Neuland – 1989-1999

Die Gegenwart ist der Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft aufeinander treffen, eine Grenzstation in der Zeit.

Erich Fromm

Einem individuellen Impuls folgend, sich selbst gegenüber eine gewisse Ohnmacht abklären zu müssen, dokumentierte Claudio Hils seit dem Fall der Mauer im November 1989 zugleich auch ein Jahrzehnt Deutscher Geschichte. Mit dem Autor durchläuft die Bildwelt einen Raum, der bei Ankunft nicht mehr derselbe ist und aus dem die Spontaneität, begleitet von Irritationen wie zaghaften Hoffnungen, zum Prozess erwächst. Die Zeit wird zur Achse und zum Spiegel ihrer Brechungen.
Vor dem Hintergrund neuer, individueller und gesellschaftlicher Grenzerfahrungen formuliert Hils dokumentarische Wahrnehmungsebenen, deren Lesbarkeit von Illusion und Desillusion, von Identitätssuche und Identitätserleben zwischen Rastlosigkeit und Zeitgewöhnung erzählen.


Hils-Neuland

Neuland – 1989-1999

(Umschau/Braus Verlag, Heidelberg)
ISBN 3-8295-6811

in den Räumlichkeiten der Kirchliche Akademie der Lehrerfortbildung Obermarchtal, DE, 28.11.2014 - 27.2.2015

Öffnungszeiten:
Mo – Sa, 8 – 20 Uhr,
an Sonn- und Feiertagen nach telefonischer Absprache,
Gruppenführungen auf Anfrage

weitere Informationen:
Einladungskarte (PDF)

Month of Photography Bratislava

Stredoeuropsky dom fotografie, Bratislava, SL, 2009

Deutsches Historisches Institut

London, UK, 2008

Noorderlicht Photofestival 2008: „Behind Walls – Eastern Europe before 1989“

Leeuwarden, NL, 2008

7. Internationale Fototage

Mannheim / Ludwigshafen, D, 2005

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

Marienborn, D, 2004/05

Art Cologne

Köln, D, 2000

Museum Biberach, Braith-Mali Museum

Biberach/Riß, D, 1999/2000

Galerie Sabine Schmidt

Köln, D, 1999

Goethe-Institut Rotterdam

Rotterdam, NL, 1999

Goethe-Institut Brüssel

Brüssel, B, 1999

Fotogalerie Kulturamt Friedrichshain

Berlin, D, 1999

Städtische Galerie Iserlohn

Iserlohn, D, 1999

Hallescher Kunstverein

Halle, D, 1999

Leipzig erinnert an den Herbst 89

Bibliothek Leipzig, Leipzig, D, 1999

Galerie Visor

Valencia, E, 1992

Galerie EUDE und Goethe-Institut

Barcelona, E, 1991

Wissenschaftszentrum

Bonn, D, 1991

Galerie Augenblick

Leipzig, D, 1990

Rencontre de la photographie

Arles, F, 1990

Die Bilder von Claudio Hils haben einen vielschichtigen Charakter. Sie sind eine wahre Kreation und zugleich eine sorgfältig gestaltete Dokumentation. Die Aufnahmen erzählen uns vieles über Ereignisse, die Deutschland in den vergangenen zehn Jahren geprägt haben. Es gibt sowohl das Buch wie die Ausstellung; jedoch bedürfen beide einer Erläuterung. Wenn man sich nur an den Fotos selbst orientiert, wird man sich der Tatsache bewusst, dass sie eine „ausgegrenzte“ Zeit beschreiben, die nicht die der Gewissheit ist. Es sind subjektive Bilder, mit denen der Autor uns objektiv erzählt, was er gesehen hat. Und die Szenen spielen sich nur selten dort ab, wo man sie erwartet.

Die Arbeit muss als Ganzes betrachtet werden. Es ist tatsächlich eine Einheit von Bildern, die in einer bestimmten Reihenfolge vorgestellt wird und den prüfenden Blick anderer ausgesetzt ist. Es ist die Annäherung dieser Komponenten, die den Gesamteindruck bilden.

Eine Arbeit, die – wie eine musikalische Komposition – mehrere Tempi kennt. Eines davon (ist es eine Prelude? Eine Ouverture? das Finale ?) fasst alle anderen zusammen: Es ist die Aufnahme des Brandenburger Tors in Berlin, mit aller Symbolik behaftet, das hinter den unvermeidlichen Details der Euphorie – in diesem Fall das Verkünden der großen Neuigkeiten – wie das Podien, Kameras, Spots und Kabel verschwindet.

Ein anderes Tempo zeigt Menschen, die diskret auftreten, fast schüchtern und die über ihre Rolle oder Rollen, die sie spielen sollen, schlecht informiert sind.

Das langsame Tempo, erhaben, sostenuto, könnte das der Architektur sein und im allgemeinen das der großen Bauten, die die Landschaft verändern.

Die Poesie wird – moderato cantabile – ausgedrückt durch den Zaun eines Gartens, ein Picknick oder einen Fischer am Rande eines Sees, oder durch ein Fabrikgebäude und eine eingerüstete Fassade.

Das Allegro vivace bringt die Massen in Bewegung vor Wut oder Lebensfreude … Paukenschlag für eine Kundgebung! Fermate (Ruhepunkt) auf einen Soldaten in Eindruck erweckender Uniform.

In dieser Kantate der modernen Zeiten kreuzen sich die irdischen und sakralen Elemente. Das Geheimnis, die Mystik und etwas Humor – all diese Aspekte werden dauernd gemischt.

Was an Claudio Hils‘ Arbeit auffällt (und mir gefällt), ist die Verschiedenheit, ist die Tatsache, dass der Autor sich nicht an einer Art, einen Stil gebunden fühlt. Mit anderen Worten: sein offener Geist.

Es ist eine Eigenheit, die heute eher selten ist. Es hat in den letzten Jahren eine wichtige Entwicklung gegeben, sowohl bei denen, die fotografieren, wie bei denen, die sich die Bilder anschauen, bei den Kritikern, Galerien und Museen, die Interesse für dieses Medium hatten. Der Fotograf hat etwas von seiner Einfalt verloren und der lockere Blick auf die Bilder ist der Analyse, der Exegese gewichen.

Man sucht einen Stil und zeiht eine Schublade auf. Es entstehen Schulen (im weitesten Sinne des Wortes). Bestimmte Schulen (insbesondere die deutsche) sehen die Welt aus einem möglichst neutralen Blickwinkel und werden durch ein Streben nach Objektivität gekennzeichnet. Andere, eher barocke oder romantische Schulen appellieren an die Empfindlichkeit der Zuschauer. Bestimmte Künstler sind wiederum auf sich konzentriert, wie all die Arbeiten, die das Selbstportrait oder den eigenen Körper zum Thema haben. Für andere, weltoffenere Künstler bedeutet die Fotografie ein Fenster zur Welt und die Welt ein Dauerspektakel.

