeichnungen „mit der Offenheit einer Phrase“, die laut Platthaus „vor allem Raum für das immergleiche Weitergerede all der von ihnen gezeichneten Schwätzer gewährt: diesen Taliban und Bildungspolitikern und Spritzensportlern und Kneipengästen, die nirgendwo gnadenlosere Dokumentaristen gefunden haben als eben Greser und Lenz“. In ihren Witzzeichnungen höre man die „Vox populi und den Fachjargon, die Floskel und den Stuss.“
Viele ihre Witze, wie der, dass die Annexion der Krim ungültig sei, da Putin gedopt war, mögen absurd erscheinen. Platthaus: „Wir lachen ja, weil das, was wir sehen, undenkbar ist. Greser und Lenz aber haben es doch gedacht und auch noch gezeichnet, also ist plötzlich mit diesem Witz nicht nur ein wenig Wahn sondern auch Wahrheit in der Welt.“ Die aber nicht jeder verträgt: Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ sei man in Deutschland um niemanden so besorgt gewesen „wie um unser Duo.“ Jedoch, so Platthaus, „der schrecklichste der Schrecken, das ist des Menschen Unverstand.“ Und das gelte nicht nur für Fanatiker, sondern auch für „brave deutsche Politiker, Polizisten und Populisten, die nicht mehr Souveränität im Umgang mit Karikaturen beweisen als Erstere.“ Das liege an der deutschen Vergangenheit, zu der die „Scheu der Umstürzung des Etablierten“ zähle. Zu einer Zeit, als das Wort „Karikatur“ längst in französischen und englischen Lexika verzeichnet war, fand es keine Aufnahme ins Grimmsche Wörterbuch. Platthaus‘ Fazit: „Wir sind auch karikaturistisch eine verspätete Nation.“ Karikatur sei heute ein Kampfbegriff, nicht nur für die Feinde der offenen Gesellschaft sondern auch für einige ihrer angeblichen Verteidiger. „Man könnte auch sagen: Deren Vorstellung von Karikatur ist eine Karikatur.“
Letzteres kann man von der Vorstellung der Komponistin und Musikerin Susanne Hinkelbein nicht behaupten, so schräg sie auch auf manch einen wirken mag, der andere Klänge gewohnt ist. Hinkelbein spielt auf einem Monochord, dessen Saiten alle auf einen Ton gestimmt sind, auf dem man mittels beweglicher Stege aber dennoch unterschiedliche Töne spielen kann, was Hinkelbein mit viel Witz vorführt.

http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/meersburg/Neues-Schloss-Meersburg-praesentiert-Vernissage-mit-sehr-viel-Witz;art372486,8886791

Das Neue Schloss Meersburg zeigt vom Samstag, 3. September, bis zum 15. Januar 2017 die Sonderausstellung „Greser & Lenz – Das ist ja wohl ein Witz!“. Die beiden Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz zeichneten Karikaturen für verschiedene Zeitungen und Magazine wie die Titanic, FAZ, Stern oder Focus.

Aus dem mittlerweile auf mehrere Tausend Originalzeichnungen angewachsenen Archiv wurden für die Meersburger Sonderausstellung über 200 handverlesene Karikaturen ausgewählt. Zeitschriften, Filme und Fotografien runden die Ausstellung ab und bieten einen Einblick in die Arbeitsweise des Duos, das von seiner Heimatstadt Aschaffenburg aus die Republik und ihre politische Landschaft ins Visier nehmen.
Achim Greser und Heribert Lenz kennen sich bereits seit Studienzeiten. Ihre Karriere begann bei der berühmt-berüchtigten Titanic. Seit 1996 zeichnet das Karikaturistenduo unter der Devise: „Jeder Krieg hat seine Opfer, das gleiche gilt für den guten Witz“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich Greser und Lenz einen Namen gemacht und wurden 2004 für ihre Arbeit mit dem deutschen Karikaturenpreis „Geflügelter Bleistift“ in Gold ausgezeichnet.
Die Ausstellung zeigt die Themenfelder Privates, Medien, Sport, Politik, Wirtschaft, Kultur, Zeitgeschehen, Religion, Technik sowie eine seit 2008 zweiwöchentlich auf der FAZ-Seite „Staat und Recht“ erscheinende Serie mit Illustrationen aus dem Tierreich.

Mit ihrer Arbeit haben sich Greser & Lenz in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Namen gemacht, wurden dafür 2004 mit dem „Geflügelten Bleistift“ in Gold des Deutschen Karikaturenpreises und 2015 mit dem Ludwig Emil Grimm-Preis der Stadt Hanau geehrt, heißt es in der Vorschau auf die Ausstellung.