Es gibt so viele verschiedene Arten des Fotografierens, wie es Fotografen gibt. Gerade das macht den Reichtum der Fotografie aus.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich es nicht so wichtig finde, Form und Inhalt der Aufnahmen von Claudio Hils zu definieren. Es ist ein Streit mit dem Engel! Ein dauernder Konflikt zwischen dem Bild, dessen Subjekt grundlegend ist und seine Botschaft vermittelt, der Symbolik des Inhaltes und den Beschränkungen des Subtilen, des Fast-Nichts, des Abwesenden.

Hätte Claudio Hils vor zwei Jahrhunderten gelebt und wäre er Maler gewesen und hätte den Auftrag erhalten, ein Gemälde zu erstellen über eine gerade zu Ende gegangene historische Periode, dann hätte er alle objektiven Elemente gesammelt, die er besaß. Er würde die Portraits der wichtigen Persönlichkeiten gezeichnet haben, die einen auf ihrem Thron, die anderen auf ihrem Pferd. Er hätte im Hintergrund eine Landschaft gemalt und einige symbolische Elemente. Er hätte 10 Jahre gebraucht, um das Gemälde fertigzustellen. Es wäre vielleicht ein Meisterwerk geworden.

Aber auch heute stehen wir vor einem Meisterwerk, einer Kreation, die sich von anderen Arbeiten abhebt, die ebensoviel mit der Zeit spiel, Kunst, die schließlich näher bei der Literatur und dem Comic steht, näher beim Film oder Fernsehen als bei der Malerei. Anhand dieser Arbeit, die mit einem aktuellen Medium erfasst wurde, erzählt Claudio Hils über sein Land, Bild für Bild, Wort für Wort, Tag für Tag.

Goethe wird in Brüssel 40

Im Herbst 1999 feiert das Brüsseler Goethe-Institut außer Goethes 250. auch seinen eigenen 40. Geburtstag mit einem vielfältigen und abwechslungsreichen Programm, ein kleines Wunder angesichts eines außerordentlichen begrenzten Budgets. Doch ein Besuch beim Brüssler Goethe-Institut führte zu der Erkenntnis, dass hier trotz aller Beschränkungen ein Team am Werk ist, das seine Aufgaben mit Phantasie und Schaffenskraft erfüllt.

In Brüssel sollte man, fei nach dem St.-Florian-Prinip – „verschon´ mein Haus, zünd´ andere an!“ – wahrscheinlich einfach froh sein, dass das hiesige Goethe-Institut in diesem Jahr noch nicht auf der Liste der Institute steht, zu deren Schließung sich das deutsche Außenministerium am 13. September entschlossen hat. Doch wie ist es möglich, angesichts eines verschwindend geringen Kulturhaushaltes von 75.000 DM, ein Programm anzubieten, das Leute lockt? So erstaunt es dann auch nicht weiter, dass der Leiter von „Goethe Brüssel“, Dr. Bernhard Beutler, ausdrücklich den nach seiner Ansicht einzig gangbaren Weg einschlägt: den Blickwinkel nach Europa hin zu erweitern und dort nach Ideen- und Geltpartnern zu suchen.

Deutsch bleibt das Haus, in dem man sich trifft, zum Beispiel zu den wöchentlichen Mittagskonzerten „Quart“ mit Auftritten junger Musiker aus ganz Europa. Und natürlich gibt es immer wieder Schwerpunkte, die dem Publikum deutsche Kultur nahe bringen sollen. So widmet das Brüssler Institut, nomen est omen, einen bedeutenden Teil des Aktuellen Programms Goethe und dessen 250. Geburtstag, aber gleichzeitig auch seinem eigenen 40. Gründungstag. In einem einzigartigen Kolloquium erörtern 40 führende Germanisten Goethes rolle als „Humanist und Europäer“, und ein Festkonzert am 2. Oktober im Königlichen Konservatorium wird mit Markus Groh am Flügel und der Sopranistin Judith Vindevogel die neue Saison glanzvoll eröffnen.

Tandem-Unterricht und Internet

Zum anderen nimmt ab 11. Oktober, zehn Jahre nach Mauereröffnung, die Ausstellung „Neuland“ des jungen Fotografen Claudio Hils die Verwandlung der Ex-DDR in den Jahren zwischen 1989-1999 unter die Lupe. Eine Reihe von nicht zuletzt für in Belgien lebende Deutsche interessanten Filmen setzt sich ebenfalls mit dieser Entwicklung auseinander.

Ein besonderes Ereignis wird ab 29. Oktober im Museum „Flanders Fields“ zu Ypern stattfindende eindrucksvolle Ausstellung mit Werken von Käthe Kollwitz darstellen.

Von jeher ein unverzichtbares Standbein der Goethe-Institute ist der Sprachunterricht. Gegen den Trend scheint er einen Aufschwung zu erleben, im Brüssel des Jahres 1999. Ein Zusammenschluss mit mehreren europäischen Kulturinstituten versetzte „Goethe“ in die Lage, sich um die Durchführung der von der EU-Kommission ausgeschriebenen Sprachkurse zu bewerben. Überhaupt ziehen es viele bei den großen europäischen Institutionen Beschäftigte vor, ihre Sprachkenntnisse – bis hin zu staatlich anerkannten Examen – in neutraler Umgebung zu erweitern. Außerdem weht hier unter der tatkräftigen Leitung von Frau Dr. Almuth Meyer-Zollitsch ein ausgesprochen frischer Wind, angefangen beim  gemeinsam mit der „Alliance Francaise“ organisierten Tandem-Unterricht, mit seinen privaten paarweisen Treffen von französisch- und deutschsprachigen Kursteilnehmern, über Kurse, in denen das Internet eine entscheidende Rolle spiel, bis zu den klassischen Unterrichtsarten für Jugendliche und Erwachsene.

Fazit: wenn auch bedroht, lebt im unauffälligen Gemäuer in der Brüssler Innenstadt keineswegs eine aussterbende Spezies still vor sich hin, ganz im Gegenteil.

Alte Bekannte

Besser leben in der neuen Welt: Das Kulturamt Friedrichshain zeigt unter dem Titel „Neuland“ Fotoarbeiten von Claudio Hils 

Auch die DDR-Bürger wollten besser leben. Deshalb pappten sich Leipziger am Wahlabend des 18. März 1990 Aufkleber der CDU mit dem Spruch „Ja! Besser leben!“ an ihren alten, in der Sowjetunion produzierten Fernseher der Marke Junost und breiteten vor dem Fernseher ihre Deutschlandfahnen aus.

Und selbst wenn die Geräte oft verzerrte, schwarzweiße Bilder erzeugten und Kohl noch dicker aussah als sonst, ließen diese Arrangements an Altare im Neuland denken: Also zeigt die Fotogalerie des Kulturamts Friedrichshain auch unter dem Titel „Neuland“ Fotografien von Claudio Hils, die im Jahrzehnt nach dem Mauerfall entstanden. Nach Friedrichshain passt die fotografische Dokumentation zwischen Geschissschreibung und Bildgeschichte gut, wird doch der neue Szenebezirk mit ungebrochener Sanierungswut rausgeputzt.

Alles wird bunter. „Zu viel Farbe“, hat deswegen auch ein Besucher ins Ausstellungsbuch geschrieben, „mir fehlt die Seele des Dokumentarischen.“ Doch so ganz richtig hat er nicht hingeschaut. Denn der Essener Fotograf legt mit „Neuland“ eine Arbeit vor, „deren Dokumentationstiefe und Aussagevielfalt von Sensibilität im Umgang mit einem zeitgeschichtlichen Thema spricht“, wie Uwe Zahlaus im Katalog schreibt.

Und weil das Thema die Zeiten- und Gesellschaftswende im Osten ist, trifft man sozusagen auf alte Bekannt: Ostberliner, die den U-Bahnhof Schlesisches Tor im November vor zehn Jahren überfüllten; Grenzsoldaten und Mauertouristen am Potsdamer Platz; Deutschlandfahnen auf einer Leipziger Montagsdemo, daneben Faschos mit der alten Reichsflagge. Claudio Hils zeigt die Symbolik der neuen Welt. Und die ist eben durch den Westen bestimmt, durch die Verheißungen der neuen Waren- und Werbewelt.

Schöner staunen war nie. Und wenn es blöde Wichtelmänner in einem Schaufenster auf dem Ku´damm sind. Lange Zeit zum Bestaunen der neuen Wahrzeichen blieb jedoch nicht. Schon im März 1990 machte Hils die Aufnahme von einer Demonstration zum Erhalt von Arbeitsplätzen in Borna. Und auch abziehende russische Soldaten, die noch einmal paradieren, verwaiste Betriebsgelände und triste Tagebaulandschaften vermitteln nicht gerade das Bild einer schönen neuen Welt.

Claudio Hils richtete sein Objektiv vor allem auf die Ambivalenzen der neuen gesamtdeutschen Wirklichkeit. Und da sieht man dann keine glücklich lachenden Menschen mehr, sondern durchgestylte und öd wirkende Plätze wie die Potsdamer-Platz-Arkaden, besetzte Häuser (die wahrscheinlich schon geräumt sind), sanierte Hochblockhäuser, die trotz Farbe steril wirken, oder Menschen beim „illegalen Grenzübertritt“ bei Zittau. Die wollen auch nur ins „Neuland“, müssen aber oft genug draußen bleiben.

Die leisen Momente

Sensibel: In mehreren Berliner Galerien erzählen Fotografien vom Alltag in Ost und West 

Fotografien zwischen deutschem Alltag und asiatischen Ritualen, zwischen dokumentarischem und soziologischem Blick prägen derzeit das Spektrum Berliner Galerien. Eines ist ihnen gemeinsam: ihr Engagement zur Langzeitbeobachtung über Jahre. Zum Zehnjährigen der Wiedervereinigung präsentieren junge Fotografen zudem erstmals eine Bilanz ihrer Dokumentation vor und nach dem Mauerfall.

Die Galerie am Scheunenviertel zeigt, wie Udo Hesse ohne „Ostalgie“, sondern mit dem neugierigen Seitenblick eines westlichen Touristen in den achtziger Jahren durch den Prenzlauer Berg und entlang der Alleen in Mitte und Friedrichshain flaniert. Sozialistischer Alltag, aufgezeichnet in markanter Schwarzweiß-Fotografie: in Höfen, auf Spielplätzen, zwischen Einkaufsschlangen vor HO-Läden oder offiziellen Mai-Aufmärschen. Hesse zeigt das improvisierte bis minutiös geplante Funktionieren einer für ihn oft exotisch anmutenden Gesellschaft.

Das beeindruckende Ergebnis sind keinesfalls voyeuristische Schnappschüsse, sondern Augenblicke der Begegnung und behutsamen Annäherung eines Fremden, der sich unvoreingenommen den „real existierenden Sozialismus“ erschließt. Die Straße dient als Kulisse einer inzwischen verloren gegangener Ikonografie aus notdürftig dekorierten Schaufenstern, Spruchbannern und Firmenlogos staatseigener Betriebe. Die Menschen behaupten sich als Individuen und nicht etwa als graue Masse vor der Kamera.

Für Claudio Hils, der in der Fotogalerie Friedrichshain seine Serie „Neuland“ zeigt, beginnt die Chronik der fotografierten Ereignisse und das Interesse am Staat hinter der Mauer erst mit der Wiedervereinigung. Der Württemberger zeichnet Momente auf, in denen westliche Konsumwelt auf östliche Skepsis, aber auch Bewunderung prallt. In reportageartigen Farbfotos hat er längst verschwundene Mauerstreifen und inzwischen saniert Plattenbauten dokumentiert. Den Personen begegnet er wie unfreiwilligen Darstellern auf einer historischen Bühne. Jenseits von Effekthascherei merkt man beiden Fotografen ihr Gespür an, mit viel Zeit und der Konzentration auf Nebenschauplätzen ihrer individuellen Wahrnehmung zu vertrauen, um selbst große historische Veränderungen in kleinen, ergreifenden Schritten zu erfassen.

Gemeinsam haben Udo Hesse, Claudio Hils und der Weltreisende in Sachen Fotografie, Hans Georg Berger, ihre Neugier für Rituale, sei es öffentlicher, politischer oder ethnischer Art. Berger zeigt im Völkerkundemuseum in Dahlem Studien buddhistischer Alltagsrituale in Laos. Über 8000 Aufnahmen sind in den letzten fünf Jahren entstanden; sie schildern Zeremonien, die das Leben der Bevölkerung von der Geburt bis zum Tod begleitet.

Entlang des Mekong folgte Berger Mönchen und Priestern, die er an seiner fotografischen Arbeit beteiligte, indem er sie sogar den Standpunkt seiner Kamera bestimmen ließ. So mischt sich auf eindrucksvolle Weise der Blick des Fotografen mit dem des Porträtierten, der europäische Blickwinkel begegnet dem asiatischen. So gelingt es Berger, auch von den heiligsten Momenten der Buddhisten zu erzählen. Ein Kulturaustausch ganz besonderer Art.