Der Wunderhorn Verlag gibt einen 252 Seiten umfassenden Katalog zu „Greser & Lenz – Das ist ja wohl ein Witz!“ heraus. Den Auftakt der Ausstellung bildet eine öffentliche Vernissage am 2. September um 17 Uhr. Begleitend zur Ausstellung gibt es am 16. Oktober ein „Anstaltsgespräch“ zwischen Urban Priol und Greser & Lenz.

http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Titanic-Karikaturisten-praesentieren-Arbeiten-_arid,10516227_toid,483.html

Also rein ins Zeppelin-Museum in Friedrichshafen, zur dreimal täglich angekündigten Fütterung der Wärter! Es muss gleich losgehen, einer der älteren Herren im blauen Dienstanzug linst schon auf die Uhr. Aber er tritt dann doch nicht an zur öffentlichen Nahrungsaufnahme, er verharrt in seiner missmutigen Erwartungspose, in die er von den Herren Greser & Lenz hineingezeichnet wurde. Die Szene aus dem Museum, in der das Absurde bürokratisch-alltägliche Form annimmt, findet sich auf einem von knapp zweihundert Blättern der Ausstellung „Das ist ja wohl ein Witz!“, an deren Eingang die beiden Karikaturisten per Großfotos verkniffen-ernst auf den Besucher herabschauen. So, als wollten sie sagen: Wer hier hineingeht, ist selber schuld! Da drinnen aber, in diesen weißen und nach Themen wie „Wissenschaft“, „Technik“, „Politik“ oder „Kultur“ sortierten Räumen, ist nun immer wieder Gekicher zu hören, etwa bei der Betrachtung einer Kaffeehauszeichnung mit zwei älterenDamen, die eine backenrund von Schwarzwälder Kirsch, die andere sich beklagend, dass der „Emma“ nicht mal zum zwanzigjährigen Jubiläum ein Schnittmusterbogen beiliegt. Ab und zu lösen diese Cartoons herzhaft-lautes Lachen aus.Wer will denn auch sein Zwerchfell unter Kontrolle halten, wenn ein Vater in der Kneipe seinen bildungshungrigen Sohn mahnt: „Lesen? Das geht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig.“

Achim Greser und Heribert Lenz, beide Mitte fünfzig, haben sich während des Grafikstudiums kennengelernt, in den achtziger Jahren bei der Satirezeitschrift „Titanic“ ernsthaft mit der Humorproduktion begonnen und sind dann 1996 zur FAZ gewechselt, wo ihre Karikaturen bei Lesern und Redaktion mitunter zu heftigen Diskussionen führen. Die beiden Künstler, die sich auf einen Stil geeinigt haben, greifen aktuelle Themen auf, und sie führen auch Politiker vor.
Im legendären „Titanic“ Titel vom April 1992 etwa steht unter einem stechäugigen Kanzlerporträt „Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt“. Und in einer neueren Arbeit für die FAZ ist Frau Merkel zu einem Waffendeal mit einem Klingonen bereit: „Wenn’s dem Export und dem Arbeitsmarkt dient!“
Der größere Teil der Zeichnungen aber führt die politischen Debatten an alltäglichen Orten auf, im Büro, zu Hause, und vor allem in Kneipen. Das Ernste, das Große, das Pathetische wird so dem Banalen ausgesetzt – etwa in der Serie „Der Führer privat“ – und lächerlich gemacht. Beim Teleshopping werden linke Mythen verspießert („Das formschöne Kissen ,Rudi Dutschke‘ kostet zusammen mit der Heizdecke ,Che‘ . . .“), und vor einer Höhle ballt ein AlKaida-Terrorist zornig die Fäuste und kotzt sich über einen Gedenktag aus: „Bereitschaftsdienst, Überstunden, Urlaubssperre, oh wie ich ihn hasse, diesen verdammten 11. September.“