Ebenfalls vom Buddhismus geprägt sind die Stillleben des Japaners Jim Morinaga in der Galerie Raab. Die Bezeichnung zwischen Mensch und Meer als Symbol des Kreislaufs von ewiger Wiedergeburt ist Thema seiner Serien. In starken Schwarzweiß-Kontrasten modelliert er Wellen in leichter Obersicht zu stofflicher Transparenz. Fischschwärme, Wasserstrudel und das sanfte Auflaufen der Wellen an Sandstränden eröffnen meditative Variationen eines unerschöpflichen Themas. Meer und Flussläufe werden zum Tableau unendlicher Weite, obwohl Morinaga niemals den Blick auf den fernen Horizont zulässt.

Große Gestalten, kleine Leute auf Neuland

In Köln: Fotografien und Fotoarbeiten von Arnold Newman, Claudio Hils, Rivka Rinn, Claudio Moser

Eine Reihe von Galerien bereichern das Ausstellungsangebot der dreizehnten Internationalen Photoszene Köln. Ihre Offerten, von klassischen Schwarzweißabzügen bis zu großformatigen, digital bearbeiteten Tintenstrahldrucken, verdienen im derzeitigen Kölner Markt die größte Aufmerksamkeit. Rudolf Kicken stellt einen Altmeister des Portraits aus, den 1918 geborenen New Yorker Fotografen Arnold Newman. Newman wurde bereits 1945 bekannt, als das Philadelphia Museum of Art seine Ausstellung „Artists look like this“ auf eine Tournee durch die Vereinigten Saaten schickte. Viele weitere Künstlerporträts folgten. Kicken zeigt eine Auswahl von gut zwanzig Abzügen, vorwiegend vintage prints der Jahre 1940 bis 1985. Newman konnte die Heroen der Kunst des 20. Jahrhunderts fotografieren, und seine Fotografien entsprechen den Erwartungen der Öffentlichkeit: Piet Mondrian, eingepasst in eine orthogonale Ordnung aus Staffelei und Wand. Max Ernst, geheimnisvoll verschleiert in
Rauchwolken thronend, neben sich eine Katchina-Puppe. Jackson Pollock im Overall mit gequält zerfurchter Stirn und lässig gehaltener Zigarette, in ummittelbarer Nachbarschaft zu einem Totenschädel, vor sich das Chaos zahlloser offener Farbtöpfe. Die Künstler inszenieren sich selber; Newman hilft ihrem Image nach. Bei Igor Strawinsky stellte die Verbildlichung der Musik ein Problem dar, das Newman genialisch löste: Der Flügel wurde aufgeklappt, so dass neben dem sitzenden Komponisten eine riesige schwarze Klangwolke aufzusteigen scheint. Edward Hoppers Bildnis ist scheinbar simpel, dabei meisterhaft: Der Maler sitzt sonnenbeschienen und ausladend im Feien, mit direktem Blick in die Kamera. Sein Haus mit dem riesigen Atelierfenster ragt im Hintergrund auf, winzig steht Jo Hopper daneben.
Newman beherrscht auch die leisen Töne. Anrührend sind jene Portäts, die die Künstler jenseits von Image und Pose zeigen: den sechsundachtzigjährigen Georges Rouault mit weißer Kappe, das seitwärts gewandte Gesicht gerahmt vom hochgeschlagenen Kragen eines Tweedmantels, und Masrilyn, im Todesjahr 1962 in Beverly Hills aufgenommen, zart und traurig im verschatteten Halbprofil. Kickens Preisgestaltung ist ein Lehrstück über die Bevorzugung der vintages, das heißt der Abzüge, die kurz nach der Aufnahme ausgeführt wurden. Diese kosten zwischen 12 000 und 30 000 Mark. Die so genannten modern prints dagegen, die weit später als die Aufnahme entstanden, wenn auch immer noch unter Aufsicht des Fotografen, sind mit je 5000 Mark beziffert. (Bis 17. Dezember. Der Katalog kostet 40 Mark.)
Newman zeigt die großen Künstlergestalten in der zweiten Jahrhunderthälfte. Der Essener Claudio Hils, Jahrgang 1962, hat seine Kamera auf die „Kleinen Leute“ gerichtet, die in den neuen Bundesländern den Umbruch erlebten. Die Farbfotografien dieser sozialdokumentarischen Studie der Jahre 1989 bis 1999 sind unter dem Titel „Neuland“ bei Sabine Schmidt ausgestellt. Sie übertreffen die reine Dokumentation etwa der Montagsdemonstrationen oder der ersten „West-“Einkäufe dort, wo Hils einen Einzelnen heraushebt, etwa den jungen russischen Offizier in strammer Haltung, 1994 beim Abzug der GUS-Truppen aus dem sommerlichen Berlin, oder den Arbeiter in Motorradfahrerkluft, der, jetzt allein auf dem stillgelegten Betriebsgelände des Braunkohlenkombinats Bitterfeld, noch mal in ein Fenster schaut. Nachhaltig überzeugen die durchkomponierten Architekturaufnahmen: so der Blick in ein überdimensioniertes Bauwerk des Potsdamer Platzes, wo, anscheinend überwältigt, eine ältere Frauengestalt steht. (In einer Auflage von fünfzehn kosten die sechzig mal siebzig Zentimeter messenden Fotos mit Rahmen je 1450 Mark. Bis 30. Oktober.)
Die Fotografien von Hils zeigen Veränderungen, Umbrüche, indem sie einen Anblick festhalten. Für die Berliner Künstlerin Rivka Rinn, die 1950 in Tel Aviv geboren wurde, gibt es keinen Stillstand. Sie fotografiert aus dem Auto oder aus dem Zug heraus. Reisend ist sie bei sich. Für Rivka Rinn liegt der „Place for the Self“ irgendwo zwischen den Wohnungen, auf Straßen, Tunnels, Bahnhöfen. Sie hat Schwarzweißfotografien dieser Durchgangsstationen und namenlosen Allerweltsorte auf Aluminium drucken lassen: verwischte, verschwommene Spuren nächtlicher Fahrten durch anonyme Großstädte. Schemenhaft tauchen Tankstellen, Verkehrszeichen, Lampen auf, Oberleitungen zeichnen sich vor hell angestrahltem Himmel ab. Der metallisch schimmernde Untergrund dieser Fotoarbeiten verstärkt den Eindruck einer durchindustrialisierten, in hoher Geschwindigkeit befindlichen Welt, die Verweilen nicht mehr gestattet und die nur künstliches Licht noch erleuchtet. Christel Schüppenhauer stellt Rivka Rinns Arbeiten der Jahre 1993 bis 1997 aus. Im Format siebzig mal hundert Zentimeter, Auflage fünf, kosten sie je 3 500 Mark. (Bis 23. Oktober.)
Rivka Rinn benutzt den Fotosiebdruck auf Aluminium, um den Ausdruck ihrer Aufnahmen zu steigern. Um malerische Wirkungen vor allem geht es dem Bastler Claudio Moser, Jahrgang 1959, wenn er in diesem Jahr erstmals den Tintenstrahldruck einsetzt. Für ihn bedeutet diese Technik ein neues, fruchtbares Arbeitsfeld. Welch hervorragende Ergebnisse sie ermöglicht,
ist bei Rolf Ricke zu sehen, der sich der Fotografie gewöhnlich nicht widmet. Mosers fünf großformatige Drucke – sie messen 151 mal 229 Zentimeter – haben starke bildnerische Qualität.
Für Moser sind die Tintenstrahldrucke dem menschlichen Auge näher als die Fotoabzüge. Die Gegenstände erscheinen gleichberechtigt tonig, es gibt keine Primärschärfe und Unschärfen. Mosers Objekte sind bedeutungslos: Unterholz, eine Waldlichtung, ein Stück Maschendraht vor aufgespanntem Stoff. Das Licht ist das Entscheidende, wenn der Fotograf, wie er sagt, die Welt als Spaziergänger sieht und sich von der Realität verführen lässt. Schönheit also ist das Ziel. Moser lässt die Aufnahmen digital bearbeiten, spielt Grautöne durch, wenn er Unterholz zeigt, kostet bläuliche Schattierungen eines Gewebes aus, lässt ein ganz schwaches helles Rot zwischen nahezu schwarzen Baumstämmen schimmern, Blattwerk durchsichtig werden. Diese feinen Modulationen sind jeweils streng einem Thema untergeordnet, einer Over-all-Struktur wie bei Pollock etwa oder der Beschränkung auf zwei parallele Bildebenen. Die digitale Technik bietet, was man von ihr am wenigsten erwartet hätte: subtile, stimmungshafte Bilder. (Die Drucke in einer Auflage von drei kosten je 11 500 Mark. Bis 2. Oktober.)

Erst abgestellt und dann vergessen

Claudio Hils zeigt in Iserlohn Fotografien vom Westen im Osten und Osten im Westen

Diese Werbekampagne war schon alt, als sie Mitte der achtziger Jahre entwickelt wurde: junge Pärchen, laufen durch die Straßen, unter ihrem Arm eine überdimensionierte Packung Wrigley´s Spearmint. Alle Insignien dieses Jahrzehnts saßen am rechten Platz, die Haarschleife, die runden Plastikohrclips, das Streifenhemd, der Ballonrock, die Wetgeltolle, das Plastikgrinsen.

Wohin gingen diese Pärchen, die Konsumartikel bei sich trugen wie eine Bewerbungsmappe? Gewiss nicht zum Arbeitsamt, denn Sorgen hatten die Teenager in der westlichen Werbung der Achtziger Jahre nicht wirklich. Anders die Teenager, die über zehn Jahre lang an diesen verschlissenen, immer noch lächelnden Pappkameraden, abgestellt vor einem schlichten Wohnhaus in Leipzig, vorbeigegangen sind.
Der Dokumentarfotograf Claudio Hils machte diese Aufnahme vom Reklamepärchen 1997. ein Vergleich: hätte ein Kioskbesitzer in Köln ein solch unmodernes Schild an seiner Wand stehen, er könnte getrost den Laden dicht machen.
Claudio Hils wählt Motive wie diese bewusst, verweist aus gewisser Distanz auf einen Zustand, den andere Fotografen mit großer Symbolik und zu oft gesehenen Zeichen, Szenen beladen.
Zwar zeigen seine Farbdokumentationen über West- und Ost-Berlin, Leipzig und Umgebung – in einem Zeitraum von 1989 bis 1999 – die Ausgabe des Begrüßungsgeldes, sichtlich staunende DDR-Bürger vor West-Schaufenstern, die große Wiedervereinigungsfeier am Brandenburger Tor und schaurig verlassene Satellitenstädte aus endlosem Sichtbeton, doch machte es Claudio Hils nie zum Klischee. Selbst die distanzierte Aufnahme dreier Männer, die vor ihren cremefarbenen Trabants sitzen und in der „Blauen Adria“ fischen, im Hintergrund verschwindend klein ein Kraftwerk, ist respektvoll, und überdies gestalterisch unheimlich interessant.
Die zur Zeit laufende Ausstellung in Iserlohn, „Neuland“ hat man sie genannt, zeigt eine angenehm stumme Dokumentation des Westens im Osten, in Form moderner Insignien – der Werbung – in einer trostlosen Umgebung, und des Ostens im Westen mit dem Abzug der GUS-Truppen aus Berlin. Optisch übrigens sehr schön umgesetzt ist auch der zur Ausstellung erschienene Katalog. Den von der Druckqualität her sehr gut übertragenen, blassbunten Querformaten Hils´ wurde sehr viel Platz gelassen. Sich den Bildern anpassend, erschient das Buch denn auch im Querformat. Anstelle des Martin-Walser-Textes „Templones Ende“, hätte man sich jedoch mehr konkrete Gedanken zu den Bildern Claudio Hils´ gewünscht.

Mauerland

Eigentlich wollte Claudio Hils nur den Mauerfall fotografieren. Daraus wurde ein Zehnjahresprojekt, das jetzt Furore macht

Die Neonazis haben ihn sofort entdeckt. Den ganzen Abend schon ist der Fotograf Claudio Hils auf den Straßen von Leipzig unterwegs und hat sich unter Schwarzrotgold schwenkende Massen gemischt, deren ganzes Vokabular aus dem zweisilbigen Namen ihres Vaterlandes besteht. Da stößt er am Schluss des Umzugs auf ein gutes Hundert Geschworene, die das gleiche Wort skandieren, aber andere Fahnen dazu schwenken. Hils riskiert eine Aufnahme mit Blitzlicht und augenblicklich kommt die Meute auf ihn zu.

Angst macht schnell. Der Fotograf rennt wie um sein Leben, eine wutschäumende Horde auf den Fersen, und kann die Verfolger schließlich abschütteln – bis auf drei. Denen stellt er sich, bewaffnet mit seinem massiven Stabblitz, in einer dunklen Nebenstraße. Hils kassiert etliche Tritte mit Springerstiefeln, bis Passanten auftauchen und die Angreifer von ihrem Opfer ablassen.