Mit vagen Hintergründen und Strichmännchen begnügen sich Greser und Lenz übrigens nicht, ihre Protagonisten bekommen ein detailliertes Umfeld und zeigen realistische Züge, anders gesagt: ein Stammtischhocker trägt seinen Bauch nicht als pralle Chiffre, sondern in individueller Ausführung. Mindestens so wichtig wie die Bilder aber sind die lustvoll-virtuos angebrachten Worte. Meist wird unter dem Bild ein Thema angerissen, etwa „Diskussion über Bildungsbarriere dauert an“, und in der Zeichnung liest dann ein Mann ein Fassadenschild: „Goethe- oder Schillerhaus, vielleicht auch Lessing.“ Noch einen? Also gut. Die Bildunterschrift lautet: „Der Schwabe: Er kann alles, vor allem rechnen.“ Und die Zeichnung zeigt einen Mercedes-Fahrer vor dem Stuttgarter Bahnhof und seine Denkblase: „7 Milliarden, hanoi, die spinnet. Dafür könnt mer jedem Einwohner an Daimler kaufe und uns den Bahnhof spare.“

Man betritt die Ausstellung und wird zur lebenden Figur in einer Karikatur von Greser und Lenz. An der Decke hängen Sprechblasen, an der Wand ein Wildschweinkopf und auch sonst steht man in einer miefigen Dorfpinte mit Kunstlederspeisekarten. Wohlgemerkt: Man befindet sich immer noch im Zeppelin-Museum. „Die öffentliche Meinung bildet sich auch in der Kneipe. Das wird unterschätzt“, sagt Frank-Thorsten Moll zum überraschenden Interieur. Gemeinsam mit dem Fotografen Claudio Hils hat er die Ausstellung kuratiert, die heute Abend eröffnet wird: 200 Karikaturen aus den letzten zehn Jahren, von Achim Greser und Heribert Lenz. Mehrmals die Woche druckt (nicht nur) die FAZ ihre säuberlich aquarellierten Blätter. Zeichnungen, auf denen immer wieder auch der Grantler vorkommt, der am Stammtisch sitzt und zu allem eine pointierte Meinung hat. Und was wäre schon eine Meinung ohne Pointe? Nichts, was sich als Karikatur gut machen würde.

Ein Karikaturist lebt davon, dass er ins Zentrum eines Themas springt und ihm doch einen besonderen Dreh mitgibt. Den findet nur, wer auch für die Ränder nicht blind ist. Einfach ist das nicht; man sieht es auch in der Ausstellung: Ein Video zeigt, wie Greser und Lenz in ihrem Atelier in Aschaffenburg arbeiten. Wie sie mit aufgeblasenen Backen brüten, sich Sätze zuwerfen, die Idee zur Bildlösung machen. „Eine Karikatur macht immer einer von uns ganz“, sagt Greser. Seit 33 Jahren kennen sie sich, 1986 entstanden erste gemeinsame Zeichnungen, und inzwischen haben sich ihre Stile so angenähert, dass man sehr genau hinsehen muss, um Unterschiede auszumachen. Greser und Lenz sind Stars am Karikaturistenhimmel, aber Narrenfreiheit haben sie nicht. Sie faxen mehrere Skizzen ihrer Ideen an die Redaktion, warten auf die Entscheidung und machen sich dann an die detaillierte Ausarbeitung.

Aus rund 2000 Karikaturen wählten Hils und Moll ein Zehntel für diese Ausstellung aus – die wiederum abseits des Kneipen-Abschnitts liegt, in Kabinen säuberlich nach Themen gegliedert. Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Technik, Zeitgeschichte und weitere Felder werden aufgemacht. Angesichts der Fülle der Blätter, die allein in Friedrichshafen gezeigt werden, hält man eines kaum für möglich: dass Greser und Lenz nie Ärger mit der Justiz hatten. Und eine Anzeige, das ginge ja noch. „Es kann noch viel schlimmer kommen – ich sage nur: Mohammed-Karikaturen“, meint Greser. Es gibt offenbar zwei Tode, zwischen denen ein Karikaturist die Wahl hat: Nummer eins: Er geht bei einem starken Reizthema wie der radikale Islam es darstellt, an die Grenzen. Nummer zwei: Er lässt heikle Themen links liegen. Greser und Lenz haben sich an religiösen Themen abgearbeitet – an Skandalen der katholischen Kirche, und dabei schon mal hingelangt. Mit jenem Blatt etwa, auf dem ein Jesuit in der Schlafkammer der Zöglinge steht und einen von ihnen auf frischer Tat ertappt: „So so, Andreas, einen runterholen willst du dir? Ich hol dir gleich einen runter!“ Das ist starker Tobak. Unvergessen ist auch die unterirdische „Weihwasserwiederaufbereitungsanlage“, die sie dem Bischof zu Limburg ins unterirdische Tunnelsystem des Dombergs gesetzt haben, gleich neben der bischöflichen Falschgeld-Druckwerkstatt und dem Durchstich zur Hölle. Die Kirche, sagt Achim Greser, ist vielleicht wirklich ein zeitloses Thema; eines, das immer für ein Blatt gut ist.