Die Dramatik jenes Vorfalls vom Februar 1990 hat in Hils´ Bildern kaum eine Spur hinterlassen – eine verhuschte Reichskriegsflagge, ein paar gereckte Arme und am unteren Bildrand ein blasser Junge, der es eilig hat zu verschwinden: scheinbar nur ein flüchtiger Schnappschuss, tatsächlich aber eine exakte Komposition voller Anspielungen und Symbolik.

Nach diesem Prinzip hat Claudio Hils auch das große historische Drama seit 1989 in Bilder gefasst – distanzierte, detailscharfe Studien vom Werdegang der deutschen Einheit. Dass aus einem Berlin-Trip im November 19879, damals Pflichtprogramm jedes Bildjournalisten, einmal ein zehn Jahre umspannendes Buch- und Ausstellungsprojekt würde, war nicht abzusehen. Seine Fahrt vom Wohnort im Ruhrgebiet an die fallende Mauer war eher eine Trotzreaktion: „Eine Woche lang hatte ich mich zu Hause von Sendern, Zeitungen und Magazinen voll stopfen lassen“, erzählt er, „dann war mit von all den fetten Jubel-Schlagzeilen so übel, dass ich eigene Bilder dagegensetzten musste – als eine Art optische Ausnüchterungskur.“

Das Ergebnis ist weit mehr als eine persönliche Abrechnung mit der Klischee-Maschine der Massenmedien. Hils ist an der Universität Essen durch die Schule von Angela Neuke gegangen, die just 1989 den programmatischen Bildband „Staatstheater- Medienzirkus“ publizierte. Darin seziert Neuke den Pomp von politischen Spitzenereignissen; Hils richtet den gleichen Schafblick auf Nebenschauplätze der deutsch-deutschen Vereinigung.

Die Reise beginnt mit einem Verhau von Kamerastativen, die die Aussicht aufs Brandenburger Tor verstellen. Dann folgen Dokumente der chaotischen Anfangszeit, Menschenmassen und Konsumrausch. Später, als draußen im Land Ernüchterung um sich greift, beruhigen sich der Rhythmus und die Motive, bis hin zur Erstattung im Raster der Baugerüste. Keine Unterschriften stören den leisen Fluss der Bilder, deren Präzision sich mit einer unschuldigen Farbigkeit tarnt – Geknipstes wie vom letzten Urlaubsfilm, den man schnell noch irgendwie voll gemacht hat. Doch bei genauem Hinschauen verdichtet sich die Einzelheiten zu manchmal absurden Szenen. Links schleppen Männer Bananenkisten aus einem Bus der Firma Mercedes-Benz, rechts gerät ein Wartburg auf dem Ku`damm in eine Demo linker Aktivisten – die DDR-Insassen schauen ziemlich perplex aus ihrem frisch geputzten Auto. Fast schon Mitleid kommt auf angesichts der abziehenden Rotarmisten, die sich mit falsch geschriebenen Transparenten und hilfloser Zinnsoldaten-Steifheit verabschieden; erbarmungswürdig die Inbrunst, mit der Ost-Bürger vor winzigen Schwarzweiß-Fernsehern hocken und dem Kanzler der Einheit lauschen.

Hils´ Bilder sind eingerahmt von Texten, die sein Thema auf sehr unterschiedliche Weise weiterspinnen – einer Erzählung von Martin Walser aus den 50er Jahren und einem Vorwort des Leipziger Herausgebers Uwe Zahlaus. Der kommentiert die Bilder-Erzählung mit hoch dosierter Geschichtstheorie und endet, wie der Fotostrecke, an den Ruinen der Grenzkontrollstelle Marienborn: „Noch steht die Arena wie ein Appellplatz, auf dem unterm gleißenden Licht über scheinbare Sicherheit und wirkliche Ängste befunden wurde.“

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet jene Volkspartei, die sich konservativ nennt, fordert heute den Abriss dieser Grenz-Relikte.

Claudio Hils: Neuland

Claudio Hils hat sein sozial-historisches Interesse und Engagement nicht nur durch seine eigene fotografische Arbeit belegt, sondern auch als Entdecker, Erschließer und Publizist einer Werkgruppe des Jahrhundertwende-Fotografen Friedrich Pöhler, der einige Jahre lang der Dorffotograf einer pietistischen Brüdergemeinde mitten im katholischen Oberschwaben war. Pöhlers Gesellschaftsportrait von Wilhelmsdorf publizierte Hils unter dem schönen Titel „Von Königskindern und anderen“. – Er denkt historisch, reflektiert mehr als die jeweilige Aktualität und das kommt seinem Fotografieren zugute.
„Neuland“ heißt das Buch zu Hils´ Ausstellung, die derzeit tourt. Der Titel birgt eine Mehrdeutigkeit, die etwas aussagt über das besondere Verhältnis zwischen dem Gegenstand dieser Bilder und ihrem Fotografen: Neu für die Bewohner Ostdeutschlands waren und sind die politischen, ökonomischen, kulturellen, kurz: gesellschaftlichen Wechselfälle und Veränderungen des letzten Jahrzehnts. Neu, neben der Situation einer Gesellschaft im radikalen Umbruch, war das Land für den Fotografen auch biographisch, das er sich während dieser Zeit arbeitend erschlossen hat, getrieben von einer Tugend dokumentarisch bzw. journalistisch Arbeitender: Neugier.
Das beeindruckende Ergebnis von Hils´ Arbeit ist eine der seltenen thematischen Langzeituntersuchungen sozialdokumentarischer Art. Sozialdokumentarische Projekte, die an gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen, in und unter denen Menschen leben, interessiert sind, waren in der ostdeutschen Fotografie der 70er und 80er Jahre besonders wichtig und wirkungsvoll – auch als Kompensation der Problemignoranz in den offiziellen Medien. Seit den späteren 60ern waren sie aber eine internationale Tendenz. Während der 70 und 80er Jahre spielte solch engagierte Fotografie auch in Westdeutschland ihre Rolle (z.B. Rambows Aktion mit seinen Studenten „Das sind alles bloß Bilder der Straße“ oder die Endlos-Dokumentation öffentlichen geselligen Lebens des Westberliner Ehepaars Nothelfer). Sozialdokumentarisches Fotografieren mag in den letzten Jahren – vielleicht besonders im Osten – etwas in den Hintergrund getreten sein, jetzt, 10 Jahre nach der ostdeutschen Revolution und der deutschen Vereinigung und am Ende des Jahrhunderts, wird sie wieder verstärkt wahrgenommen.
Bemerkenswert bei Hils und Teil seiner konsequenten und konzeptbestimmten Arbeit ist, dass er nicht nur sein Thema fotografierte, sondern sich auch um die Ausstellungstour – besonders dort, wo die Bilder entstanden – kümmerte und darum, ein Buch daraus zu machen, das bleibt, wenn die Ausstellungen vorbei sind. Aus dem sehr lesenswerten Essay von Uwe Zahlaus in diesem Buch sei eine rhetorische Frage zitiert: „Wer hält inne, um die Zeit zu befragen, den Dingen Geschichte zu geben? Die Zeit ist der Geschichte gegenüber scheinbar zum Selbstläufer geworden.“ Genau das: den Dingen, Situationen, Konstellationen, unbeständig im – zumal beschleunigten – Fluss der Zeit, Geschichte zu geben, immer wieder innezuhalten und aufzuheben, was ihn innehalten ließ, das tut der Fotograf. Wie nun geht er dabei zu Werke?
Zunächst fällt auf: Es sind durchweg querformatig liegende Bilder – ruhiger und ausgiebiger Betrachtung zugedacht mit ihrem Seitenverhältnis, das in der klassischen Malerei der Landschaft, dem Historienbild, teils auch dem Genrebild zukam.
Häufig schaut der Fotograf auf Schauende, die etwas zu ersten Mal erblicken und nicht gleich fassen können – eine Verdoppelung des Blicks, besser: des Blickens, die deutlicher macht, eigens darauf hinweist, was da geschieht, auch wenn das Ereignis selbst nur angedeutet ist. Oder er nimmt Menschengruppen (z.B. die Karnevalisten) bzw. Menschenmengen (z.B. am
U-Bahnhof Schlesisches Tor) direkt, frontal auf, Auge in Auge – als Konfrontation mit dem Ereignis. Seltener – und häufiger bei Gebautem – findet sich der seitliche, registrierende Blick, der eher ein Geschehen beschreibt, es mehr beiläufig passieren lässt – passieren als sich ereignen, sowohl, wie als vorbeigehen. Bei allen drei Blickrichtungen bzw. Aufnahmepositionen waltet immer Distanz: der Fotograf will weder sich überwältigen lassen, noch die Betrachter seiner Bilder überwältigen, sondern die Dinge und Situationen selbst sprechen lassen, zu ihrer Klärung beitragen. (Manfred Schmalriede schrieb in einem Text zu Hils´ Ausstellung: „Die Bilder sind auf Distanz angelegt, um den Voyeur zu vermeiden und die kritische Position zu ermöglichen.“) Und eines weiteren Mittels, der Distanzierung, bedient sich der Fotograf. Immer wieder finden sich optische Barrieren, ist der Blick behindert, verstellt, verschleiert oder gerastert: durch Menschen, Bauten, Gitter, Netze. Die Distanz, über die sich Hils` kritische Reflexion vermittelt und die die unsere herausfordert, die wir ja auch Beteiligte am fotografierten Prozess sind, diese Distanz kommt im Buch besser zur Geltung als in der Ausstellung. In der Arbeit des Fotografen findet eine mehrfache Verschränkung statt, sie zeigt den Osten im Westen (Menschen, die etwas suchen, die abwägen) wie den Westen im Osten (Menschen, Produkte, Markenzeichen, die propagieren, promoten, besetzen) für den Fotografen das Vertraute im Fremden, für die Betrachter im Osten das zunächst Fremde im Vertrauten.
Für dies In- und Miteinander des Verschiedenen findet er immer wieder Zeichen, Fahnen zumal (die deutsch, die Reichskriegsflagge, die rote; die russische), Partei- und Produktsignets. In solchen Zeichen gerinnt das Thema: der Kulturbruch als Kontinuität. Oder, um noch einmal Uwe Zahlaus zu zitieren: „Der Betachter wird mit provozierender Symbolik konfrontier, doch nicht, um zu vermitteln, sondern um das Zeitgeschehen transparenter zu machen, um herauszustellen, wo sich die seelische Souveränität in winzigen Momenten oder kausalen Zusammenhängen befindet.“
Und: „Die Fotografien von Claudio His sind keine Errungenschaften eines heimlichen Beobachters, vielmehr ist die Last des fotografischen Moments ein Weg zu Rätsel: Ich, beim Gang durch die Metamorphose.“ Und das gilt für uns alle.

Oh, diese Tristesse! Kaum zum Aushalten. Da geht ein junger Fotograf und Journalist, der zum Kommunikationsdesigner ausgebildet wurde, in die alte DDR und dokumentiert, was sich im Laufe der letzten Jahre geändert hat und heraus kommt ein merkwürdig deprimierendes Buch. Es kommt halt immer darauf an, wohin man die Kamera hält und was man – je nach individueller Disposition oder möglicher Voreingenommenheit – für ablichtenswert hält. Claudio Hils heißt der 1962 geborene Fotograf, der im Verlag Umschau/Braus sein Buch „Neuland“ (in Anspielung wohl auf den nicht sonderlich treffsicheren Begriff der „Neuen Lände“) vorlegt mit Fotografien von 1989-1999, herausgegeben von Uwe Zahlaus und mit einer längeren Geschichte von Martin Walser (123 Seiten, 70 Farbabbildungen, 49,90 DM). Claudio Hils zeigt zerbröselnde, aber auch neue, intakte Architektur. Er erinnert bildhaft an den Abzug der GUS-Truppen, an Wahlkämpfe, Hausbesetzungen und Demonstrationen – und dies alles nicht nur in Berlin, obwohl Deutschlands Metropole naturgemäß das üppigste Material zum Thema abgibt. Selbst die scheinbare Idylle mit Trabi und sich entspannenden Menschen wirkt gebrochen. Seltsam unfroh nimmt das Buch, zu dem Editor Uwe Zahlaus einen einleitenden Text schrieb mit dem keineswegs falschen Motto „Nichts ist, was es zeigt, nichts ist, wie es scheint“. Im Bildhintergrund: Eine Demonstration zur Erhaltung von Arbeitsplätzen in Borna, März 1990.