Natürlich haben Karikaturisten das Problem, dass sie auf der Welle der Tagesaktualität surfen und viele ihrer Arbeiten mit den Themen, die sie aufgreifen auch wieder untergehen. Trotzdem: je unruhiger die Zeiten, desto besser geht es den Karikaturisten. Die Reformation zum Beispiel: „Katholiken und Protestanten flickten sich mit Karikaturen so sehr am Zeug, wie wir uns das heute überhaupt nicht mehr vorstellen können“, sagt Frank-Thorsten Moll. Greser erwidert: „Von unruhigen Zeiten kann bei uns natürlich nicht die Rede sein – wir sind wohlstands- und friedenssatt.“ Er fügt an: „Aber das ist ja gut so.“

Achim Greser verhehlt nicht seine Freude, im Zeppelin-Museum ausgestellt zu werden. Normalerweise, sagt er, werden diese Karikaturen an Orten gezeigt, wo über dem Eingang ein Schild mit der Aufschrift ‚Vorsicht Satire!‘ baumelt – aber nicht in einem Haus, das sonst Ausstellungen mit Dingen bestreitet, die als Kunst allgemein anerkannt werden. An dieser Anerkennung fehlt es seinem Genre nach wie vor; aber zur Entschädigung wird es von einem riesigen Publikum verschlungen.

Gesellschaft wird in der Tageszeitung, mittlerweile auch im Internet und sicherlich am heimischen Küchentisch verhandelt, aber auch in der Kneipe. Ein Wirtshaus haben die Kuratoren der neuen Ausstellung im Zeppelin Museum, Frank-Thorsten Moll und Claudio Hils, aufgebaut, um eben jene Stammtische zu bekommen, an denen nicht nur die namensgleichen Parolen entstehen, sondern auch vieles, dessen sich die Karikaturisten bedienen.

Der Kontakt zu den Karikaturisten Greser & Lenz kam auch durch Claudio Hils zustande, der im vergangenen Jahr selbst mit seiner Foto-Ausstellung „Abseits“ im Museum vertreten war. Achim Greser und Heribert Lenz haben sich im Studium in Würzburg kennengelernt und kurz danach bei der Satirezeitschrift Titanic gearbeitet. Seit 1996 zeichnen die beiden zusammen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, korrigieren sich, und sind sich selbst wechselseitige Kontrollinstanz, wie Achim Greser erzählt. Von 2004 bis 2013 sind sie für den Stern und seit 2013 auch für den Focus aktiv. Ausgezeichnet mit dem „Geflügelten Bleistift“ in Gold des Deutschen Karikaturenpreises gehören die beiden zu den Großen der Kunst.

Im Zeppelin Museum sind rund 200 handverlesene Karikaturen, die die Kuratoren zusammen mit den beiden Zeichnern aus über 2000 Blättern ausgewählt haben, zu sehen. Eine der durch Facebook bekanntesten Arbeiten zeigt den Limburger Dom und seinen Untergrund nach der Affäre Tebartz van Elst. Diese Karikatur ist seinerzeit ohne das Wissen der Karikaturisten über Facebook gepostet worden und verbreitet worden. „Davon haben wir nichts mitbekommen“, sagt Achim Greser, „Facebook ist uns suspekt.“

Während die Wirtshaus-Szenerie mit Speisekarten und Katalogen auf den Tischen zum Stöbern einlädt und ein dort gezeigter Film einen dokumentarischen Querschnitt aus der Arbeit der beiden zeigt, ist der Rest der Ausstellung eher klassisch gehalten und zeigt in einzelnen Kammern sortiert nach Themen die Arbeiten aus den Federn von Greser & Lenz. auch wenn die sich an aktuellen und zum Zeitpunkt der Zeichnung akuten Themen orientieren, so sind es Arbeiten einer „Kunstform, die so eng mit Zeitungen und Zeitschriften verbunden ist wie sonst nur der Artikel“, schreibt Andreas Platthaus, Comic-Experte und stellvertretender Feuilleton-Chef der F.A.Z.

Die beiden Karikaturisten nehmen kein Blatt vor den Mund, sprechen zeichnerisch aus, was andere denken und treffen damit nicht selten einen Nerv, der zuckt, wenn man sich die Bilder anschaut. Ihre großen Vorbilder waren einst F.K. Waechter, Robert Gernhardt und F.W. Bernstein, heute sind sie selbst Vorbild für den ein oder anderen Karikaturisten und Grafiker.


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