Neuland. Fotografien von Claudio Hils 1989-1999

17. 9. – 30.10. Fotogalerie, Kulturamt Friedrichshain, Berlin 

Zeitbilder: Die Fotografien von Claudio Hils sind bildgewordene deutsche Geschichte. Der Blick auf westliche und östliche Wirklichkeiten verschafft Aufklärung über komplexe Umstände und Wirkungen beim Entstehen der neuen deutschen Republik: „Neuland“. Der fotografierte Zeitraum reicht vom Fall der Mauer 1989 bis heute. Die eindringlichen, zeichenhaften Bilder des 1962 geborenen Absolventen der Essener Gesamthochschule beleuchten komplexe Alltagssituationen, gesellschaftliche, ökonomische und politische Bedingungen sowie das weite Spektrum räumlicher Gefüge, die dem Wandel der Zeit ausgesetzt sind. Die vorgefundenen Gegensätze und Widersprüche, die sich abzeichnenden radikalen Veränderungen in der Frühzeit des neuen Deutschland und die daran anknüpfenden Angleichungsprozesse bilden den Mittelpunkt dieser Botschaft. Die Mahnung des Chronisten zur Erinnerung ist deutlich wahrnehmbar. Ein Vergleich mit den Einblicken in die neuere Zeit macht deutlich, dass auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung die Gegensätzlichkeiten zwischen West und Ost noch lange nicht überwunden sind. Die daraus resultierenden Spannungsverhältnisse bestehen weiterhin; manche Befindlichkeiten haben sich verändert oder sind neu dazugekommen. Gerade deshalb sind die Aufnahmen ein entschlossener Beitrag zur Auseinandersetzung mit dieser Problematik und sollen zum gegenseitigen Verständnis der Deutschen beitragen.

Hils registriert und analysiert seine Umwelt äußerst subtil. Die Beobachtungen erfolgen aus einer selbst gebotenen Distanz, die in seinen späteren, zunehmend menschenleeren Bildern noch zunimmt: Er lässt die Dinge sprechen und konzentriert ihren Ausdruck durch zurückhaltende fotokünstlerische Operationen. Im Wesentlichen geht es hier um eine persönliche Deutung der vorgegebenen räumlichen wie zeitlichen Wirklichkeit, eine Sichtweise also, die gesellschaftliche wie sachliche Konnotationen durch einen motivbezogenen und damit bedeutungsrelevanten Auswahlprozess, exakte visuelle Konstruktionen und eine behutsame Laborbearbeitung verdichtet. Innerhalb dieser Präsentationsform sind Zufälligkeiten des Augenblicks und bloße Oberflächenreize ebenso unerwünscht, wie das bloße Zuschaustellen technisch erzeugter, künstlicher Effekte. In diesem Punkt offenbart Hils die dokumentarische Qualität seiner Arbeiten, die von Reproduktionszwängen befreit ist und eine ästhetische Ausdrucksweise offenbart. Deutschland wird Deutschen näher gebracht.

Der Bluff mit der deutschen Wiedervereinigung

Streifzüge durch die mittelmäßige Postmoderne 

Ein älterer Herr steht mit dem rücken an der Wand. Hinter ihm ragt eine mächtige, aber stereotype Bürofassade in die Höhe. Vor ihm dehnt sich eine große Wasserfläche aus, auf der sich die Windböen kräuseln. Der Mann im altmodischen grauen Sommeranzug steht auf einem schmalen Steg zwischen hoher Mauer und Wasserfläche. Mit steifer Haltung schaut er nach oben und wirkt dabei ganz klein im Gegensatz zu seiner mächtigen Umgebung. Zehn Jahre nach der deutschen Maueröffnung 1989 zeigt uns die fotografische Sozialdokumentation „Neuland“, was aus dem Umwälzungsprozess in den neuen Bundesländern inzwischen geworden ist, der 1989 so emotional begann. Ein Volk ging auf die Straße und Fotograf Claudio Hils begann damals sich mit Fotoapparat und Blitzlicht unter die Menge zu mischen. Seine ersten Bilder zeigen Aufruhr und Verunsicherung. Die Blicke der Menschen wirken entfesselt und verstört. Ein Ausnahmezustand außerhalb jeglichen seelischen Gleichgewichts: Die historischen Szenen an den geöffneten Grenzübergängen und die ritualisierten Montagsdemos. Dann eine Zugladung mit Hamsterkäufern. Dicht gedrängt stehen die Neuankömmlinge bis zum Horizont gestaffelt auf einem Berliner Bahnsteig. Eine Menge schiebt sich langsam vorwärts. Schnitt und Szenenwechsel am Brandenburger Tor: Die wohlgenährten Aktivisten einer Karnevalsgarde im vollen Ornat schunkelt sich herrschaftlich warm. Scheinbar ungeordnet schieben sich Eindrücke einer chaotischen Zeit übereinander. Das Buch orientiert sich in seiner Dramaturgie an der Unordnung dieser Zeit, in der kein Platz ist für eine behutsame Annäherung der ungleichen deutsch-deutschen Geschwister. Die Fülle von Nationalsymbolen, die sich Kanzler Kohl, auf dem Zenit seiner Amtszeit, auf dem vollbesetzten Leipziger Karl-Marx-Platz präsentiert, offenbart eine massive Erwartungshaltung, die in dieser Ballung etwas Unheimliches hat. Wer den Lauf der Geschichte nicht aus eigener Erfahrung kennt, ahnt spätestens jetzt, was folgen wird nach Slogans wie „Ja! Besser Leben-CDU“. Uwe Zahlaus spricht in seinem Vorwort über den Konflikt derer, die für die Einheit auf die Straße gegangen sind mit denen, die dafür bezahlen. Die Einsamkeit der Menschen vor der Kamera kann man bislang ahnen. Im Strudel der Ereignisse, in der ersten Hälfte der Bilderzählung, hat sie etwas Flüchtiges und Beiläufiges. In der darauffolgenden zweiten Hälfte der Erzählung spürt man die Gefühlswelt der Einsamkeit dann eindringlicher, als existentielles Gefühl, das den Betrachter hinter der Kamera bei seinen Streifzügen durch die neuen Bundesländer begleitet. Claudio Hils präsentiert zeichenhafte, ausschnitthafte Impressionen der Landschaften und Städte, die er nun viel distanzierter beschreibt. Menschen tauchen nur noch beiläufig auf. Sie huschen vorüber zwischen Bauverschalungen und Mauern, die die Wunden der Zeit nicht verbergen können. Blicke über frischgestrichene Gartenzäune geben den Blick frei auf rote Gartenzwerge. In Plattenbausiedlungen, den Reservaten des Sozialismus, sieht man keine Menschenseele auf der Straße. Bei diffus bewölktem Licht werden wir durch die weitläufige Ebene mittelmäßiger, deutscher Postmoderne geführt. Die Szenen könnten irgendwo in der uniformen westlichen Hemisphäre spielen, wo lokale Individualität auf dem Rückzug ist. Über unsere Wahrnehmung schiebt sich der Graufaktor eines Filters, der Empfindungsspitzen einebnet. Übrig bleibt der fade Nachgeschmack an einen Samstagnachmittag nach Ladenschluss. So gesehen wirken selbst einst so makabere Schauplätze, entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, einfach banal mit einem Anflug von Unwohlsein. Neuland?


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